Wassenberg: Detektivarbeit in preußischen Chroniken

Einblick in die Geschichte : Detektivarbeit in preußischen Chroniken

Christoph Steffens, Dieter Krappen und Sepp Becker haben Bürgermeisterchroniken in die Moderne übertragen. Die Aufzeichnungen aus dem Amt Myhl von 1825 bis 1931 geben tiefe Einblicke in das Leben in längst vergangener Zeit.

Christoph Steffens kann sich noch gut an die schaurige Geschichte erinnern, die sein Großvater ihm immer erzählte. Sie handelte von einem jungen Mann, der an Tollwut erkrankt war und sich in eine Bestie verwandelte. So ganz glauben konnte er das nicht. Das musste sich der Opa doch ausgedacht haben. So dachte Steffens, bis er in der Bürgermeisterchronik von Myhl die Seiten aufschlug, die von den Geschehnissen des Jahres 1839 handeln. „Da war ich baff“, sagt Steffens. Denn dort steht in ordentlicher, aber heute schwer zu lesender Schrift, dass ein Kind von einem tollwütigen Tier gebissen wurde, sich die Krankheit einhandelte und schließlich daran starb. Die Geschichte des Großvaters war also doch war, vielleicht schmückte der Volksmund sie etwas blumiger aus. Aber: „Das ist tatsächlich passiert“, sagt Steffens.

Das ist nur eine von vielen Anekdoten, die Christoph Steffens, Dieter Krappen und Sepp Becker, die Archivgruppe von St. Marien Wassenberg, nun aus der Historie von Myhl erzählen können. Seit 2016 haben sie die vier Bände der Myhler Bürgermeisterchronik abgeschrieben. Man muss eigentlich sagen, dass sie die Chroniken transkribiert haben. Denn was in den Büchern zwischen 1825 und 1931 niedergeschrieben wurde, können heute nur noch wenige Menschen lesen: Zu rätselhaft erscheinen Sütterlin- und Kurrentschrift dem Leser von heute.

Herausgekommen sind zwei Bände, die die Chroniken eins zu eins abbilden. Grammatik, Interpunktion und Rechtschreibung wurden übernommen. Statistische Daten sind außerdem zu Diagrammen und Schaubildern zusammengefasst.

Nun muss man dazu sagen, dass die Relevanz dieser beiden Bände deutlich über die Myhler Ortsgrenzen hinausgeht. Der Text gibt einen tiefen Einblick in die Zeit, als die Preußen im Rheinland herrschten, als die Landwirtschaft noch über Wohl und Wehe der gesamten Bevölkerung entschied und als die Menschen sich gegenseitig helfen mussten, weil es staatliche Sicherungssysteme wie Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung noch nicht gab. „Das sind wunderbare Zeugnisse“ – wahre „Schatztruhen“, sagt Sepp Becker. Oder wie es Christoph Steffens ausdrückt: „Wunderbare Schmöker durch die Zeit.“

Sie haben den Myhler Bürgermeisterchroniken eine moderne Form gegeben: Christoph Steffens, Dieter Krappen und Sepp Becker (v.l.). Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Wie stark der Kitt damals war, der die Gesellschaft zusammenhielt, hat Christoph Steffens nachhaltig beeindruckt: In Notzeiten habe es Sammlungen, Suppenküchen und Bauprogramme gegeben, die Menschen Arbeit brachten. „Die Hilfsbereitschaft war damals groß. Die konnten nicht ohne ihre Nachbarn. Sie halfen sich sofort, wenn es eine Notlage gab“, sagt Steffens.

Aber die Chroniken erzählen auch etwas darüber, wie Institutionen entstanden. „In Myhl hat es auffallend oft gebrannt“, sagt Dieter Krappen. Da müsse man sich fast wundern, dass das Dorf überhaupt noch steht. Diese Bestandsaufnahme ist das eine. Krappen sagt aber auch, dass die Leute sich zu helfen wussten. „Fast alle Brände waren durch Versicherungen abgedeckt“, sagt er. Die Leute hatten also das Geld und die Möglichkeit, ihre Häuser zu versichern. Und außerdem gibt es in den Texten schon Hinweise auf erste Vorläufer der Feuerwehr.

Das Projekt, die Chroniken zu übertragen, begann im Archiv von St. Marien. „Wir haben dort aufgeräumt und eine Chronik gefunden“, sagt Krappen. Wohlgemerkt einen einzelnen Band der Wassenberger Bürgermeisterchronik. „Das muss es doch auch in Myhl geben“, dachte sich Krappen. Im Heimatmuseum fand er die vollständig erhaltenen Bände. Damit begann eine Heidenarbeit. Besonders für Christoph Steffens, der den Löwenanteil geschultert habe.

Alte Schriften, französische und lateinische Einschläge und Worte, die heute nicht mehr gebräuchlich sind, machten die Texte zu Werken, die erst einmal entschlüsselt werden wollen. So ist der Komparent ein Beteiligter bei einem Vertragsabschluss, die Retirade ist der militärische Rückzug und die Schleichträger sind Schmuggler, die in steter Regelmäßigkeit von Zöllnern erschossen wurden.

Das Wetter, die Landwirtschaft, Unglücksfälle, Mord und Totschlag, Schule, Kirchenpersonal, Beschäftigung, erste Industrien und der Beginn des Bergbaus, politische Entwicklungen und Grenzvorfälle – all das ist in den Chroniken niedergeschrieben. Zu verdanken haben die Lokalhistoriker das den Preußen. Die kamen 1815 ins Rheinland und legten großen Wert darauf, all das zu erfassen. Wohl auch schon aus einem gewissen Geschichtsbewusstsein heraus, wie Sepp Becker sagt. Allerdings auch in einem Stil, der „sehr obrigkeitstreu“ daherkommt. Becker verdeutlicht das an einem Textbeispiel, in dem es um Verhandlungen von Papst Gregor und dem König von Preußen geht. Der katholische Erzbischof von Köln war von den protestantischen Preußen in den Knast gesteckt worden. Nun wurde er wieder eingesetzt und im selben Moment von einem anderen geistlichen abgelöst. Das alles ist in der Chronik so blumig formuliert wie ein Liebesgedicht. „Köstlich“, sagt Sepp Becker.

Nachdem die Chroniken vom Amt Myhl, zu dem im Übrigen auch Altmyhl, Wildenrath, Arsbeck und Dalheim-Rödgen gehörten, nun abgeschrieben sind, wollen Steffens, Becker und Krappen weitermachen. Die Wassenberger Chroniken seien vermutlich nicht vollständig erhalten, sagen sie. Bei den Birgelener Bürgermeisterchroniken sind sie schon optimistischer. „Es ist meine große Leidenschaft, alte Texte in eine moderne Fassung zu bringen. Das ist wie Detektivarbeit“, sagt Christoph Steffens.

Mehr von Aachener Nachrichten