Schöne Schimpfworte auf Platt: „Vottmimkes“ klingt nett, ist es aber nicht

Schöne Schimpfworte auf Platt : „Vottmimkes“ klingt nett, ist es aber nicht

„Welcher Fluch liegt Ihnen oft auf den Lippen?“ Das haben wir unsere Leser vor einiger Zeit gefragt und haben viele Antworten bekommen — natürlich auf Platt. Ist ja klar. Erstens geht es in unserer Serie „opjeschrie-ve“ ja um den Erhalt der heimischen Mundart und zweitens ist „Platt dem Hochdeutschen weit überlegen“. Das sagt Karl Bertrams.

Er muss es wissen. Zu den von ihm mitorganisierten Treffen von de Berker Klängerstuev kommen regelmäßig viele Zuhörer, um Geschichten von früher und heute auf Platt zu hören. „Auf Platt kann man jemanden ,d‘ Levitte lä’ese‘ (die Meinung sagen), ,d‘r Schtu‘av ut d‘ Oore bloase‘ (die Augen öffnen) ,d‘ Mull schtoppe‘ (den Mund verschließen), ,jät op-de Bottram schmiire‘ (die Wahrheit sagen) ,jät onger d‘ Wäss döijje‘ (etwas Unangenehmes sagen) „d‘r Dopp schmekke‘ (wörtlich: Kreisel peitschen, also etwas geschickt ausführen).“ Und eben ganz schön schimpfen. Platt „ist klarer und einfacher im Ausdruck und es liebt kleine Sätze“, schwärmt der Beecker Mundartpapst.

Deftige Ausdrücke

Irmgard Windeln aus Kirchhoven kennt eine Menge deftiger Ausdrücke, die aber eher eine Eigenschaft oder das Verhalten eines Menschen bezeichnen. „Zu Schimpfworten werden sie erst dann, wenn man sie dem Gegenüber böse entgegenschleudert“, schreibt sie. Eine Auswahl hat sie mitgeschickt, wie den „Ooßekopp“ (Sturkopf), den „Seeversock“ (Laberer) und den Höerepäet (Hornochse).

Auch der „selde Petternöffel“, also der „seltsame Kauz“ kann als Schimpfwort gelten, vorausgesetzt, der Empfänger kommt nicht aus dem benachbarten Limburg, dort ist ein „Petternöffel“ nämlich ein Schmetterling.

Für Dr. Marie-Luis Wallraven-Lindl war Deutsch die erste Fremdsprache. Obwohl sie inzwischen seit Jahren in München lebt und arbeitet, spricht die gebürtige Haarenerin heute noch mit Begeisterung Platt. Hinsichtlich des Dialekts könnte man sich, so sagt sie, „von den verschiedenen bayrischen Stämmen eine Scheibe abschneiden. Hier pflegen die Menschen selbstbewusst ihre Mundart.“ Sie jedenfalls nutzt, obwohl in der sprachlichen Diaspora wohnend, auch heute noch jede Gelegenheit, in ihrer Muttersprache zu reden und vor allen Dingen auch zu schimpfen! „Zu den Schimpfworten, die ich oft mit Vergnügen hörte, gehört ,Kollesüper‘.“ Das bedeutet übersetzt Dachrinnensäufer. So betitelt wird ein unangenehmer Mensch, der dazu noch sehr groß gewachsen ist. Einen kleinen Menschen beschimpfe man als „Votthüvel“, schreibt sie. Bei der Übersetzung allerdings setzt sie — ganz Dame — nur drei Punkte, wo es um die „Vott“, also das ziemlich runde, ziemlich rückwärtige Körperteil des Menschen geht. „Vottmimkes“ klingt zunächst ganz charmant, weil hier ja Kätzchen im Spiel sind, es ist aber ebenso wenig nett gemeint wie die „Kroddel“, was so viel heißt wie Kröte.

Tierische Schimpfworte fallen Marcell Lenzen jede Menge ein. „Aue Kröbbebieter“ zum Beispiel, also alter Krippenbeißer, das wiederum ist ein abwertendes Synonym für ein in die Jahre gekommenes Pferd, das ja auch gerne Gaul oder Klepper genannt wird. „Bellremmel“ (Kläffer), wird jemand betitelt, der immer laut rumtönt, aber wenig zu sagen hat. „Bennebier“, so nennen Bauern einen kastrierten Eber und andere jemanden, der nichts auf die Reihe bringt. Und dann gibt es da noch den „Griinser“ (männliche Heulsuse), den Hümme (das Hemdchen, jemand der etwas schwach auf der Brust ist) und die „Broatwoasch“ (jemand ohne Rückrat).

Flapsige Sprüche

Marcell Lenzen ist ein schier unerschöpflicher Quell von flapsigen Sprüchen, die er dankenswerterweise in unseren elektronischen Briefkasten sprudeln ließ. „Du hast doch et Schoat errut!“, heißt es da. Im Geilenkirchener Platt bemängelt man nämlich nicht das Fehlen von Tassen, sondern von Schubladen im Schrank. „Der süt se vlegge“, sagt man zu jemandem, der einen schweren Dachschaden und ergo einen guten Blick auf alles hat, was fliegt. Dass Herr Lenzen so gut Platt spricht, obwohl er erst ein bisschen mehr als vierzig Jahre alt ist, liegt daran, dass in seiner Tischlerei Platt jekallt wird. Und zwar so intensiv, dass ein auswärtiger Kunde mal fragte, ob der Mitarbeiter aus Russland käme. Dabei hat der nur zu seiner Frau gesagt: „Joa, joa, isch mi-e disch noch der Rasen.“

Serie Genug geschimpft! Jetzt wüsste ich gerne: Gibt es eigentlich genauso viele Koseworte und Liebeserklärungen auf Platt? Auf zuckersüße Antworten freut sich m.ibsen@zeitungsverlag-aachen.de.

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