1. Lokales
  2. Heinsberg

Flüchtlings-Azubis in Heinsberg: Vom Analphabeten zum Innungssieger

Flüchtlings-Azubis in Heinsberg : Vom Analphabeten zum Innungssieger

„Das ist eine steile Karriere in fünf Jahren“, freut sich Martina Hackenholt. Das Mitglied der Erkelenzer Flüchtlingshilfe „Ankommen e.V.“ hat miterlebt, wie der damals 16-jährige Afghane Nasrat Nazari nach seiner Flucht in die Bundesrepublik quasi bei Null angefangen hat.

Zuerst musste der Junge, der nur drei Jahre eine Dorfschule besuchte, lesen und schreiben lernen und gleichzeitig die deutsche Sprache büffeln. Es war ein harter Weg, bis er 2020 schließlich eine Ausbildung zum Tischlergesellen erfolgreich abschließen konnte.

Für seine Leistungen in der Prüfung und sein Gesellenstück, eine Glasvitrine aus Holz, erhielt der heute 21-Jährige sogar eine Belobigung als Innungssieger. „Ich bin Vierter von 23 im Kreis Heinsberg geworden“, sagt Nasrat bescheiden dazu.

Dieser Erfolg war nur möglich, weil viele positive Faktoren zusammengespielt haben: Auf der Seite von Nasrat waren das Disziplin, Fleiß und der Wille, die Chancen im neuen fremden Land unbedingt nutzen zu wollen. Auf der anderen Seite waren das seine Flüchtlingshelferin Christine Comenius, die Nasrat in der Erstaufnahme in Grevenbroich kennenlernte und heute „Mama“ nennt, später die Erzieher und Erzieherinnen im Jugendhof Genfeld in Erkelenz, das Lehrerkollegium der Hauptschule Erkelenz, Flüchtlingshelferin Martina Hackenholt und die Arbeitgeber, die ihm Möglichkeiten für Praktika und Ausbildung gaben. Nicht zuletzt eine Erkelenzer Familie, die dem jungen Afghanen mietfrei ein Zimmer in der eigenen Wohnung zur Verfügung stellte. Denn als Nasrat bei Volljährigkeit den behüteten Jugendhof verlassen musste, hätte er in ein Flüchtlingscamp mit vier Personen pro Zimmer ziehen müssen. „Dort wäre ein vernünftiges Lernen unmöglich gewesen“, weiß der junge Mann.

Er ist allen, die ihn bei seinem Ankommen in Deutschland unterstützt haben, sehr dankbar. „Auch meine Mitschüler in der Hauptschule und meine Kollegen bei Innenausbau Claßen waren immer hilfsbereit“, berichtet er von seinen positiven Erfahrungen. Mittlerweile hat er mit Hilfe von „Mama“ Christine eine eigene kleine Wohnung in Erkelenz gefunden und ist als Geselle von seinem Lehrherrn Hermann-Josef Claßen übernommen worden.

Dass er nun auch endlich eine Aufenthaltserlaubnis für zunächst zwei Jahre in der Tasche hat, ist das i-Tüpfelchen auf seiner Entwicklung. Denn die Jahre als abgelehnter Asylbewerber mit Duldung waren bitter: „Als Geduldeter wirst du wie ein Ball von allen behandelt. Sie kicken dich weg, weil sie nicht in dich investieren wollen. Sie denken, du wirst ja sowieso abgeschoben.“

Mutterseelenallein mit 15

Die Angst vor Abschiebung kennt auch sein Freund Shir Hussein Ahmad Ali, der mit erst 15 Jahren als minderjähriger Flüchtling mutterseelenallein in Deutschland ankam. Der Afghane, den seine Familie wegen der vielen tödlichen Konflikte im Land auf die Reise schickte, hat Nasrat in der Erstaufnahme in Grevenbroich kennengelernt. Hussein wurde später bei der Verteilung auf die Kommunen ebenfalls im Erkelenzer Jugendhof Genfeld untergebracht. Auch er lernte Deutsch in der hiesigen Hauptschule und später im Berufskolleg und fand eine Ausbildung bei Aldi. Seit wenigen Wochen hat er nach zwei Jahren Lehrzeit schon den Verkäufer-Abschluss in der Tasche. Jetzt lernt er noch ein Jahr intensiv für den Einzelhandelskaufmann.

Ihm blieb das Flüchtlingsheim nach der Volljährigkeit zwar nicht erspart, aber während der Phase seiner Prüfungsvorbereitung hatte er Glück: Er konnte das Zimmer von Nasrat bei der Erkelenzer Familie übernehmen, als dieser seine eigene Wohnung bezog. Noch heute hat Hussein, der inzwischen durch „Ankommen“-Mitglied Martina Hackenholt eine Wohnung gefunden hat, Kontakt zu seinem Wohnungsgeber: Wenn dieser im Urlaub weilt, gießt Hussein dessen Blumen und darf die Tomaten ernten.

Man vertraut einander wie in einer Familie.

Führerschein machen

Nach so vielen positiven Erfahrungen schauen Hussein und Nasrat beide optimistisch in die Zukunft. „Man kann alles schaffen, wenn man will“, ist Hussein überzeugt. Und er hat schon das nächste Ziel vor Augen: den Führerschein.

„Die beiden jungen Afghanen Hussein und Nasrat sind natürlich für uns Flüchtlingshelfer Motivation pur“, sagt Andrea Ludwigs-Spalink. Die Vorsitzende der Erkelenzer Flüchtlingshilfe „Ankommen e.V.“ weiß aber auch, dass nicht alle Azubis unter den Geflüchteten so glückliche Umstände und helfende Hände finden. Deshalb möchte der Verein verstärkt denen unter die Arme greifen, die Hilfe beim Lernen in Schule und Beruf brauchen.

Gesucht werden Menschen, die aus den verschiedensten Handwerks- und kaufmännischen Ausbildungsberufen kommen und Lust haben, nach Absprache z. B. mit einem Maurer- oder Kfz-Mechaniker-Azubi Hausaufgaben zu machen und ihn auf Klassenarbeiten vorzubereiten.

„Deutschland braucht qualifizierte Arbeitskräfte, die sich ihren Lebensunterhalt in Würde selbst verdienen können“, so Ludwigs-Spalink. „Wer dazu beitragen möchte, erlebt oft schöne Begegnungen und große Freude über jeden kleinen erfolgreichen Schritt.“

(red)