Erkelenz: Telefonkarten, die Aktien des kleinen Mannes

Erkelenz: Telefonkarten, die Aktien des kleinen Mannes

So schnell kann es gehen. Jahrelang war Waldemar Wollny (Mitte 40) das jüngste Mitglied des 1. Erkelenzer Telefonkarten- und Münzvereins 1992/04. Ausgerechnet im 20. Vereinsjahr, an einem sonnigen Tag im November muss er anlässlich eines Tauschtages diesen schmeichelhaften Titel abgeben.

Im Forum der Franziskus- Grundschule in Erkelenz, der Heimat der Tauschtage, ist der 16-jährige Steffen Vogel Vereinsmitglied geworden. Enttäuscht ist Wollny nicht — im Gegenteil. Er freut sich über „junge Leute im Verein, der Altersdurchschnitt unserer 30 Mitglieder liegt ja irgendwo im Rentenalter.“ Wollny sammelt Münzen und bei ihm steht die Leidenschaft im Vordergrund, nicht die Rendite.

Auch sein „Nachfolger“ Vogel beschäftigt sich mit Münzen. Bei Einführung des Euros habe er „mit seinem Opa von jedem Land was gesammelt“. Damals war er fünf. Fast zehn Jahre später sei er in Frankreich gewesen und habe gesehen, welche Vielfalt Numismatik bietet. „Schade, dass sich junge Leute für das Thema Sammeln im Allgemeinen und Münzen im Besonderen nicht interessieren.“ Er zum Beispiel lerne „nebenher ganz viele Dinge, auf die ich sonst keinen Blick richten würde.“

Als Beweis legt er eine Zwei-Euro-Münze aus San Marino vor, die 2010 anlässlich des 500. Todestages von Sandro Botticelli herausgegeben wurde. „Sie zeigt eine der drei tanzenden Grazien. Mit Botticelli hätte ich mich sonst nie beschäftigt.“ Seine Lieblingsmünze ist die Zwei-Euro-Gedenkmünze, 60 Jahre Menschenrechte aus Finnland, die mit dem Herzen. „Wenn ich die irgendwo sehe, die kaufe ich immer. Manchmal mache ich Menschen, die mir am Herzen liegen, damit eine Freude“.

Am Stand von Gerhard Wolff gibt es neben den Münzen auch noch ein kleines Eckchen mit dem bunten Rest einer großen Telefonkartensammlung. „Die Karten sind einfach aus der Mode gekommen“, klagt er. Seinerzeit habe er sich davon Rendite versprochen — immerhin sei die Telefonkarte einmal als Aktie des kleinen Mannes bezeichnet worden. Aber der Markt ist katastrophal eingebrochen, „ich habe viel Geld verloren.“ Jetzt verkauft er nur noch die Restbestände.

Werner Dobberstein, stellvertretender Vorsitzender des Vereins, besitzt dagegen noch eine große Sammlung. „Wir waren sogar der erste Telefonkartenverein mit einer eigenen Telefonkarte“ erklärt er stolz und kramt in seinen Alben, um das gute Stück hervorzuzaubern. „Es gibt herrlich Motive“, begeistern ihn die kleinen Kärtchen nach wie vor.

Er weiß, dass es schlecht um den Markt bestellt ist. Mit dem Siegeszug der Handys seien sie einfach in Vergessenheit geraten. Er nutzt inzwischen Ebay als Plattform für den Verkauf und hat die Erfahrung gemacht, dass gut die Hälfte seiner Käufer nicht aus Deutschland kommt. Das Geld sei knapp hier und „große Sammlungen werden für ganz kleines Geld verkauft“.

„Fünf Tauschbörsen haben wir in diesem Jahr veranstaltet“, erzählt Heinz Niessen, Vorsitzender des Vereins, „wir sind eine feste Adresse für die verbliebenen Freunde des Hobbys aus ganz Nordrhein-Westfalen.“

Und wie auf Stichwort erscheint Hennes Zander aus Köln. „Ich bin regelmäßig hier und suche alles, was mit Köln zu tun hat“, berichtet er und rückt seinen Geißbock-Schal zurecht. „Das geht von Motiven aus Köln bis zu Karten, auf denen eine Kölner Telefonnummer steht.“ Vor zehn Jahren hat er angefangen zu sammeln „und wenn ich in den Himmel komme, werde ich meine Sammlung einem Kölner Museum vermachen“, lacht er.

Ein bisschen Wehmut scheint ständig in der Halle mit den vereinzelten Besuchern zu schweben. Manchmal überrollt die Zeit die Dinge. Auch kleine bunte Plastikkärtchen, denen einmal eine große Zukunft vorausgesagt wurde.

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