Tagebau Garzweiler II: Nicht alle wollen Keyenberg erhalten

Nicht alle wollen Keyenberg erhalten : Lebensqualität am Rand von Garzweiler schwindet immer weiter

Bernd Pieper, 55 Jahre, ärgert sich darüber, dass immer wieder diejenigen zu Wort kommen, die die Umsiedlung von Keyenberg stoppen wollen. Oft redeten auch Kohlegegner, die gar nicht aus dem Ort kommen, „im Namen“ der Keyenberger.

„Darüber regen wir uns auf“, sagt Pieper. Die große Mehrheit wolle nämlich mittlerweile weg aus Keyenberg, weil der Ort kaum noch Lebensqualität biete.

Dienstagabend, 21.59 Uhr, ZDF: Marietta Slomka spricht im „heute-journal“ über den Kohleausstieg. Es ist die Anmoderation für einen Beitrag aus dem Rheinischen Revier. Die ersten Bilder kommen aus Keyenberg, einem der Erkelenzer Dörfer, über die derzeit so viel gesprochen wird. In diesem Beitrag redet eine Keyenbergerin, die hofft, dass ihr Dorf doch noch stehen bleiben kann. Beiträge wie der im „heute-journal“ sind aus journalistischer Sicht vollkommen in Ordnung. Möglicherweise zeichnen sie aber ein Bild, das nicht der Lebensrealität der Mehrheit der verbliebenen Einwohner von Keyenberg entspricht.

Krach, Dreck, Angst – damit müssten die Menschen in einem sterbenden Dorf leben, sagt Pieper. Und damit lebt es sich schlecht. Davon werde in der Öffentlichkeit viel zu wenig gesprochen. Bernd Pieper und seine Frau Monika konnten sich lange Zeit nicht mit dem Gedanken anfreunden, Keyenberg zu verlassen. Ihr Haus haben sie vor mehr als 20 Jahren selber gebaut.

Keyenberg ist die Heimat von Bernd Pieper. Aber er findet sie nicht mehr lebenswert. Er will weg. Und das wollten die meisten Einwohner, sagt er. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Bernd Pieper ist in Keyenberg geboren und bei den Schützen und im Karnevalsverein aktiv. „Ich hänge auch dadran. Das ist meine Heimat“, sagt er. Aber das, was er an seiner Heimat so liebt, verschwindet immer weiter. Ende 2016 kam der offizielle Umsiedlerstatus. Jetzt leert sich das Dorf. Mit rund 57 Prozent der betroffenen Eigentümer in den letzten fünf Umsiedlerorten habe sich RWE bereits über den Kauf der Anwesen geeinigt. Am neuen Umsiedlungsstandort gebe es rund 170 Neubauten, Bauprojekte oder Planungen.

Auch das neue Haus der Piepers. im Umsiedlerort im Erkelenzer Norden ist im schon im Bau. „Wir wollten nicht die letzten sein, die das Licht ausmachen“, sagt Bernd Pieper: „Das Kind ist schon vor Jahren in den Brunnen gefallen.“ Der aktuell so erbitterte Widerstand komme viel zu spät: „Vor 20 Jahren wäre ich froh gewesen, wenn man so einen Aufstand gemacht hätte.“

Jetzt sieht Pieper keine Chance mehr, Keyenberg zu retten. „Man kann nicht während einer laufenden Umsiedlung sagen, dass das jetzt gestoppt werden soll. Die Leute würden sich ja verarscht fühlen“, sagt Pieper. Zum Beispiel, wenn man gerade schweren Herzens sein Haus verkauft hat. Und dann soll das alles doch nicht nötig gewesen sein.

Dass ein Umsiedlungsstopp überhaupt noch ein mal ernsthaft diskutiert wird, hat mit den Entwicklungen des vergangenen Jahres zu tun: Massenhafte Proteste gegen die Rodung des Hambacher Forstes, die auch gerichtlich ausgesetzt wurde, eine bundespolitische Diskussion über das Ende der Braunkohle und die Kohlekommission, die mittlerweile einen Abschlussbericht vorgelegt hat, bliesen den Kohlegegnern am Tagebau Garzweiler Rückenwind in die Segel. Tenor: Um die Dörfer in Erkelenz wird genauso erbittert gekämpft wie um den Hambacher Forst. Der BUND forderte diese Woche erneut, die „Zwangsumsiedlungen“ sofort zu stoppen. Aus der geplanten Abschaltung von 3,1 Gigawatt Kraftwerksleistung ergebe sich, dass die Dörfer und der Hambacher Forst beim Kohleabbau ausgespart werden könnten.

Ungeachtet dessen kommen die Bagger Keyenberg bedrohlich nahe. Am Ortsausgang sieht man die monströsen Maschinen, man hört sie Tag und Nacht. Und die Pumpen, mit denen RWE das Grundwasser abpumpt, stehen wenige Meter neben dem Ortsrand. Direkt hinter dem Garten der Piepers habe RWE ein Loch für eine solche Pumpe gebohrt. Jetzt sehen sie einen Erdwall, wenn sie durch die Terrassentüre in ihren Garten schauen. Immer mehr Häuser stehen leer. Fenster sind teils zugemauert. Die Umsiedlung lässt sich nicht mehr aufhalten, findet Pieper.

Aber die Piepers gehen ja sowieso. Da könnte ihnen doch eigentlich egal sein, was mit dem Ort passiert. Oder nicht? Pieper findet, dass ein geteilter Ort die ohnehin belastete Gemeinschaft zerstören würde. Gäbe es ein altes und neues Keyenberg, wüsste niemand, wo die Schützenfeste, die Karnevalsveranstaltungen und andere Feiern stattfinden sollen. Die Bruderschaft soll nächstes Jahr umsiedeln, und sie plant schon mit der Gemeinschaftshalle, die am neuen Ort gebaut werden soll. Würde die überhaupt noch gebaut werden, wenn die Mehrzweckhalle im alten Keyenberg stehenbleibt? Wo käme der Friedhof hin? Was wäre mit der Kirche?

Die Vereine setzen auf einen Neustart, der ja auch beflügeln kann. Das hat das Beispiel Immerath gezeigt, wo am neuen Ort eine vitale Gemeinschaft entstanden ist.

Aber aktuell hängen auch die Vereine in der Luft. Und die machen in den kleinen Dörfern unserer Region einen großen Teil des Kitts aus, der die Gesellschaft zusammenhält. Aus dem zuständigen Ministerium war zuletzt zu hören, dass man schnellstmöglich Klarheit für die letzten fünf Erkelenzer Umsiedlerorte schaffen wolle – bis zum Ende des Jahres. „Lächerlich“ sei das, findet Pieper. Für die Keyenberger seien das acht weitere Monate Ungewissheit.

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