Heinsberg: Stopp-Schild in der Fernsehlandschaft ist längst Geschichte

Heinsberg: Stopp-Schild in der Fernsehlandschaft ist längst Geschichte

Die Zeit läuft heute nicht mehr, sie galoppiert. Der Takt, der dem Leben von außen vorgegeben wird, ist so schnell geworden, dass viele Dinge, die gestern noch vertraut und uns lieb und teuer waren, heute fremd erscheinen. Dabei hatten sie vor noch nicht langer Zeit eine große Bedeutung. Im Rückblick sind sie für den Einzelnen mit vielen Erinnerungen, teilweise auch noch mit Gefühlen behaftet. In einer kleinen Serie wollen wir an solche Dinge, die einst bedeutsam waren und heute aus dem Alltag verschwunden sind, erinnern.

„The times, they are a-changing“, näselte einst Bob Dylan seine weise Botschaft in den Musikorbit. Und wie rasant sich die Zeiten ändern. Damals, als Dylan packende Balladen produzierte, war die Welt noch eine faszinierende Kugel, die uns teilweise so unbekannt erschien wie der Mond selbst. Katastrophen, Skandale und sonstige Ereignisse kamen in einem knapp bemessenen zehnstündigen Sendefenster in deutsche TV-Stuben.

Heute? Heute rieseln alle möglichen und unmöglichen Digitalitäten rundum die Uhr aus dem Flachbildschirm auf den User hernieder. Und wer kennt da noch das gute alte Testbild. Wahrscheinlich nur noch Fernseh-Dinosaurier wie ich, die im grauen, respektive schwarz-weißen TV-Mittelalter noch mit solch seichten Unterhaltungsschinken wie Lassie, Rintintin und Fury gefüttert wurden.

Das Testbild — es war quasi das Stopp-Schild in der Fernsehlandschaft, nachts, ab 0 Uhr. Nichts ging mehr, bis zum nächsten Nachmittag. Bis dahin stand die bildbewegte Informationsmaschinerie still, Skandale oder besser: deren Verkündung mussten schlichtweg warten. Nachmittags verschwand das Testbild vom Schirm des damals noch recht klobigen Fernsehkastens. Und irgendwann, einhergehend mit der Einführung der privaten TV-Sender, war das liebgewonnene Testbild ganz vom Schirm verschwunden.

Es hat mich begleitet bis in die späte Jugend. Wenn man am Wochenende vom Disco-Besuch nach Hause kam, es war in der Regel gegen 0 Uhr (!), wollte man noch einen Blick auf die letzten Nachrichten mit Herrn Köpke oder Frau Bergmann erhaschen. Meist vergebens.

Doch ehe das Testbild auf der Mattscheibe klebte, wurde es noch mal richtig feierlich, staatstragend, ja sogar sentimental. Die deutsche Nationalhymne erklang zum fast immer gleichen Filmchen, das wie ein friedliches Stillleben anmutete: Im Vordergrund wog sich im sachten Wind die schwarz-rot-goldene Flagge, im Hintergrund pflügten Schiffe über den majestätisch daherfließenden Vater Rhein.

So viel Pathos damals, völlig undenkbar heute. Das Leben mit Sende- und Verschnaufpausen ist von gestern, die totale Tele-Verfügbarkeit auf allen Kanälen ist längst gesellschaftlicher und unumkehrbarer Standard.

The times, they have a-changed. Die moderne Rundfunktechnik ist von einem anderen Stern oder besser von einem Satelliten, den Programminhalten sind keine Grenzen gesetzt, und die Jugendlichen starten heute erst um 0 Uhr zum Disco-Gang.

Heute gilt: Nonstop und viel Nonsens. Und wenn es die xte Wiederholung vom Tatort ist oder die Bruzzelei des Herrn Lichter vom Vortag, die schon längst gegessen ist, oder die lasziven Ruf-an!-Dominas auf den hinteren Kanälen. Da sehnt sich der TV-Dinosaurier zuweilen das gute alte Testbild herbei, das der Reizüberflutung einen Riegel vorschob.

Wie recht hatte Nina Hagen, als sie voller Ironie und trotzig trällerte: „Ich glotz‘ TV von Ost nach West, 2, 5, 4,/ ich kann mich doch gar nicht entscheiden/ ist alles so schön bunt hier!“

Das Testbild bleibt ein Stück persönlicher Vergangenheit, eine Vergangenheit, an die ich mich gerne erinnere, auch wenn um Mitternacht für TV und mich Schluss war. Der Nostalgiker gibt es offenbar noch mehr. Die Testbilder verschiedener Sender haben, beileibe nicht von künstlerischer Raffinesse, einen gewissen Kultstatus erreicht und sich in bestimmten Kreisen zu einem beliebten Sammelobjekt entwickelt. Das letzte deutsche Fernsehprogramm, das regelmäßig ein Testbild sendete, war übrigens bis Ende 1997 das hr-Fernsehen.

Die Zeiten, als das Fernsehen nachts noch schlafen ging, kommen nicht wieder. Der mediale Dauerpowereinsatz macht auch die Nacht zum Tag. Wem es gefällt.

Als geschulter Testbild-Gucker weiß ich jedoch, wann für mich die letzte Fernsehstunde geschlagen hat.