Heinsberg-Waldenrath: Stolpersteine geben Opfern ihre Namen zurück

Heinsberg-Waldenrath: Stolpersteine geben Opfern ihre Namen zurück

„Hier wohnte Max Cohen, Jg. 1870, deportiert 1942, Theresienstadt, ermordet 21.2.1944“. So steht es auf dem ersten Stolperstein in der Stadt Heinsberg, den der inzwischen weltweit bekannte Künstler Gunter Demnig im Bürgersteig an der Corneliusstraße unter der Hausnummer 28 verlegt hat.

„Et Connsche“ wurde der Mann genannt, der im Haus 115 von Waldenrath an einer Straße lebte, die heute Corneliusstraße heißt. Cohen stammt aus Gerresheim, das heute zu Düsseldorf gehört, und war Sohn eines Metzgers. Er arbeitete als Viehhändler. 1902 heiratete er in Waldenrath seine Frau Helena, die 1934 starb. Sein Sohn Alfred gelangte rechtzeitig in die USA und konnte so dem Tod im Konzentrationslager entgehen.

Jetzt erinnert eine Inschrift in Messing auf einem zehn mal zehn Zentimeter großen Stein an den jüdischen Einwohner Waldenraths. Dieser Stein ist einer von rund 65.000, die Demnig inzwischen in 21 Ländern Europas und auch darüber hinaus verlegt hat, um an die Juden zu erinnern, die Opfer des Holocaust wurden.

An der Kirchstraße 3 und 48 sowie an der Vitusstraße 9 baute Demnig in Waldenrath weitere elf Stolpersteine in die Bürgersteige ein, die an Mitglieder der Familie Lichtenstein, allesamt Viehhändler, erinnern. Hinzu kam ein Stein an der Kirchstraße 16, wo Sofia Selma Coopmann (geborene Lichtenstein), zusammen mit ihrer Schwester Rosalie Schnock, die Modistin war, ein Putzgeschäft betrieb, in dem es Artikel zum Ausputz von Bekleidung, also Bänder und Schnüre, Spitzen, Stickereien, Pailletten und auch Schmuckfedern zu kaufen gab.

Neben dem Künstler, dem Ersten Beigeordneten Jakob Gerards, den beiden Bauhofmitarbeitern Markus Klein und Norman Kamp, die Demnig halfen, und den beiden Heimatforschern Heinz Cleef und Karl Beumers waren nur wenige Menschen vor Ort. „Die ganze Vorbereitung dieses Projekts hat mich so fasziniert, dass ich überhaupt nicht darüber nachgedacht habe, wie es eigentlich hier und heute ablaufen soll“, erklärte Gerards.

Damit habe er sich erst vor einigen Tagen beschäftigt, und in ihm ist immer mehr die Erkenntnis gereift, dass es nicht auf einen äußeren Rahmen und eine Form ankomme, sondern auf die Grundintention: „Ich möchte, dass unsere jüdischen Mitbürger, die unter heute nicht vorstellbaren Qualen gelitten haben, ihren Namen zurückbekommen.“

Dass die ersten Stolpersteine nicht in der Innenstadt, sondern in Waldenrath verlegt werden, habe seinen Grund darin, dass man hier die Geschichte bereits weitgehend aufgearbeitet habe. So gebe es hier in der katholischen Kirche eine Tafel mit den Namen der Juden aus dem Ort, die dem Holocaust zum Opfer gefallen seien. Ihre Namen würden hier an jedem Volkstrauertag vorgelesen.

„Ich möchte jetzt einen Schritt weiter gehen“, so Gerards. „Ich möchte, dass man über ihre Namen stolpert. Jetzt und in Zukunft.“ Dafür habe er sich dem Projekt intensiv gewidmet. „Ich hatte zumindest das Gefühl, mir Zeit für diese Menschen genommen zu haben.“ Das allein reiche jedoch nicht aus. „Ich möchte, dass unsere Kinder und alle weiteren Generationen wissen, was passiert ist und damit die Chance bekommen, zu verhindern, dass so etwas wieder passiert“, sagte Gerards.

Viel Vorarbeit

Voraussichtlich im Dezember sollen jetzt in Waldenrath weitere Stolpersteine verlegt werden, um die Aktion dort abzuschließen. Zudem sollen dann auch die ersten Stolpersteine in der Heinsberger Innenstadt ihren Platz finden. In beiden Orten werden die Kosten von je einem Sponsor übernommen. Gerards dankte während der Verlegung vor allem dem Waldenrather Heimatforscher Heinz Cleef. „Ohne Ihre Vorarbeit hätte der Termin hier heute sicherlich nicht stattfinden können.“

Sein Dank ging aber auch an Ellen Mutsemaker, eine Urenkelin der 1865 in Waldenrath geborenen Mina Lichtenstein, die zusammen mit ihrem Freund Michael Samson aus Amsterdam gekommen war. Vor 44 Jahren schon hatte die Stadt den Kontakt zu ihrem Großonkel Salomon Mutsemaker, dem letzten Besitzer des verwüsteten Hauses und Grundstücks an der Vitusstraße 9, verloren. Recherchen unserer Zeitung führten nach zwei Jahren zu seiner Urenkelin in Amsterdam.

In ihrem Beisein verlas Gerards den Bericht eines Zeitzeugen, der zugesehen hatte, wie Martha Lichtenstein, die damals im Haus Vitusstraße 9 wohnte, zusammen mit ihrem Sohn Denny von den Nationalsozialisten abtransportiert wurde. „Ein Verfolger entriss ihr das Kind, ein anderer zog seinen Schlagstock und schlug sie von hinten, so dass sie bewusstlos jeweils an den Händen zum Abtransport geschleppt wurde. Das Kind weinte bitterlich“, heißt es darin.

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