Erster deutschsprachiger Orientbericht von 1348: Stammt der anonyme Autor vom Niederrhein?

Erster deutschsprachiger Orientbericht von 1348 : Stammt der anonyme Autor vom Niederrhein?

Der erste deutschsprachige Orientbericht aus dem Jahr 1348 stammt von einem anonymen Autor. Er kam wahrscheinlich vom Niederrhein und hat den Erkelenzer Ritter Arnold von Harff inspiriert. Dies belegt das neue Buch des Düsseldorfer Germanisten Professor Helmut Brall-Tuchel.

Es wurde auch mit der finanziellen Unterstützung des Heimatvereins der Erkelenzer Lande realisiert. Die Geschichte der Publikation sei aber auch inhaltlich mit dem Heimatverein verbunden, betonte Brall bei der Vorstellung des Buches. Bei der Vorbereitung für eine Tagung über Wallfahrt und Heimat stieß Brall auf den Text, von dem heute nur noch zwei Abschriften existieren, die aus dem ersten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts stammen. Der Originaltext ist verloren gegangen, die beiden Abschriften weisen sowohl die damals Kölner als auch die Aachener Schreibweise des Neuhochdeutschen auf. Der Aachener Text wurde im Marienstift aufbewahrt, zu dessen Besitztümern auch Erkelenz einmal gehört hat.

Beide Texte ließen den Rückschluss zu, dass der anonyme Autor vom Niederrhein stammt. „Der Verfasser des Reiseberichtes ist zwar anonym, kann aber hier in der Region zwischen Aachen und Köln verordnet werden“, erklärte der Wissenschaftler, der an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität Ältere Germanistik lehrt. Brall-Tuchel hat die Aachener Kopie des Textes übersetzt und kommentiert sowie bestimmte sprachliche Eigenheiten und Begriffe erläutert. Drei Jahre dauerte die Arbeit bis zur vollständigen Übersetzung des rund 80-seitigen Originaltextes.

Vielleicht handelte es sich bei dem Verfasser um einen Kaufmann oder einen Kreuzritter, der zurückblieb, als sich die Christen aus dem Morgenland zurückzogen. Immerhin blieb er von 1332 bis 1348 im Orient und verbrachte auch eine längere Zeit im direkten Umfeld des Sultans in Kairo. Dies lasse auch Vermutungen zu, ob der Verfasser zum Islam konvertierte oder sich den Mameluken anschloss, einem Söldnerheer, das unter dem Sultan großes Ansehen genoss.

Sein Reisebericht geht sehr ins Detail bei der Beschreibung der Zustände am Hofe des Sultans und der Länder, die der Verfasser besuchte. Die Reise führte ihn in das Gebiet der heutigen Osttürkei, Armenien, Georgien, Palästina und Ägypten. In seinem Reisebericht schildert er auch das Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen, Rückschlüsse auf ihn selbst ließ er nicht zu, jedoch weckte er in den Lesern das Interesse an fremden Kulturen und fernen Ländern.

Unter seinen Lesern wird wahrscheinlich auch jener Arnold von Harff gewesen sein, der 1496 von Köln aus zu einer dreijährigen Reise auf den Spuren des Reisenden aufbrach. Im Gegensatz zu Harffs bekannteren Aufzeichnungen handele es sich beim ersten Text jedoch nicht um einen Pilgerbericht, betonte Brall-Tuchel. Vielmehr sei es der wohl erste deutschsprachige Korrespondentenbericht aus dem Ausland.

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