Sprinterklau im Kreis Heinsberg: Polizei geht von Bande aus

Handwerkerautos immer häufiger gestohlen : Polizei geht beim Sprinterklau von Bande aus

Auch im Kreis Heinsberg werden immer mehr Handwerkerfahrzeuge gestohlen. Dabei haben es die Diebe wohl auf die Transporter und auf den oft wertvollen Inhalt abgesehen. Denn zuweilen sind Werkzeuge und Maschinen in den Transportern teurer als die Fahrzeuge selbst.

An diesem Montagmorgen traute Frank Wirtz seinen Augen kaum. Vor seiner Werkstatt an der Kempener Straße in Heinsberg sollte eigentlich sein Transporter stehen. Aber der Mercedes Sprinter war spurlos verschwunden. Auto, Werkzeuge, Arbeitsmaterial, Einrichtungssystem – da kommen schnell 20.000 Euro Schaden zusammen. Der Sprinter von Tischlermeister Wirtz war nur einer von drei Kleintransportern, die in der Nacht zum 16. September in Heinsberg gestohlen worden sind.

Und auch diese drei gestohlenen Sprinter sind bloß die Spitze des Eisbergs. Vermutlich organisierte Diebesbanden haben es in der Region auf Handwerkerfahrzeuge abgesehen. Ein weiterer Kleintransporter samt Werkzeug wurde diesen Monat in Geilenkirchen-Niederheid gestohlen. Und in der Nacht zu Montag dieser Woche wurden zwei Sprinter in Übach-Palenberg geklaut. Damit sind in diesem Jahr im Kreis Heinsberg bereits gut 40 Kleintransporter gestohlen worden. Bei einem großen Teil dieser Sprinter, Ducatos, Transits und Caddys wird es sich um Fahrzeuge von Handwerkern gehandelt haben. Denn die Diebe haben es oft auch auf die hochwertigen Werkzeuge und Maschinen in Transportern abgesehen. Recherchen unserer Zeitung haben ergeben, dass in rund 20 Fällen sicher ist, dass Transporter inklusive Werkzeug gestohlen wurden. In den anderen Fällen ist nur klar, dass Transporter gestohlen wurden.

Für den Kreis Heinsberg lässt sich nicht genau ermitteln, wie viele Handwerkerfahrzeuge in diesem Jahr gestohlen worden sind. Unter den gut 40 geklauten Transportern können auch einige große Familienkutschen, Lieferwagen oder Kleinbusse zur Personenbeförderung gewesen sein. Klar scheint aber, dass es auch im Kreis Heinsberg ein Problem mit Diebesbanden gibt, die es auf Handwerkerfahrzeuge abgesehen haben. Das sieht auch die Kreispolizeibehörde so. Pressesprecherin Angela Jansen sagte, dass man davon ausgehe, dass eine oder mehrere Banden in Grenznähe agieren und die Fahrzeuge dann schnell in die Niederlande schaffen. Obwohl die Zahl der Kraftfahrzeug-Diebstähle insgesamt im Kreis im Vergleich zum vergangenen Jahr rückläufig sei, spricht Jansen bei den Transporter-Diebstählen von einem Anstieg. Der Polizei sei das Problem bekannt, und sie ermittle entsprechend.

Die Heinsberger Polizei geht davon aus, dass die Diebe es in erster Linie auf die Fahrzeuge abgesehen haben und dass die Werkzeuge und Maschinen so etwas wie ein „positiver Beifang für die Täter“ sind, sagte Jansen. Die Heinsberger Ermittler gingen nicht davon aus, dass die Täter die Fahrzeuge nach dem Inhalt aussuchen. Das sieht die Aachener Polizei anders. Pressesprecher Paul Kemen sagt, dass es den Dieben oft vielmehr um das teure Werkzeug als um die Transporter gehe.

Opfer der Sprinterdiebe: Der Transporter von Tischlermeister Frank Wirtz wurde über Nacht gestohlen. Dieser Fall ist Teil einer ganzen Serie. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Denn in vielen Fällen übersteige der Wert der Werkzeuge und Maschinen den Fahrzeugwert um ein Vielfaches. Der höchste Schaden in der Städteregion habe bei 120.000 bis 130.000 Euro für Fahrzeug und Werkzeuge gelegen. „Da sind Vollprofis am Werk, die Taten sind von langer Hand sorgfältig geplant und genau ausbaldowert“, sagte Kemen bereits im April dieses Jahres. Da hatte die Aachener Polizei schon vor vermehrten Diebstählen von Handwerkerfahrzeugen besonders im Nordkreis der Städteregion Aachen gewarnt.

In der Stadt und dem ehemaligen Kreis Aachen hat es die Polizei nun mit einer Diebstahlserie noch größeren Ausmaßes zu tun. Seit Jahresbeginn wurden in der Städteregion rund 70 Handwerkerfahrzeuge gestohlen. Und das sind tatsächlich nur die Kleintransporter, die von Schreinern, Schlossern, Monteuren und Co. genutzt werden. Die Zahl der gestohlenen Kleintransporter insgesamt dürfte dort also deutlich höher liegen.

Für die Ermittler in Aachen und Heinsberg ist klar: Die Reise mit den geklauten Transportern geht meist schnurstracks über die Grenze. Dort suchte auch der Heinsberger Tischlermeister Frank Wirtz nach seinem Sprinter. Oft würden sie von den Dieben ein paar Tage lang hinter der Grenze „kaltgestellt“, hat Wirtz erfahren. Denn die Diebe wollen sichergehen, dass der Besitzer keinen GPS-Sender eingebaut hat, der ihn wieder zu dem Fahrzeug und damit auch zu den Dieben führen würde. Einer der drei Sprinter die in der Nacht zum 16. September in Heinsberg gestohlen worden waren, sei dort wieder aufgetaucht, erzählt Wirtz. Für Hinweise, die Wirtz zu seinem Auto führen, hat er bei Facebook eine Belohnung von 1000 Euro ausgesetzt.

Wirtz hatte wegen des Diebstahls jedenfalls schon eine Menge Ärger. Er musste sich einen Leihwagen besorgen. Er muss jetzt neue Werkzeuge kaufen. Und was zahlt die Versicherung überhaupt?

Wie vielen Handwerkern es genauso geht wie Frank Wirtz, lässt sich nicht genau ermitteln. Darüber führt die Kreispolizeibehörde keine genaue Statistik. Deshalb haben wir in unserer Recherche alle Pressemitteilungen der Kreispolizeibehörde dieses Jahres durchgeschaut. Das vermittelt ein gutes Bild, denn die Polizei im Kreis Heinsberg ist in dieser Hinsicht transparent: In der Regel werden gestohlene Fahrzeuge gemeldet. Dabei fällt auf: Immer wieder werden Sprinter gestohlen. Oft mit Werkzeugen und Maschinen. In einem Fall in Kirchhoven war teures Messgerät im Auto: Der Besitzer hatte 5000 Euro Belohnung für Hinweise ausgesetzt, die zu Fahrzeug und Maschine führen.

Und dann sind da noch all die Fälle, in denen Werkzeuge aus Pkw und Kleintransportern gestohlen werden. Bei der Recherche in den polizeilichen Presseberichten stoßen wir auf rund 40 dieser Fälle im laufenden Jahr.

Frank Wirtz zieht aus dem Diebstahl seines Wagens jedenfalls Konsequenzen: Er will ihn in Zukunft nachts immer in die Garage fahren, er will seine Versicherungsbedingungen genauer prüfen und auch sein Wohnhaus, das direkt an seine Werkstatt angrenzt, besser sichern.

Damit könnte die Sache für ihn abgeschlossen sein. Doch dann meldet sich plötzlich ein Mann aus den Niederlanden. Der hat den Transporter von Frank Wirtz fotografiert. Er stand nachts in Koningsbosch vor seinem Haus. Das kam ihm doch etwa seltsam vor. Also, so stellt es der Niederländer dar, rief er bei der niederländischen Polizei an. Die solle sich das doch bitte man anschauen. „Kaltgestelltes“ Diebesgut – dieser Verdacht lag nahe. Aber die Polizei habe nicht nachgeschaut. Und der Sprinter war nach ein paar Tagen wieder weg.