Selfkant: Bewegte Geschichte tief im Westen

Die Historie des Selfkants : Bewegte Geschichte tief im Westen

Gotthard Grein aus Millen kam nach dem Krieg ins Kamp Vught. Das ehemalige Konzentrationslager der Nazis nutzten die Alliierten, um die Deutschen im befreiten Selfkant zu internieren. Einige Jahre später kamen die Niederländer, um die Auftragsverwaltung über den Selfkant zu übernehmen.

Bevor die Niederländer ins Rathaus zogen, war die Militärpolizei des Nachbarlandes schon da. Zwei Wochen lang habe sie die Leute in Schach halten sollen, „damit sie nicht aufständig wurden“, sagt Gotthard Grein. Er war damals 14 Jahre alt und erlebte, was geschah, als die Niederlande im Selfkant das Ruder übernahmen. Der Beginn der Auftragsverwaltung jährt sich in diesem Jahr zum 70. Mal, die Gemeinde Selfkant feiert ihr 50-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass werfen wir einen Blick in die Geschichte des Westzipfels.

Der Selfkant, der wie eine Nase in die Niederlande hineinragt, war über Jahrhunderte umkämpft (siehe Text unten). Die Mächtigen der Welt beschäftigten sich auf dem Wiener Kongress mit dem Landstrich. Und nach dem Zweiten Weltkrieg forderten die Niederlande eine Entschädigung für die Kriegsschäden. Der besetzte Selfkant diente ihnen als Faustpfand. Gemäß der Schlusserklärung der Londoner Deutschland-Konferenz wurde der Selfkant 1949 unter niederländische Auftragsverwaltung gestellt. Der Selfkant hat eine bewegte Geschichte.

An einem freundlichen Vormittag im April ist Gotthard Grein an einen Ort gekommen, der noch eine viel längere Historie vorweisen kann. Die Kirche St. Nikolaus in Millen zeugt von mehr als 1000 Jahren Geschichte. Grein, 84 Jahre, ist dort Küster, seit 1951.

Er weiß noch, wie die Niederländer 1949 in ihren schwarzen Anzüge nach Tüddern kamen und ihr Drostamt einrichteten. Grein schaute sich das als Jugendlicher an, und er weiß noch, dass damals niemand so recht wusste, was davon zu halten war: „Die Leute wussten nicht, was kommt“, sagt Grein. Sie hatten kein Geld und kein Vieh. Und der „Hass“ zwischen Deutschen und Holländer sei noch ausgeprägt gewesen.

Einige Jahre zuvor, im September 1944, als die Amerikaner den Selfkant von den Nationalsozialisten befreiten, trauten sie den Deutschen, die dort lebten, noch nicht über den Weg. Die Alliierten stießen bei ihrer Offensive in den Selfkant und nach Gangelt vor. Aus Furcht vor Kollaborateuren wurde die deutsche Bevölkerung in den befreiten Gebieten nach Kamp Vught gebracht. Kamp Vught ist der niederländische Name für das Konzentrationslager Herzogenbusch, es war eines von fünf deutschen KZ in den Niederlanden. Ab Mitte November 1944 wurden dort 6000 bis 7000 Deutsche von den Alliierten interniert.

Die Heimatvereinigung plant, im „Haus der Westgrenze“ einen Raum für die Geschichte des Selfkantes zu schaffen, erläutert Vorsitzender Anton Boden. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Gotthard Grein musste acht Monate lang in Kamp Vught bleiben. Seinem Vater nahm man dort das Geld ab. Die Familie stand vor dem Nichts. Die tägliche Ration Suppe, die in der Hauptsache aus Wasser bestand, und ein paar Kekse waren alles, was sie im Lager bekamen. Grein erinnert sich noch gut an das Schreien der Kinder und das Jammern der alten Leute im Lager. Sein Vater habe zuvor oft Konflikte mit den Nazis gehabt und gewusst, was in den KZ geschieht. „Als wir nach Kamp Vught kamen, sagte er: Hier kommen wir nicht mehr raus“, erinnert sich Gotthard Grein.

Aber es gelang der Familie allem Elend zum Trotz wieder nach Millen zurückzukehren, wo einige Jahre später die Niederländer das Sagen hatten. Sie gaben niederländische Pässe aus: Darin stand „als Niederländer zu behandeln“. Und die niederländischen Formulare, die auf dem Amt auszufüllen waren, konnte kaum einer lesen, sagt Anton Boden, Vorsitzender der Heimatvereinigung Selfkant. Wer anderswo in Deutschland arbeitete, musste nun täglich die Grenze passieren. Davon kann auch Boden selbst ein Lied singen, der in Aachen arbeitete. Und wenn es um die öffentliche Ordnung ging, seien die Niederländer oft mit harten Bandagen vorgegangen: Die Militärpolizei räumte auf, wenn sie gerufen wurde. „Die waren nicht zimperlich. Vor denen hatte man im Selfkant Angst“, sagt Boden.

Im Laufe der Jahre sind sich die Deutschen und die Niederländer immer näher gekommen. „Früher sind wir zum Einkaufen nach Sittard gefahren, weil es da billiger war“, sagt Boden, „heute kommen die Niederländer zu uns.“ Zum Beispiel nach Tüddern, wo sich viele Geschäfte angesiedelt haben. Benzin und Lebensmittel sind heute in Deutschland deutlich günstiger.

Annäherung zwischen Deutschen und Niederländern habe aber auch viel mit der Sprache zu tun gehabt. Das „Platt“, das damals im Selfkant weit verbreitet war, konnten die Niederländer gut verstehen. Deshalb fanden viele Deutsche aus dem Selfkant Arbeit in den Niederlanden – etwa bei Philips oder im Bergbau. Viele Niederländer ziehen noch heute in den Selfkant. So sei der „Hass“ zwischen den Nachbarn mit der Zeit verschwunden, sagt Grein.

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