Schüler testen Kulanz der Händler

Warentest AG: Schüler von der Kulanz der Händler überrascht

Es ist eine spannende Idee, die Dirk Windeck da umgesetzt hat. Zumindest im Kreis Heinsberg, so glaubt er sicher, gebe es eine solche Warentest AG, wie er sie an der Heinsberger Realschule im Klevchen eingerichtet hat, noch an keiner Schule. „Es geht darum, Waren oder Dienstleistungen zu testen. Aber viel wichtiger ist es, die Kinder zu kritischen Konsumenten heranzuziehen. Nicht Bauchgefühl oder Werbung sollen entscheiden. Auch sollen die Kinder lernen, einen Test zu konzipieren.“

Mit diesen Vorgaben stürzten sich die zwischen 14 und 16 Jahren alten Mädchen und Jungen nun buchstäblich auf die Heinsberger Geschäftswelt.

Standen im letzten Jahr vor allem Banken und Bäckereien im Fokus der jungen Tester, so ging es in diesem Jahr um Lieferdienste und die Kulanz der Unternehmen generell. Bei den Bäckereien sei es unter anderem um die Qualität der Ware gegangen, die Auswahl, das Handling oder die Kundenfreundlichkeit. Da sei dann auch schon einmal bloß nach der Toilette gefragt worden, sagt Windeck, um zu sehen, wie das Personal auf eine solche Bitte reagiert. „Es war keine Bäckerei dabei, die uns sauer aufgestoßen wäre“, sagt der studierte Naturwissenschaftler.

Der Einkauf, stets wurden nur Beträge zwischen einem und maximal vier oder fünf Euro ausgegeben, erfolgte nicht während der Unterrichtszeit, sondern wurde den Schülern als Hausaufgabe mit auf den Weg gegeben. Natürlich seien in der Regel nur Produkte erstanden worden, die am Ende auch im Magen der Jugendlichen landeten. Abgesehen von den Geodreiecken natürlich, die die Schüler im letzten Jahr auf Herz und Nieren untersucht hatten. „Handelte es sich um Gegenstände, die die Schüler nicht gebrauchen konnten, wurde das natürlich von der Schule getragen.“

Beim Test der Lieferdienste wurde auch der gute alte Döner auf den Prüfstein gestellt. Foto: dpa/Peter Steffen

Hatten die Geschäfte vor einem Jahr ebenso wenig wie jetzt geahnt, dass sie von den Jugendlichen professionell unter die Lupe genommen wurden, war es für die Banken schon ein leichteres Spiel gewesen. Da es um die Einrichtung von Schülerkonten ging, die Jugendlichen aber noch nicht volljährig waren, musste hier natürlich mit offenen Karten gespielt werden, weil sehr schnell die Frage nach den Eltern im Gespräch aufgetauchtsei. Eine wirklich schlechte Figur machte daher keines der geprüften Kreditinstitute in der Stadt. Doch nicht alle hätten etwas Passendes für die Bedürfnisse der Jugendlichen im Programm gehabt, sagt Windeck.

Was nun die Kulanz der in diesem Jahr getesteten Geschäfte in der Stadt angeht, waren die Schüler nach eigener Aussage doch recht erstaunt. „Ich habe gedacht, dass es ein paar Mal Probleme gibt“, sagt die 14-jährige Marie, die eine Kerze gekauft, dann aber wieder zurückgebracht hatte, weil ihr die Farbe denn wohl doch nicht mehr gefiel, wie sie dem Verkäufer erklärt habe. Der sei zwar ein wenig genervt gewesen, was Marie auf den Stress im Job zurückführte, habe letztlich gegen den Eintausch aber keine Einwände gehabt.

Bei Lauras (15) noch komplett eingepacktem Labello habe es trotz verblasster Rechnung auch keinerlei Schwierigkeiten gegeben. Obwohl sie sich mit dem „Verblassenlassen“ richtig Mühe gegeben hatte. „Wir alle waren überrascht, dass es so gut gelaufen ist“, meint auch die 15-jährige Nicolle. Sie hatte sogar ihr zerbrochenes Lineal reibungslos gegen ein neues eintauschen können, nachdem sie im Geschäft erklärt hatte, es sei beim bloßen Transport in der Schultasche zerbrochen.

Bei der Gruppe der Lieferdiensttester war das große Schlemmen angesagt. Döner, Salat, Burger, Pommes, Pizza – schlicht alles, was das Herz erfreut, landete auf dem Tisch und selbstverständlich letztlich auch im Verdauungstrakt der Tester. Der gemischte Salat sei allerdings eine Enttäuschung gewesen, erklärt der 14-jährige Jonas. Nur Krautsalat mit Zwiebeln und Pepperoni sei geliefert worden. Auch seine Klassenkameradin Leonie (14) war nicht zufrieden. „Eine Pizza war total trocken und hatte gar keine Soße drauf.“

Selbst wenn die Tests aufgrund der zu geringen Fallzahlen sicherlich nicht wissenschaftlich repräsentativ sind, haben sie ihre Wirkung nicht verfehlt. „Durch die Tests kann man viel über die Produkte lernen“, zieht denn auch die 14-jährige Chantal ein positives Fazit.

Dabei soll es allerdings nicht bleiben, denn die jugendlichen Warentester streben nach Höherem, wie Dirk Windeck bestätigt. Beim Wettbewerb „Jugend testet“ der Stiftung Warentest wollen sich die Schüler mit ihrer Arbeit bewerben. Und wer weiß, vielleicht erwartet die Realschüler bei gutem Abschneiden sogar eine Reise nach Berlin.

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