Gemahlene Grillen: Schüler aus Erkelenz wollen Insekten in den Supermarkt bringen

Gemahlene Grillen : Schüler aus Erkelenz wollen Insekten in den Supermarkt bringen

Die Schüler Kai Funada Classen und Finn Bußberg aus Erkelenz wollen mit ihrem Start-up Insekten ins Supermarktregal bringen – möglichst bald.

Wenn alles nach Plan verläuft, dann wollen Kai Funada Classen und Finn Bußberg mit zu den ersten gehören, die essbare Insekten im Supermarkt verkaufen. Genauer: Proteinpulver, das aus Insekten gemacht ist, und es soll zeitnah geschehen, bestenfalls Anfang kommenden Jahres.

Seit vergangenem Sommer planen sie, und ungefähr seitdem essen sie auch selbst Insekten. Würmer, Grillen, Heuschrecken, sehr viele davon. Es hat eine Weile gedauert, bis die beiden zufrieden mit der Rezeptur waren, aber jetzt ist der Prototyp des Pulvers fertig.

Funada Classen und Bußberg sind im Begriff, Abitur zu machen, und nebenbei gehört ihnen seit Sommer 2018 das Start-up „Entorganics“. Ein Jahr noch fahren beide die Doppelbelastung, dann sind sie fertig mit der Schule und Vollzeit-Unternehmer. Dann soll die Firmenzentrale vom Keller des Bußberg’schen Elternhauses in Erkelenz in ein Büro umziehen, und dann soll „Entorganics“ bestenfalls irgendwann Gewinne abwerfen. So der kurzfristige Plan.

Erbsenprotein, Grillenpulver, Kakao, getrocknete Datteln und Zimt. Fünf Zutaten sind im Proteinpulver drin, abgeschmeckt von Funada Classen und Bußberg höchstselbst. Dem Pulver sieht man die Grillen nicht mehr an, und gerade das könnte beim erfolgreichen Markteintritt helfen.

Die Rohprodukte der beiden dürften bei den meisten Europäern eher keinen spontanen Appetit auslösen. Mittelfristig haben dir beiden trotzdem vor, die Grillen, Heuschrecken und Buffalo-Würmer getrocknet und am Stück zu vertreiben, inklusive der entsprechenden Rezepte dazu. Einigermaßen harmlos muten die Würmer an: Sie sehen aus wie die Mehlwürmer, die auch Bartagamen und sonstige wechselwarme Reptilien gern verspeisen. Die getrockneten Grillen sind nur ein bisschen größer, die Heuschrecken dagegen sehr viel mehr als ein bisschen. Augen, Fühler und Flügel sind auch in der getrockneten Version deutlich sichtbar. 

„Eigentlich ist das aber wie bei Meeresfrüchten“, sagt Bußberg, und er hat, riskiert man einen zweiten Blick, gar nicht so unrecht. Schließlich sehen auch Garnelen gewöhnungsbedürftig aus. „Aber das sind die Leute halt gewöhnt“, sagt er. Bei aller Logik isst das Auge bekanntlich dennoch mit, und Funada Classen und Bußberg wissen das. „Unsere Idee ist, dass wir uns über die gemahlenen Grillen etablieren.“ Nach dem Motto: Schmeckt ja gar nicht schlecht. Oder womöglich sogar gut.

Als die beiden selbst das erste Mal Insekten gegessen haben, ist das auch nur nach einiger Zeit des Überredens geschehen. Beide hatten im Sommer 2018 gerade die Realschule fertig und waren anschließend auf einer Reise mit der transsibirischen Eisenbahn. In Wladiwostok überzeugte sie jemand, den sie auf der Reise kennengelernt hatten, Insekten zu probieren. „Die waren nicht gemahlen, das war abschreckend“, sagt Funada Classen. Der Geschmack, sagt er, der sei aber gut gewesen.

Vermutlich ist das einer der Gründe, weshalb dieses Insektenerlebnis für beide so prägend war, dass sie nun Inhaber eines Start-ups sind, das Insekten zum Verzehr auf den europäischen Markt bringen möchte. Ein anderer Grund ist einer, der sie mit vielen anderen aus ihrer Generation verbindet: das ökologische Bewusstsein. Die Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn geschah zum Beispiel aus diesem Bewusstsein, noch bevor es das Wort Flugscham überhaupt gab. Manchmal haben sie auch am Hambacher Forst mitdemonstriert. „Aber da wird über Probleme geredet, nicht über Lösungen“, sagt Bußberg.

Machen statt reden

Also reden Funada Classen und Bußberg jetzt lieber über das, was sie für eine mögliche Lösung halten: Über die sogenannte entovegane Ernährung mit Insekten, die alle essentiellen Aminosäuren enthielte, Vitamin B12 und viel Protein. Die nachhaltig sei, verursache sie doch verglichen mit Rindfleisch nur ein Prozent der Treibhausgase.

Dass eine Grille kleiner ist als eine Kuh und naturgemäß weniger Platz und Futter braucht, ergibt durchaus Sinn. Man braucht aber auch mehr als eine Grille, um auf ein Burgerpatty zu kommen – auch wenn Funada Classen an dieser Stelle darauf hinweist, dass die Insekten im Gegensatz zum Rind fast zu 100 Prozent verwertbar sind.

Und auch besagte Insektenfarmen fallen immerhin unter Massentierhaltung. Ob das besser als bei Schwein, Huhn und Rind ist, ist noch nicht klar. „Das Nervensystem der Insekten ist anders aufgebaut als beim Menschen oder anderen Tieren“, sagt Oliver Schlüter vom Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bio­ökonomie in Potsdam. „Man geht davon aus, dass es kein Schmerzempfinden in unserem Sinne gibt.“ Zu dem Thema werde allerdings noch geforscht. Und: Die Insekten mögen’s wärmer als die gemeine Kuh, die Zuchtstationen müssen in Mitteleuropa also beheizt werden.

Insekten gelten in vielen Teilen der Erde als Delikatesse. Foto: Colourbox

Funada Classen und Bußberg wollen nachhaltiger und ökologischer sein, und sie essen inzwischen anders als vor dem Sommer 2018. Sie sagen auch: „Wir essen gern mal Fleisch.“ Es gehe mitnichten darum, allen Menschen den Fleischkonsum abzusprechen und nur noch mit Insekten zu kochen. Es reiche schon, zwei, drei Mal die Woche entovegan und damit folglich zwei, drei Steaks oder Schnitzel weniger zu essen.

Ein deutsches Start-up ist schon dort, wo Funada Classen und Bußberg bald sein möchten: Swarm Protein verkauft Proteinriegel aus Insektenmehl in Supermarktketten. Die Gesetzeslage in Deutschland sei noch schwierig, sagt Bußberg. Sie ist an das EU-Recht gebunden, seit dem Jahr 2018 stehen die Insekten in der Novel-Food-Verordnung. Das heißt: Sie sind seitdem als neuartige Lebensmittel anerkannt. Sie dürfen also in Deutschland verkauft werden – siehe Swarm Protein.

Gesetzliche Lage schwierig

Die kommerzielle Zucht für den menschlichen Verzehr sei jedoch noch nicht erlaubt. Große Farmen für Grillen, Würmer und Heuschrecken gibt es vor allem in Asien, wo Insekten ohnehin längst verzehrt werden. Später, wenn es die Gesetzeslage zulasse, wolle man selbst züchten, sagt Funada Classen.

Im Moment kommen die Insekten für „Entorganics“ aus Kanada. „Nicht optimal“, sagt Funada Classen, wenn man ihn ob des weiten Transportwegs befragt. „Aber der Produzent hat ein Bio-Label, das war uns wichtig.“ In der Schweiz gebe es einen ähnlichen Produzenten, der aber nicht in großen Mengen liefern könne, sagt er. Und: Die Grillen, Würmer und Heuschrecken von „Entorganics“ fliegen nicht. Zumindest nicht mehr im leblosen Zustand, wenn sie von Kanada nach Deutschland transportiert werden, das passiert nämlich per Schiff.

Dafür kommt der Partner, der für sie das Pulver produzieren wird, aus der Nähe. Die fünf Zutaten werden dorthin geliefert, die Verpackung kommt von einem Produzenten aus Bayern. Ende des Jahres wollen sie ihren Online-Shop scharfschalten, danach auf die Supermärkte zugehen. Funada Classen sagt: „Wir profitieren davon, dass das ökologische Bewusstsein wächst.“ Er spricht von „großem Potenzial“ auf einem bislang sehr kleinen Markt. Und er will dabei sein, wenn der Markt wächst.

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