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Revierförster Claus Gingter zeigt Wassenberger Wald

Aboplus-Aktion mit Revierförster : Der Wald wird sich dauerhaft verändern

Man nehme den Wald als Hauptzutat, würze ihn mit einer ordentlichen Portion Förster mit rheinischer Schnauze, einem guten Pfund Fachwissen und mixe diese Zutaten mit sommerlich-warmem Oktoberwetter – heraus kommt mit etwas Glück ein rundum gelungener, unterhaltsamer und informativer Nachmittag.

So zumindest für die mehr als ein Dutzend Leser unserer Zeitung, die im Rahmen der Aboplus-Aktion an diesem sonnigen Oktobertag an einer Führung mit Revierförster Claus Gingter vom Regionalforstamt Rur-Eifel durch das Marienbruch in Wassenberg teilnehmen.

Das Marienbruch ist das meistbesuchte Waldnaherholungsgebiet der Stadt Wassenberg, liegt zentral in der Mitte der Stadt und bietet tausenden Waldbesuchern die Möglichkeit zur Erholung und zum Verweilen. Für Gingter ist dieses Waldstück allerdings nur eine kleinere „Außenstelle“ in seinem Revier. Rund 11.000 Hektar Wald gibt es im Kreis Heinsberg, Gingter ist im Nordkreis des Kreises Heinsberg für satte 5.500 Hektar davon verantwortlich. Und trotz dieser Menge an Bäumen hat man nicht das Gefühl, der Förster sehe vor lauter Wald die Bäume nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Bei manchem Teilnehmer stellt sich alsbald das Gefühl ein, Gingter kenne jeden Baum im Wald persönlich. Und er stellt seine knorrigen Schützlinge den Teilnehmern der Führung dann auch gerne vor. „Da ist zum Beispiel ‚Der Jung’“, sagt er und zeigt in die Höhe, so dass alle Teilnehmer den Kopf in den Nacken legen. „Der Jung“ ist eine 140 Jahre alte Buche, die inzwischen nicht mehr gerade, sondern ein wenig schief wächst. Lustig und unterhaltsam verpackt, kommt Gingter damit auf ein ernstes Thema zu sprechen. Denn den „Jung“ ständig im Auge zu behalten, das ist seine Aufgabe – und ihn zu fällen, wenn er zur Gefahr für Menschen werden sollte, ebenfalls.

Dass das nicht immer auf Akzeptanz und auf noch weniger Begeisterung bei Naturfreunden trifft, weiß er an diesem Nachmittag ebenso zu berichten. Wenn er und seine Mitarbeiter zur Kettensäge griffen, seien sie immer häufiger Konflikten und Aggressionen ausgesetzt. „Dabei hinterfragen die meisten Menschen noch nicht einmal, warum die Bäume gefällt werden müssen – täten sie es, würden sie die Argumente dahinter verstehen. Denn oft kann man als Laie einem Baum von außen nicht ansehen, dass er innen krank ist und zur Gefahr wird“, sagt Gingter. Überhaupt sei das Fällen – und damit die Waldverjüngung – seine Aufgabe als Förster.

Bei der Runde durch das Marienburch spricht Gingter viel darüber, wie er als Förster den Wald entwickeln will. Sein Ziel: ein Dauermischwald. Und da ist das Fällen von Bäumen nun mal unumgänglich. „Man kann den Wald nicht sich selbst überlassen“, sagt er. Und erklärt den Teilnehmern, dass es im Bestand zur Konkurrenz der Bäume um Licht, Wasser und Nährstoffe kommt.

Claus Gingter zeigt den Teilnehmern „den Jung“, eine 140 Jahre alte Buche, die inzwischen etwas schief wächst und unter Beobachtung steht. Foto: Nicola Gottfroh

Lichtmanager

Die Naturverjüngung könne man fördern, indem man die Konkurrenz mindert. Dafür müsse er Bäume fällen, damit Licht an den Boden kommt und neue Pflanzen wachsen können. Letztlich sei er ein „Lichtmanager“ für die Bäume. Und er verdeutlicht, dass Bäume eng nebeneinander gepflanzt werden müssen, damit sie gerade nach oben wachsen. „Alles, was wir Förster heute machen, wirkt sich aber erst in vielen Jahren aus“, sagt er.

Trotzdem, so gibt er zu, fiele es auch ihm oft schwer, einen Baum zu fällen – vor allem, wenn es sich um einen der wenigen sehr alten im jungen, nach dem Zweiten Weltkrieg völlig zerstörten und in den Nachkriegsjahren wieder aufgeforsteten Wassenberger Wald handelt. Dass sich das in Zukunft aber wohl häufen wird, stehe zu befürchten, sagt Gingter. Denn die Hitze und Trockenheit, der fehlende Regen der letzten Wochen und Monate, habe dem Wald heftig zugesetzt. Die Schäden an den Altbäumen würde man vor allem im nächsten Frühjahr sehen.

Fest steht: „Viele Bäume werden es nicht überleben und müssen entnommen werden, bevor sie umfallen.“ Und es sei sicher, dass bestimmte Baumarten gänzlich aus den Wäldern verschwinden werden. Damit spricht er noch ein weiteres Problem an, das der heiße und trockene Sommer mit sich gebracht hat: Der Borkenkäfer, der sich bei Trockenheit rasant vermehrt, habe die Fichte „dahingerafft“. Gingter: „Das Bild des Waldes in der Eifel, der zum großen Teil ein Fichtenwald ist, wird sich dauerhaft verändern.“

Die erste Baumart aber, die man tatsächlich verlieren werde, sei die Esche. Den Tod bringt ihnen ein Pilz. Ein Grund mehr, die Vielfalt des Waldes heute noch zu mehr zu schätzen und sie zu bewahren, finden die Teilnehmer.

Für sie war es ein gelungener Nachmittag. Hans Robertz aus Wassenberg, der in seinem Leben schon unzählige Male durch das Marienbruch spaziert ist, bereut die Teilnahme an der Führung nicht. „Ich sehe unseren Wald jetzt mit völlig anderen Augen“, sagt er.