Heinsberg: Pianist Philipp Kronbichler: Von stiller Verträumtheit zur Zerissenheit

Heinsberg : Pianist Philipp Kronbichler: Von stiller Verträumtheit zur Zerissenheit

Im Rahmen der Konzertreihe „Klavier entlang der Rur“ der Jugendmusikschule Heinsberg in Kooperation mit „con brio“ (Erkelenz) und der Anton Heinen Volkshochschule Kreis Heinsberg spielte der Pianist Philipp Kronbichler Variationswerke von Johannes Brahms auf einem historischen und einem modernen Instrument.

Im „Rondell“ der Jugendmusikschule in Heinsberg war der Wechsel der Instrumente eine bemerkenswerte Besonderheit der Stilmittel musikalischer Interpretation.

In der ersten Konzerthälfte erklangen die Variationen über ein Thema von Robert Schumann Op. 9 und die Variationen über ein eigenes Thema Op. 21/1 auf einem modernen Steinway-Flügel. Nach der Pause gab es die Variationen und Fuge über ein Thema von Händel Op. 24 auf einem historischen Flügel von Johann Baptist Streicher.

Der Flügel stammt aus dem Jahr 1861 und Brahms hatte ein baugleiches Modell. Sein Klang habe noch viel von einem Cembalo, und es sei weltweit das einzige erhaltene Exemplar, betonte Christoph Dohr. Der Flügel gehört zur Sammlung Dohr aus dem Klaviermuseum Haus Eller. Die Umstellung von einem Instrument auf das andere sei auch der Grund, warum Philipp Kronbichler nicht auswendig spiele, sondern seine Hilfe beim Umblättern in Anspruch nähme, hatte Christoph Dohr zuvor erklärt.

Die Variationen über ein Thema von Robert Schumann Op. 9 schrieb Johannes Brahms im Alter von 21 Jahren. Anlass dafür war die Erkrankung Robert Schumanns. Tief betroffen von dem Schicksal Robert und Clara Schumanns schuf Brahms ein melancholisches Werk, in dem die Spielläufe oft langsam sind und dem Pianisten rhythmische Disziplin und Interpretationssicherheit abverlangen.

Kronbichler gelang dies überzeugend. Ein Spiel, in dem der Zuhörer von der stillen Verträumtheit bis zur Zerrissenheit des Menschen in der Schwermut die Emotionen nachvollziehen konnte.

„Die Mehrzahl der Variationen ist still und traurig, nur wenige sind wild und aufbrausend. Das Ende verlöscht mit dem Bass des Themas“, hatte Kronbichler dazu formuliert.

Zum zweiten Beitrag des Abends, Variationen über ein eigenes Thema Op. 21/1, hatten die meisten der insgesamt elf Variationen ein ähnliches Tempo. In der letzten kamen lange Trillerketten vor, die an die Klaviersonaten Beethovens erinnerten, hatte Kronbichler erläutert.

Im dritten Beitrag an diesem Abend holte Kronbichler auf dem einzigartigen Streicherflügel die ganze Klangfülle des Instruments zum Vorschein. Die Variationen und Fuge über ein Thema von Händel Op. 24 sind das bekannteste Variationswerk Brahms und reihten sich in die großen Klaviervariationszyklen der Musikgeschichte ein, erläuterte Kronbichler in seinen Programm-Erklärungen zum Abend.

Wer sich mit einem Zeitzeugen Brahms‘, dem Schriftsteller Philipp Spitta und seinem Aufsatz zu Johannes Brahms im dem Buch von 1892 „Zur Musik“ beschäftigt, kann folgende Bemerkung lesen: „Der Tonkünstler will aus dem Augenblick heraus begriffen werden, in welchem er sein Werk der Welt erscheinen lässt. Er will, dass man es nicht genießt mit abschweifenden Blick auf das, was neben ihm steht, sondern so, als ob nichts außer ihm auf der Welt wäre“. Ein Blickwinkel, der auch heute noch Gültigkeit hat und die Wertschätzung für das Können eines Pianisten wie Philipp Kronbichler zum Ausdruck bringt, welches er mit seinem Konzert zu Brahms bewies.

Im Übrigen verlangt die Komplexität der Brahmswerke allein schon die volle Konzentration auf seine Musik, um diese zu verstehen. Und was Spitta formulierte mit „Die Zeitgenossen eines großen Künstlers können nichts tun, als seine Individualität verstehen lernen“, das traf auch auf Kronbichlers Spiel zu. Im Rondell gab es mit dem Konzert und den Variationswerken von Brahms, gespielt auf zwei Flügelgenerationen von Philipp Kronbichler dazu Gelegenheit.

Wer nicht dabei war, verpasste eine tief beeindruckende Möglichkeit zum Musikgenuss.