Wassenberg-Myhl: Neue Modelle gegen Altersarmut in Wassenberg diskutiert

Wassenberg-Myhl : Neue Modelle gegen Altersarmut in Wassenberg diskutiert

„Die Rente ist sicher“ — dieser Satz von Norbert Blüm aus dem Jahre 1986 hallt bis heute noch vielen im Ohr. Inzwischen wissen wir, dass sie ganz so sicher doch nicht mehr ist. Altersarmut wird zum immer größeren Problem.

Einige Menschen müssen auch nach 45 Jahren im Beruf noch arbeiten gehen, um über die Runden zu kommen. Dessen ist sich auch die Katholische Arbeitnehmerbewegung Wassenberg bewusst. Daher hatte sie zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Unter dem Titel „Anständige Rente statt Altersarmut“ diskutierten Politiker verschiedener Parteien gemeinsam mit Bürgern im Pfarrheim in Myhl.

Den Einstieg machte Ralf Welter von der KAB, der gleichzeitig Betriebswirt und Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule Aachen ist. „Wie sollen rund 30 Prozent der Bevölkerung in Zukunft leben?“, warf er eine prägnante Frage in den Raum. Damit müsse man sich viel intensiver auseinandersetzen, denn im Jahr 2035 sei jeder Dritte in Deutschland ein Rentner.

Seit langem beschäftigt sich der Wissenschaftler mit der Rentenproblematik und kommt zu dem Schluss, dass das Rentenniveau, wenn es so bleibt, in Zukunft unter das Existenzminimum absinken werde. „Schauen sie sich andere Länder an, die Schweiz oder die skandinavischen Nachbarstaaten, daran können wir uns ein Beispiel nehmen“, forderte Welters. Zudem stellte er das Konzept des „Cappuccino-Modells“ vor, das er und viele andere in der KAB schon vor ein paar Jahren entwickelt hätten. Namensgebend waren die drei Schichten des Cappuccinos.

Grundlage ist eine Sockelrente, die jeder erhält. „Ganz wichtig dabei ist, dass sie Steuerfinanziert ist“, erklärte Welter. Zweite Schicht ist die Erwerbstätigenversicherung, die ungefähr gleichzusetzen ist mit der heutigen Rente und paritätisch finanziert wird. Das Topping, was beim Cappuccino der Milchschaum sei, nehme hier die betriebliche und private Altersvorsorge ein. „Sogar vom IFO-Institut wurden wir für unsere Idee gelobt, und das gilt nicht gerade als linke Bastion“, fügte Ralf Welter schmunzelnd hinzu.

Nicht wenige Anwesende fragten sich im Anschluss an diesen umfänglichen Vortrag nur noch, warum das Modell nicht schon längst umgesetzt wurde, so auch Manfred Mingers von den Linken. Für ihn sei alleine die Laufzeit von 66 Jahren, bis das Modell vollumfänglich umgesetzt würde, zu lang.

CDU-Bundestagsabgeordneter Wilfried Oellers, selbst Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales, konnte aus dem politischen Berlin berichten, dass das „Cappuccino-Modell“ bekannt sei und mit Sicherheit auch in der neuen Rentenkommission, die von Arbeitsminister Hubertus Heil ins Leben gerufen wurde, eine wichtige Rolle spielen wird.

Christoph Stolzenberger von den Grünen ist gerade diese Kommission ein Dorn im Auge. „Wir wissen doch alle, dass Kommissionen nichts bringen“, erklärte er. Es müsse jetzt gehandelt werden. Die bekannten Rentenzahlen würden in naher Zukunft zur Explosion führen. Dem Einwand von Walter Sonnenschein von der KAB Wasenberg, man dürfe nicht am alten System herumdoktern, sondern müsse ein komplett neues System installieren, konnte Stolzenberger nur zustimmen.

Für Wilfried Oellers waren die Darstellungen seiner politischen Gegner zu provokant. „Hier werden arg dramatische Bilder gezeichnet, die so nicht zutreffen“, so Oellers. Mit der Mütterrente, der Rente mit 63 und der Erwerbsminderungsrente seien viele Dinge in der vergangenen Legislaturperiode angepackt und verbessert worden. Zudem gab er zu Bedenken, dass ein kompletter Systemwechsel nicht allen Menschen nutzen würde.

Trotzdem sieht auch er Handlungsbedarf, weshalb die neue Rentenkommission ja gerade gebildet worden sei. Politik sei immer ein Prozess, der ständig optimiert werden müsse.