Heinsberg: Nacht der offenen Kirchen: Geistliche stellen sich Kritik der Bürger

Heinsberg : Nacht der offenen Kirchen: Geistliche stellen sich Kritik der Bürger

In einer „Nacht der offenen Kirchen“ fanden die Feierlichkeiten im Lutherjahr in der Heinsberger Innenstadt unter dem Motto „Wir im (W)Ort“ in Heinsberg am Reformationstag ihren Höhepunkt. Sowohl die evangelische Christuskirche als auch die katholische Kirche St. Gangolf luden von 20 Uhr bis nach Mitternacht zu unterschiedlichen Aktivitäten ein.

„Möge diese Nacht nicht das Ende des Lutherjahres sein, sondern der Anfang eines ökumenischen Miteinanders, das uns zu Christus führt“, erklärte Pfarrer Sebastian Walde bei seiner Begrüßung in der Christuskirche. Ob etwas gut werde, könne man erst am Ende feststellen. „Aber wir sind auch nach 500 Jahren noch nicht am Ende, und wir hoffen, dass Gott das, was wir begonnen haben, gut machen wird.“

„Das ist der Hammer“

In diesen ökumenischen Rahmen passte das von unserem Redaktionsleiter Rainer Herwartz moderierte Gespräch zwischen Sebastian Walde und Propst Markus Bruns. Unter dem Leitsatz „Das ist der Hammer“ hatten die Besucher zuvor ein Jahr lang Zeit, Fragen, Meinungen und vor allen Dingen Kritik an der Kirche zu formulieren, um diese dann wie einst Martin Luther an ein symbolisches Kirchenportal zu heften.

In Heinsberg scheine die Ökumene schon ganz gut zu funktionieren. „Aber viele meinen auch, da ginge noch was“, begann Herwartz das Gespräch. „Ja, es lässt sich immer noch etwas verbessern“, pflichtete ihm Walde bei, „sich zum Beispiel gemeinsam von Christus an einen Tisch einladen zu lassen.“ Er teile diesen Traum, so Bruns. Er wünsche sich so sehr, dass es nicht mehr nur das gemeinsame Wort, sondern auch „eine Tisch- und Mahlgemeinschaft“ gebe. In der Frage des Abendmahls sei man schon weit gekommen.

In puncto Amtsverständnis gebe es noch große Probleme, erklärte Bruns, nachdem Herwartz diese Thematik eingebracht hatte mit Blick auf die von Manfred Rekowski, dem Präses der evangelischen Kirche im Rheinland, angestoßene Diskussion. Tatsächlich sehe sich der katholische Priester in der Nachfolge Jesu Christi. Walde hielt dagegen: „Ich hätte nicht die Kraft und den Mut, mich an die Stelle von Christus zu stellen!“ Was den Umgang mit wieder verheirateten Geschiedenen angeht, hatte Bruns eine klare eigene Meinung.

„Es geht nicht, dass wir diese Menschen ständig im Zustand der Sünde betrachten.“ Selbst Papst Franziskus empfehle hier „pastorale Klugheit“ und einen „barmherzigen Umgang“. Besorgt zeigte sich Bruns in Bezug auf konservative Strömungen auch im Kreis jüngerer deutscher Bischöfe. „Wir waren, was die Theologie angeht, schon mal ein Stück weiter.“

Dass die Menschen der Region im Zuge der Bildung von GdGs und fusionierten Pfarreien ihren Pfarrer vor Ort vermissten, konnte Bruns verstehen. Dann berichtete er von den Philippinen, wo es gut funktionierende christliche Gemeinschaften auch ohne Pfarrer gebe. „Kirche sind wir doch letztlich alle“, betonte er. Das kirchliche Leben vor Ort müsse in Eigenverantwortlichkeit gestärkt werden.

„Wir verlieren die Jugendlichen nicht. Wir gewinnen sie erst gar nicht“, zitierte Herwartz den Aachener Bischof Helmut Dieser und lenkte damit den Blick auf einen Problembereich beider Kirchen. Während Walde einräumte, keine Lösung zu haben, widersprach Bruns dem Bischof. Er sehe das nicht so negativ, wenn Umgangsformen gefunden würden mit einer „Passung“ zu jungen Leuten.

„Es ist ein Unding, dass die katholische Kirche auf der Amtsebene eine reine Männerkirche ist“, setzte Bruns seine Kritik an anderer Stelle an und fügte hinzu, dass es eine freiwillige Entscheidung des Priesters sein solle, ob er zölibatär leben wolle oder nicht. Ein Pfarrer soll keine herausgehobene Stellung haben, forderte Walde. Er solle so leben wie die Menschen, „als Christ unter Christen“.

Was Luther von den christlichen Kirchen heute fordern würde, wollte Herwartz schließlich wissen. „Die Bibel wieder in die Mitte des Lebens zu nehmen“, lautete die Antwort von Bruns. „Luther würde Mut machen, zur Kirche zu stehen“, sagte Walde, „Mut zum Glauben und Mut zur Gemeinschaft.“ Weitere Fragen und Positionen aus dem Publikum betrafen etwa den Religionsunterricht in Schulen, die Mitarbeit von Christen in der jeweils anderen Kirche oder das Thema Glauben an sich.

Vorangegangen war der Diskussion eine von Kantor Willi Kann mit dem Wilhelm-Willms-Projektchor und dem Kirchenchor Randerath präsentierte Reise durch die Kirchenmusik in fünf Jahrhunderten und die Übergabe einer kunstvoll gestalteten Bibel als Geschenk von Helmut und Maria Rießen, zu der Ernst Schumann einiges zu berichten wusste.

Parallel dazu präsentierte sich der Gemeindesaal als Tee- und Bastelstube sowie der Kirchberg als Ort einer Lesenacht für Kinder. Nach einem Gebet in der Krypta begaben sich die Besucher der Christuskirche im Fackelzug hinauf zu St. Gangolf. Hier gab es neben einer Kirchenführung eine Ausstellung der Figuren des Marienaltars sowie meditative Texte und Musik in der Krypta. Eine gemeinsame Abschlussandacht mit Regionalkantor Winfried Kleinen an der Orgel und Gesang von Susanne Peschen beendete die Nacht der offenen Kirchen.