Heinsberg/Erkelenz/Waldfeucht: Nach dem Abi beginnt eine neue Reise

Heinsberg/Erkelenz/Waldfeucht: Nach dem Abi beginnt eine neue Reise

Den Reisekoffer hat Noel Brings bereits aus dem Keller raufgeholt. T-Shirts, Hosen, Socken liegen auch schon griffbereit. Lange dauert es nicht mehr, bis der 18-Jährige seine erste große, vor allem längere Reise antritt. „Ich freue mich, dass es bald losgeht“, sagt er. Sein Ziel: Malaysia.

Ein knappes Jahr lang wird Noel Brings dort für die nächste Zeit seine Zelte aufspannen. Ein etwas längerer Urlaub wird es nicht sein, denn der 18-Jährige tritt dort einen Internationalen Freiwilligendienst an.

Es ist nicht nur die erste große Reise, die nun für den jungen Mann aus Erkelenz auf dem Plan steht; es ist ein neuer Lebensabschnitt, der jetzt beginnt. Zwölf Jahre lang hat Noel Brings die Schulbank gedrückt, vor wenigen Wochen absolvierte der Schüler des Cornelius-Burg-Gymnasiums Erkelenz sein Abitur. Stolz und zufrieden hält er seitdem sein Abschlusszeugnis in der Hand.

So wie Noel Brings geht es in diesen Tagen tausenden von Schülern in Deutschland. Die Schulzeit ist beendet. Vorbei die Paukerei. Vorbei der Alltag, der überwiegend darin bestand, morgens früh aus dem Haus zu gehen, pünktlich zum Glockenton in der Klasse zu sitzen, um sich dort mindestens zwölf Jahre lang nicht immer beliebten Themen oder Lehrern zu widmen.

Doch hat das Abenteuer Schulzeit erst mal das lang ersehnte Ende gefunden, sind es ebenso oft die gleichen Fragezeichen, Bedenken und Ängste, mit denen die fertigen Abiturienten zu kämpfen haben. Längst nicht alle haben einen genauen Plan von der Zeit nach dem Abitur.

Von Orientierungslosigkeit ist bei Noel Brings hingegen weit und breit keine Spur. Der 18-Jährige hat seinen Lebensplan bereits perfekt geschmiedet. „Ich werde auf jeden Fall studieren, in Richtung Sicherheitstechnik wird es gehen“, verrät er. Doch bevor Noel Brings die Schulklasse mit dem Hörsaal tauscht, will er erst einmal ein wenig über den Tellerrand schauen, wie es so schön heißt. „Es war immer mein Traum, nach der Schule eine Zeit lang etwas anderes zu sehen, in einer anderen Umgebung zu leben“, erzählt er. Sein neues Zuhause wird in der Tat eine andere Welt sein. Wo er genau in Malaysia hinkommt, weiß Noel Brings noch nicht. Fest steht: Er wird dort im Bereich Bildung, Politik und Gesellschaft armen, hilfsbedürftigen Menschen helfen. „Es geht uns in Europa besser als vielen Menschen in anderen Ländern. Ich möchte das Jahr nutzen, um etwas zurückzugeben“, sagt er.

Ähnliches schwebt derzeit auch Anna Lesmeister vor. Die 18-jährige junge Frau aus Erkelenz hat ebenfalls vor wenigen Tagen ihr Abiturzeugnis feierlich überreicht bekommen. Studieren? Ausbildung? Fehlanzeige! Am 21. August macht sich Anna Lesmeister auf den Weg nach Indien. In einem Mädcheninternat wird auch sie ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. „Für mich stand relativ früh fest, dass ich nach dem Ende der Schulzeit nicht direkt wieder in den nächsten Lernstress übergehe. Nachdem ich Bilder von Indien gesehen hatte, wusste ich, dass ich dahin muss“, sagt sie.

Auch Anna Lesmeister wird für ein Jahr ihre Heimat verlassen. Nach ihrer Rückreise strebt sie ein Studium der Ethnologie ein. Schwerpunkt? Natürlich indische Kultur…

Was für viele Schüler als Alternative zur direkten Ausbildung oder zum direkten Studium durchaus in Erwägung gezogen wird, kommt für Anne Vogten aus Waldfeucht nicht in Frage. Auch sie hat einen Traum; auch sie hat einen konkreten Plan anvisiert: Doch statt abenteuerliche Reisen in die weite Welt gestaltet sich ihr Zukunftsplan gänzlich anders: „Mit spätestens 25 möchte ich gerne mein eigenes Geld verdienen“, verrät sie. „Und zwar als Gymnasiallehrerin.“

Vom Lernen nicht genug

Die 18-Jährige, die in diesem Jahr am Kreisgymnasium Heinsberg erfolgreich ihr Abitur ablegte, hat von Schulbänken und Tafeln noch lange nicht genug. „Ich habe mich immer sehr wohl gefühlt in der Schule. Das ist der Ort, an dem ich später auch arbeiten möchte“, sagt sie. Bei ihrem Vorhaben kann es der fertigen Schülerin kaum schnell genug gehen. Konzentriert sitzt sie in diesen Tagen vor ihrem Rechner, um bei der Online-Bewerbung auf ein Lehramtsstudium in den Fächern Englisch, Biologie oder Religion bloß keinen Fehler zu machen. „Das Studienangebot ist inzwischen so groß, dass es oft ein wenig unübersichtlich und überfordernd wirkt“, erzählt sie.

Eine Reise steht aber auch Anne Vogten bevor: Nicht ins Ausland, dafür aber mit Sicherheit in eine andere Stadt. Ein Studium an der RWTH kann sie sich gut vorstellen: Ein Auszug von Zuhause und das Beziehen der ersten eigenen Wohnung dürfte für die 18-Jährige ein Thema werden.

Zukunftsplan hin oder her: Für alle drei, für alle restlichen Abiturienten ist es der Start in einen neuen Lebensabschnitt. Und damit zu einer Reise ins Ungewisse.