Mit Charme und Schalk an die Macht

Rathäuser in Narrenhand : Mit Charme und Schalk an die Macht

Nicht wie gewohnt vor ihrem Alten Rathaus hatten sich die Wassenberger Narren am Donnerstagnachmittag versammelt. Wie in Erkelenz, Ratheim und Wegberg machten sie sich aber auf den Weg, um Bürgermeister Manfred Winkens den Schlüssel der Stadt zu entreißen und bis Aschermittwoch die närrische Macht zu übernehmen.

Angeführt von der Stadtgarde mit Trommel, Trompete und lauten Gewehrsalven übernahm Thomas Windeln, stellvertretender Präsident der KG Kongo, es zunächst, die vier Fahnenmasten vor dem Rathaus zu bestücken, mit Ballontrauben, der Kongo-Fahne und einem Kongo-Schal. Dann musste er jedoch feststellen, dass seine Leiter viel zu kurz war, um den Bürgermeister oben auf dem Balkon der „Villa Nina“ im Rathauskomplex zu erreichen. „Nenne mir einen Grund, warum ich Euch den Schlüssel geben sollte!“, forderte Winkens seinen Kontrahenten auf und versuchte dabei, ihn mit einem kräftigen Wasserguss aus einem Eimer zu vertreiben. „Ich habt doch überall plakatiert, dass ihr jeck seid“, entgegnete ihm Windeln und verwies auf das Banner am Balkongeländer.

Klammheimlich hatten sich Gardisten derweil zusammen mit Kinderprinzessin Elina auf den Weg von hinten durch die Villa bis hoch auf den Balkon gemacht. Ihrem Charme konnte Winkens natürlich nicht widerstehen und freute sich mit ihr zusammen auf die tollen Tage, als er ihr den großen Schlüssel ausgehändigt hatte. „Auch unser Bürgermeister ist ein kleiner Karnevalist“, schmunzelte Windeln, der hinterhergeeilt war und mit der Prinzessin über deren Erfolg jubelte. Applaus gab´s vor dem Rathaus von den übrigen Kongolesen und von den Jecken des UKV Orsbeck-Luchtenberg. Nicht zu sehen waren die Effelder Kaffeemänn, die sich, so war zu vernehmen, zum Feiern über die Stadtgrenze hinaus Richtung Haaren aufgemacht hatten.

Wenn die Möhnen erst einmal ihren Rammbock auspacken, ist jede Gegenwehr zwecklos. Das musste auch Peter Jansen in Erkelenz erfahren. Foto: Helmut Wichlatz

Pünktlich um 11.11 Uhr marschierten schon in Erkelenz Prinz Frank I. und Prinzessin Andrea I. mit ihrem blau-weißen EKG-Gefolge vor dem Alten Rathaus auf. Auf dem Programm stand auch hier die „Machtübernahme bis Aschermittwoch“. Bürgermeister Peter Jansen und seine Mitstreiter aus Rat und Verwaltung hatten sich in Stellung gebracht, um wie gewohnt ein bisschen symbolischen Widerstand zu leisten. Dem unweigerlichen Sturm des altehrwürdigen Gebäudes durch die Möhneleut konnten und wollten sie jedoch nichts entgegensetzen.

Hückelhovens Bürgermeister Bernd Jansen (vorne rechts) nahm das Urteil des Gerichts an und fügte sich in seinSchicksal. Foto: Koenigs

Zuerst versuchte die Obermöhne Uschi Skibba es noch, durch gutes Zureden durch die halb geöffnete Tür. Doch erst als ihre aufmarschierten Möhnen den Rammbock einsetzten, öffnete sich die Tür und der nunmehr entmachtete Bürgermeister ergab sich, umrahmt von charmanten Eroberern seinem Schicksal. Wie vom Prinzen bei der Proklamation gefordert, hatte er sich „europäisch“ gewandet, um in Zeiten des Brexit ein Bekenntnis abzugeben. „Europa ist mir nicht wurscht“ prangte auf seiner Brust, wo sonst der stolze Sessionsorden der EKG zu sehen ist. Nachdem vor dem Rathaus die blauweißen Fahnen des Erkelenzer Karnevals gehisst worden waren, ging es mit Tschingerassa und Bumm zur Stadthalle, wo die friedliche Machtübernahme der Jecken gefeiert wurde.

Mit dem Schlüssel der Stadt präsentiert sich das Wegberger Dreigestirn.  Bürgermeister Michael Stock  (2. li.) steht mit leeren Händen da. Foto: Guenter Passage

Etwas Neues hatte sich die RKG „All onger eene Hoot“ bei der Rathausstürmung in Ratheim einfallen lassen. Das Karnevalsgericht unter der Leitung von Sitzungspräsident Olaf Kamper tagte und der Angeklagte Bürgermeister wurde zunächst von der RKG-Präsidentin Ramona Fister begrüßt. Die RKG warf dem Bürgermeister Vertragsbruch vor, was dieser jedoch bestritt und ablehnte. Das Urteil war schon bald klar und bestand in Sozialstunden, die Bernd Jansen erledigen müsse, in der Halle beim Hallenaufbau für die am 23. 11. 2019 stattfindende Galasitzung und die Findung eines Prinzenpaares. Hier wurden Namen laut wie „Die Wollnys“. Am Ende wurde das Alte Rathaus von Ratheim doch gestürmt und der kleinlaute Bürgermeister nahm das Urteil an, nachdem er ein leichtes Zittern nicht verbergen konnte. Von der zweiten Ratheimer Karnevalsgesellschaft weilte Prinzessin Luisa I. (Bücke) unter den Anwesenden und die Möhne wurden auch noch prämiert.

Seit Donnerstag befindet sich auch in Wegberg das Rathaus in den Händen der Narren. Eine nahezu unübersehbare Menschenmenge wurden Zeuge, wie Bürgermeister Michael Stock für den Rest der Session entmachtet wurde. Mit der Begrüßung der anwesenden Karnevalsgesellschaften aus dem Stadtgebiet, der zahlreichen Zuschauern, aber auch den Mädchen und Jungen der Wegberger Kindergärten durch Sonja Opwis, der Stimme der Wegberger KG „Flöck op“, begann auf dem Rathaus-Vorplatz das bunte Treiben. Aufmarschiert war neben dem Wegberger Dreigestirn, an der Spitze mit Prinz Bernd II., eine ganze Streitmacht wilder, närrischer Weiber.

Zunächst brandeten unter dem Kommando von Sonja Opwis mit aller Macht ganze Wellen wilder Weiber gegen die Rathaus-Pforte. Auch wenn sich Bürgermeister Michael Stock und seine Mitstreiter, gewandet in der Montur von Seemännern, mit aller Macht den Attacken der Narren erwehrten, fiel letztlich und nach heftiger Gegenwehr das Rathaus in die Hände der Narren. Bürgermeister Stock verteilte Geschenke in Form von „Mühlentropfen“ an das närrische Dreigestirn.

Einer kurzen Ansprache des Prinzen folgte eine Polonäse der närrischen Weiber. Gesucht wurden die schönste, originellste und die schäbigste Möhn. Nach nur kurzer Zeit waren sich die Tollitäten einig und krönten die auserkorenen alten Weiber mit je eine Flasche edlen Schampus. Im Anschloss zog der gesamte Tross geschlossen zum Wegberger Forum. Hier startete nun die erste große Party der diesjährigen heißen Karnevalsphase.

((anna)/(hewi)/(koe)/(gp))