Michael Franke hat drei neue Fenster für die Evangelische Kirche Erkelenz entworfen

Künstlerische Kirchenfenster : Die Schöpfung als sandgestrahlte Farbexplosion

Michael Franke hat drei neue Fenster für die Evangelische Kirche Erkelenz entworfen. Ganz im Duktus der Fenster des Glasmalers E.O. Köpke – und das, obwohl er eigentlich Bildhauer ist. Morgen werden die Kirchenfenster der Gemeinde vorgestellt.

Michael Franke, der Bildhauer, mag es launig, den weißen Pferdetorso mit den zwei metergroßen Metallrädern nennt er „1 PS“, die Brunnensäule aus übereinandergestapelten Fischkörpern „Fischstäbchen“. Aber diese Objekte hat er nur zum Spaß entworfen. Sie stehen in den Arbeitsräumen seines Hauses an der Herrmann-Josef-Gormanns-Straße neben Plastiken aus Holz und Metall, Arbeiten aus Bronze und kleinen Tusche-Akten, die noch aus seiner Zeit als Architekturstudent stammen, nur so, als Inspirationsobjekte.

In seinem Atelier nebenan stehen Modelle der Arbeiten, mit denen er in den vergangenen 43 Jahren sein Geld verdient hat: Brunnen, Plastiken, Altare, Büsten, Stadtmodelle. Vieles hat er nicht mitnehmen können als er den alten Bauernhof in Berverath aufgegeben hat. Dort hatte er mehr Platz als in dem liebevoll renovierten Jugendstilhaus in der Erkelenzer Stadtmitte, aber er ist lieber gegangen, bevor RWE mit der Umsiedlung drängeln konnte.

Maksymilian Lengersdorf (li.) und Dirk Venrath, Mitarbeiter der Linnicher Spezialfirma für Glasmalerei, setzen die neuen Fenster behutsam ein. Foto: Günter Passage

Der Erzengel Michael ist mit umgezogen. Ein Zwillingsbruder von ihm steht jetzt irgendwo in Japan. Die anderen Entwürfe von Michael Franke sind in ganz Deutschland verteilt. Das Bronzemodell des Aachener Rathauses, das vom vielen Befühlen von vielen Fingern schon glänzt, ist von ihm. Die Lesende vor der Erkelenzer Stadtbücherei ist von ihm. Die Mühlen- und Seckschürgerskulptur auf dem Immerather Marktplatz ist von ihm. Das Mahnmal für den Frieden in Wegberg-Beeck ist von ihm. Der Siepefejer-Brunnen in der Ortsmitte von Heinsberg-Aphoven ist von ihm. Das Relief der Kirche mit Haus Paland an der neuen Kirche in Erkelenz-Neuborschemich ist von ihm. Der Entwurf für das Taufbecken in der evangelischen Kirche in Geilenkirchen ist von ihm... Die Aufzählung könnte ewig so weitergehen, denn Michael Franke ist seit 1976 als freischaffender Künstler tätig. Und er ist vielseitig.

Schon als Kind hat er an der Seite seiner Vaters gearbeitet, der ebenfalls Bildhauer war. Meist führten ihn die Arbeiten in Kirchen, denn darauf hatte sich Karl Franke, ein Meisterschüler von Mataré, spezialisiert.

„1 PS“, also eine Pferdestärke, ist der Titel dieser Plastik. Foto: Michael Franke

Altare? Ja! Taufbecken? Ja! Heiligenfiguren? Ja! Aber Kirchenfenster? Nein, die hat Michael Franke zuvor noch nie entworfen. Trotzdem überzeugte ausgerechnet die Idee des 72-Jährigen die Jury, als bei dem anonymen Wettbewerb der Evangelischen Kirche Erkelenz seine Entwürfe neben denen anderer regionaler Künstler lagen. Dank eines Spenders konnte die Gemeinde nämlich drei neue Künstlerfenster für die Kirche am Martin-Luther- Platz in Auftrag geben.

„Der Schöpfungsbericht wird sichtbar dargestellt“, schreibt die Jury im Juli 2018 über den Entwurf 1423. „Abstraktes und Gegenständliches werden malerisch verbunden.“ Abstrakt, das ist der Urknall, die unvorstellbare Energieladung, das intergalaktische Chaos, das im Entwurf von Michael Franke zur Farbexplosion wird.

Konkret, das sind die schaffenden Hände, aus deren Mitte die ganze Energie fließt, die Andeutung des Kreuzes, die Tiere, die Familie. Denn auch Michael Franke, der Glasdesigner, mag es launig und er mag Kinder. Allerdings sind seine Töchter längst erwachsen. Weil er aber die Entdeckerlust der Kinder kennt, lässt er im unteren, gut erreichbaren Teil des Fensters, Wassertiere herumplanschen und Gazellen, gemalt wie auf Höhlenwänden von Steinzeitmenschen, herumgaloppieren.

In den zwei Seitenfenstern hat er markante Sätze aus dem Buch Mose zur Schöpfungsgeschichte aufgegriffen. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“, steht auf einem, „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe da, es war sehr gut“, auf dem anderen. Franke gefiel das Klare, das Konkrete für eine evangelische Kirche. Nur am Rand, da klingt die Farbexplosion noch ein wenig aus.

Die Fenster harmonieren famos mit den vorhandenen, die der Glasmaler Ernst Otto Köpke (1914 bis 2009) entworfen hat. „Ich kannte ihn schon als Schüler“, erzählt Franke. „Der machte ganz kraftvolle Sachen.“ Blau und Rot sind die beherrschenden Farben der Fenster von E.O. Köpke. Franke hat ein wenig tiefer in den Farbtopf gegriffen. „Die starke Farbigkeit soll die Wucht des Schöpfungsaktes noch unterstreichen.“

Um aus seinem Entwurf Fenster werden zu lassen, mussten die Experten der ältesten Glasmalerei Deutschlands, die 1857 gegründete Glasmalerei Oidtmann in Linnich, ihr ganzes Handwerkszeug nutzen: ätzen, bemalen, sandstrahlen, in Blei fassen. Es war eine aufwändige Arbeit, die bereits im August vergangenen Jahres begonnen hat. Michael Franke hat die Fensterwerdung genau dokumentiert, denn Michael Franke, der Künstler, ist sehr genau. In Linnich verfolgte er jede Phase des Herstellungsprozesses. Auch als am Mittwoch die Fenster  eingesetzt wurden, war er dabei. Und er wird dabei sein, wenn am morgigen Sonntag die Fenster offiziell der Gemeinde vorgestellt werden.

Denn Michael Franke, der Mensch, ist ganz und gar nahbar.

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