Heinsberg: Masern zum letzten Mal 2006 ausgebrochen

Heinsberg: Masern zum letzten Mal 2006 ausgebrochen

Die Zahlen sind alarmierend und beschäftigen seit Tagen die Medien. Die Kinderärzte klagen schon seit Jahren über die Situation. Zwei von drei Kleinkindern in Deutschland werden nach einer Studie der kassenärztlichen Vereinigungen nur unzureichend oder zu spät gegen Masern geimpft.

Lediglich 37 Prozent der Kinder erhalten vor ihrem zweiten Geburtstag die empfohlene Doppelimpfung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO will bis 2015 eine flächendeckende Impfquote von 95 Prozent erreichen. „Im Kreis Heinsberg liegen wir erfreulicherweise schon jetzt mit 96,3 Prozent über der erforderlichen Zahl“, sagt der Heinsberger Kinderarzt Dr. Khaled. J. Abou Lebdi. Dennoch sei dies kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen.

Dass die WHO die 95-Prozent-Marke bei den Impfungen anstrebe, erkläre sich recht einfach, erläutert Abou Lebdi: „Wenn eine Bevölkerung zu 95 Prozent durchgeimpft ist, verschwindet die Erkrankung.“ Im Kreis Heinsberg datiere der letzte Ausbruch von Masern auf das Jahr 2006. „Von 1000 Erkrankten ist einer verstorben“, so der Kinderarzt. „Besonders gefährdet sind alle Kinder im ersten Lebensjahr, die über keinen Schutz verfügen und noch nicht geimpft werden können.“

Grundsätzlich sei mit Masern nicht zu spaßen. „Es ist eine schwere Erkrankung des Kindes- und jungen Erwachsenenalters. Die hohe Zahl an Komplikationen, die zu Gehirnschäden und lebenslanger Behinderung führen und sogar Todesfälle belegen dies.“ Der Verlauf der Krankheit beginne trügerisch als typische Erkältungskrankheit mit Fieber, Husten, Schnupfen und einem allgemeinen Krankheitsgefühl, erklärt Abou Lebdi, der selbst dreifacher Familienvater ist. Drei Tage dauere dieses Stadium. Am vierten Tag dann sehe es so aus, als ob das Schlimmste überstanden sei, weil der Patient sich schon besser fühle. Doch das sei ein Irrtum. „Denn am fünften Tag tritt der typische Ausschlag auf, großflächig, rötlich am ganzen Körper. Mit Beginn des Ausschlags kehren die vorherigen Symptome verstärkt zurück. Mit häufigen Komplikationen, mit Masernlungenentzündung und im schlimmsten Fall mit Maserngehirnentzündung, die zu Behinderungen und Tod führen kann.“

Mit zwei harmlosen Pieksern könnte all dies verhindert werden, ist sich der 45-jährige Arzt sicher. „Es gibt eine Impfung schon seit mehreren Jahrzehnten, aber das Problem besteht in den geringen Durchimpfungsraten.“ Bevor geimpft wurde, seien in Deutschland jedes Jahr rund 300.000 Fälle von Masern registriert worden, ein Prozent davon mit schweren Komplikationen bis hin zum Tod. „Seit Einführung der flächendeckenden Impfung Anfang der 90er Jahre kommt es immer wieder zu lokalen Ausbrüchen.“

Das sei auch einer der Gründe für eine fragwürdige „Erfolgsbilanz“, meint Abou Lebdi. „Deutschland ist leider auch in Sachen Masern Exportweltmeister, weil wir immer wieder Masern haben und gleichzeitig ein reiselustiges Volk sind.“ Amerika sei zum Beispiel seit 2002 offiziell masernfrei. Und das trotz des so oft gescholtenen amerikanischen Gesundheitssystems. „Das liegt daran, dass die USA ein öffentliches Impfwesen haben, das den Einzelnen nichts kostet. Zudem ist der Zugang zu Gemeinschaftseinrichtungen beschränkt auf Kinder mit vollständigem Impfstatus.“ Von einer Impfpflicht hält der Heinsberger Mediziner dennoch nichts. Schließlich sei der Impfvorgang durch eine Spritze in gewisser Hinsicht ja eine Körperverletzung. Und die dürfe nicht erzwungen werden. Das widerspreche schon seiner hippokratischen Gesinnung. „Eine Impfpflicht ist keine sinnvolle Maßnahme, man sollte hingegen durch Überzeugungsarbeit weiterhin versuchen, die Impfraten, wo nötig, zu verbessern.“

In der Praxis erfolgt die erste Impfung zwischen dem elften und 14 Lebensmonat eines Kindes, die zweite dann zwischen dem 15. und 23. Monat. „Die erste Impfung stellt den Schutz her und die zweite sorgt dafür, dass der Schutz lebenslang hält.“ Es bestehe eine öffentliche Impfempfehlung, dass alle Erwachsenen, die nach 1970 geboren wurden und nicht zweifelsfrei zwei Impfungen nachweisen können, sich impfen lassen sollten. Bei den Jahrgängen davor gehen die Statistiker davon aus, das alle entweder im Kindesalter an Masern erkrankt oder zumindest mit einem Erkrankten in Berührung gekommen sind. In beiden Fällen hätten sich Antikörper gegen die Erkrankung gebildet. Wer auch seinem Kind die Chance geben möchte, diese zu entwickeln, sollte eine Impfung zustimmen.