Kreis Heinsberg: Maler Michel Saran: Auch mit 80 möchte er Neues probieren

Kreis Heinsberg : Maler Michel Saran: Auch mit 80 möchte er Neues probieren

Im Atelier seines Hauses in Erkelenz sieht es aus wie Kraut und Rüben: „Wir haben letzte Woche die Bilder, die in den Ausstellungen im Begas-Haus, dem Museum für Kunst- und Regionalgeschichte in Heinsberg und im Kunstverein für die Region Heinsberg in Unterbruch hängen werden, ausgesucht“, sagt Michel Saran.

Von dem, was in dem Licht durchfluteten Atelier mit großzügigem Ausblick in den winterlich-tristen Garten noch in den Regalen und am Boden dicht gedrängt nebeneinander an bemalter und gerahmter Leinwand steht, könnte man immer noch locker mehrere Räume füllen: Michel Saran hat von seiner Schaffenskraft nichts eingebüßt. Dass ihm die beiden bedeutendsten Einrichtungen für die bildende Kunst im Kreis Heinsberg zwei Ausstellungen gleichzeitig einrichten, unterstreicht seine Bedeutung und würdigt seine Stellung im zeitgenössischen Kunstbetrieb: Der Maler Michel Saran wird 80 Jahre alt.

Die Lust an Form und Farbe, die Darstellung des Gegensätzlichen, das Bestürmen des Sanften durch das Wilde — all das gehört zu seiner Arbeit. Foto: Dettmar Fischer

Was ihm damals, als er noch klein und sein Blick auf das heimatliche Halberstadt am Fuße des Harzes beschränkt war, der Lehrer ins Zeugnis schrieb, hat sich heute, im Rückblick auf ein erfülltes Leben, als goldrichtige Einschätzung erwiesen: „Vielseitig begabt; legt sich ungern fest; ist oft abgelenkt.“ Michel Saran nimmt das am Band um den Hals hängende Monokel zwischen Daumen und Zeigefinger und rüttelt damit, um das Gesagte optisch zu unterstreichen: „Das stimmt für mich.“ Wenn er heute, am Vorabend seines 80. Geburtstages, auf sein Leben zurückblickt, „dann bin ich mit diesen drei Grundeigenschaften nicht schlecht gefahren“.

Es lag nahe, dass Sohn Michel das florierende Geschäft, das der Vater von seinem Vater übernommen hatte, weiter betreiben und eine Optikerlehre machen würde. Als er sich nach dem Abschluss der Ausbildung mit 21 Jahren entscheidet, die Behaglichkeit des elterlichen Betriebes hinter sich zu lassen und an der Akademie in Dresden Kunst zu studieren, ist das die erste einer Reihe von Zäsuren, die im Laufe seines langen Lebens noch auf ihn zukommen würden. „In der DDR war meine Familie als bourgeois abgestempelt. Aber da ich eine Lehre gemacht hatte, galt ich wieder als Proletarier. Auch deshalb wurde ich gleich bei meiner ersten Bewerbung an der Akademie aufgenommen“, erzählt er. Natürlich war es auch seine Begabung, die Professor Gottfried Bammes erkennt und ihn deshalb in seine Klasse für Freie Malerei und Anatomie aufnimmt. „Da habe ich viel gelernt“, sagt Saran.

„Sie sind ein Fantasiemensch“

Reisen zu Verwandten nach Frankreich, die Weite und das Helle und das Farbig-Freie des Südländischen lassen in ihm ein Lebensgefühl anwachsen, für das das Grau der DDR keinen Platz lässt: Als 1961 die Mauer um das Land gezogen wird, bleibt er nach einer dieser Reisen im Westen; er setzt sein Studium an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf fort und wird 1965 Meisterschüler bei Professor Ferdinand Macketanz. Gerhard Richter und Sigmar Polke, die wie Saran in Dresden ihre später große Karriere begannen, sind seine Studienkollegen. 1969 hat Michel Saran in der Kölner Galerie Gmurzynska + Bargera und in der Düsseldorfer Galerie Ilijana Popescu seine ersten Einzelausstellungen. „Ich hatte wie Richter oder Polke damals alle Möglichkeiten, Karriere im Kunstbetrieb zu machen. Aber ich konnte mich nicht verkaufen wie die“, sagt Saran. Es ist nicht sein Weg. „Ich habe mich aufs Land verkrümelt.“ Bereut hat er es bis heute nicht.

Nach der Hochzeit mit der Dichterin Ingrid Saran zieht das Paar nach Süsterseel, später werden sie mit ihren beiden Kindern im ehemaligen Pastorat in Millen heimisch. Als Broterwerb dient die Anstellung als Kunsterzieher am Kreisgymnasium in Heinsberg. „Als ich mich um die Stelle bewarb, sagte mir der damalige Direktor: ,Sie sind der erste, der sich freiwillig nach Heinsberg meldet‘“, erinnert sich Saran schmunzelnd. Die Kunst, das Malen und das Gestalten ist ihm seit dieser Zeit und trotz all der Zäsuren, die sie für ihn in sich tragen sollte, das Mittel zur ständigen Auseinandersetzung zum einen, als ständige Erweiterung der Seherfahrung zum anderen geworden; die Lust an Form und Farbe, die Darstellung des Gegensätzlichen, das Bestürmen des Sanften durch das Wilde, das Locken des Neuen durch das Alte — all das eingebunden in die Disziplin der Komposition ist eines der Kennzeichen seiner Arbeiten. „Ich lasse mich ungern festlegen, ich werde weiter Neues probieren“, sagt er. Man darf also gespannt sein auf das, was er demnächst auf der Staffelei stehen hat.

„Sie sind ein Fantasiemensch“, hat ihm einer seiner Lehrer am Ende seiner inzwischen ein langes Leben zurückliegenden Schulzeit attestiert. „Werden sie nicht Naturwissenschaftler, und werden sie kein Diplomat.“ Michel Saran hat sich merkwürdigerweise an diesen Rat gehalten. Und zwar so, wie er nun mal ist: Ganz konsequent.

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