Lesung aus Edgar Allan Poes Werk an ungewöhnlichem Orte: beim Optiker

Literaturlesung : Edgar Allan Poe beim Optiker, ein gelungenes Experiment

Anspruchsvolle Texte an ungewöhnlichen Orten vorgetragen: Die Bücherkiste Wassenberg geht neue Wege, um Leser für Literatur zu begeistern.

Für die Vorstellungen interessanter Autorinnen und Autoren in Lesungen ist die Bücherkiste Wassenberg bekannt. Wenn auch bisher Bewährtes den Erfolg sicherte, wagte das Team neue Wege zu gehen. So zuletzt, als mit Ursula Kurzweg die Sprecherin des Teams der Bücherkiste aus dem Werk „Die Augengläser“ von Edgar Allan Poe las. Die Auswahl des Ortes war mit den Räumen der Optik Jaegers & Klingenhäger GmbH in der Oberstadt in Wassenberg zwar ungewöhnlich, aber dennoch thematisch höchst passend.

Das Spiel mit der Sprache stand an diesem Abend nicht nur bei der Erzählung von Poes Werk im Mittelpunkt. Davon ließen sich auch die Gastgeber Sabine und Stefan Herzog inspirieren, als der Hausherr formulierte, er wünsche einen kurzweiligen Abend mit Ursula Kurzweg.

„Wir wollen neue Wege gehen und das Vorlesen anspruchsvoller Literaturtexte ausprobieren und sehen, ob es ankommt“, formulierte Ursula Kurzweg einleitend. Im Halbdunkel des Raumes begann sie dann mit wohltemperierter Stimme ihr Publikum zu fesseln.

Was dann folgte, war die von Poe raffiniert komponierte Geschichte um den jungen Amerikaner Napoleon Bonaparte Simpson, geborener Froissard, von seinem törichten Verhalten, wie es beim Verlieben auf den ersten Blick geschieht, sowie vom trügerischen Schein von Äußerlichkeiten, die einem die Wahrnehmung vorgaukelt, wenn auch noch Kurzsichtigkeit hinzukommt. Letzteres wurde deshalb wirksam, weil der junge Mann aus Eitelkeit keine Brille tragen wollte. Verliebt zu sein trübe den Verstand, sagt der Volksmund. Ebenso, dass Liebe blind mache.

Die Emotionen verdrängten auch bei dem jungen Simpson die Vernunft und er setzte alles dran, schnell seine Auserwählte zu heiraten. Das böse Erwachen kam dann noch vor der Hochzeitsnacht, weil er seiner Frau zuvor versprochen hatte, nach der Heirat ständig eine Brille zu tragen. Die Sehhilfe half ihm zu unterscheiden und zu erkennen, dass er statt einer 27 jährigen eine 82 jährige Frau geheiratet hatte. Sie war zudem noch seine Urgroßmutter, nachdem sie ihren Familienstammbaum der Frossards, Moissard, Voissards und Croissards zu erkennen gab.

Es wäre jedoch viel zu kurz gedacht, wenn dies der ganze rote Faden gewesen wäre, den Edgar Allan Poe für seine Geschichte vorgesehen hatte. Der Autor ist bekannt für seine fantastischen Geschichten, die nicht selten anders als erwartet enden. Dem wird Poe auch hier gerecht. Dem Leser wird zudem klar, Poe schilderte eine andere Welt mit anderen Verhaltensregeln und anderen Werten. Und was damals vor mehr als 150 Jahren als Horror empfunden werden konnte und zur gesellschaftlichen Ausgrenzung führte, wenn ein junger Mann eine alte Dame heiratete, wirkt heute allenfalls befremdlich.

Auch Poes Spiel mit den Familien- und Vornamen könnte durchaus verstanden werden als eine Parodie auf die Eitelkeit der feinen Gesellschaft. Für Interpretationen ist bei Poe genügend Raum gegeben. Und das macht das Lesen seiner Geschichten auch heute noch reizvoll.

Wer der Vorleserin folgte, die so nuanciert und pointiert Poes Text präsentierte, wie Ursula Kurzweg es tat, dem verging die Zeit wie im Flug. Das Wagnis der Bücherkiste, neue Wege in Sachen Literaturvorstellung zu gehen, hatte sich an diesem Abend gelohnt.