Lebensmittel-Verwertung im Kreis Heinsberg: Zu gut für die Mülltonne

Mit Food-Sharing gegen Verschwendung : Lebensmittel, zu gut für die Tonne

Das ökologische Bewusstsein wächst. Auch im Kreis Heinsberg werden aussortierte Lebensmittel oft weiterverwertet. Ob über eine App, die Tafel oder beim Foodsharing – die Beispiele zeigen, wie man gegen Verschwendung angehen kann.

Wilhelm „Matt“ Körfer arbeitet gern mit seinen Händen. Am Ende des Tages, sagt er, möchte er sehen, was er erreicht hat. Bei ihm bedeutet das, dass er Lebensmittel sieht, sehr viele davon, und Menschen, die diese Lebensmittel bei ihm abholen. Körfer ist seit Anfang des Jahres im Kreis Heinsberg als Lebensmittelretter unterwegs.

Er ist ein Teil des Netzwerks „Foodsharing“. Die Initiative ist im Jahr 2012 in Berlin entstanden, inzwischen gibt es sie im ganzen Land, ebenso in Österreich und der Schweiz. Gut 49.000 Menschen sind in Deutschland aktiv, dazu mehr als 5000 Betriebe. Die Regeln: Alle arbeiten ehrenamtlich und unentgeltlich. Es gibt „Fair-Teiler“, also Orte, an denen überschüssige Lebensmittel hingebracht und mitgenommen werden können, und „Essenskörbe“, mit denen privat Lebensmittel angeboten werden können.

Körfer betreibt einen solchen „Fair-Teiler“ bei sich zu Hause in Rurich. Immer montags ist er mit seinem Caddy unterwegs zu Supermärkten, Bäckereien, Bauern und Großhändlern. Manchmal auch zu Privatpersonen, die das Obst von ihren Bäumen verschenken, weil sie es allein nicht aufessen können. Gerettet wird alles, außer Fisch und Hackfleisch. Manchmal gibt es auch „Not-Rettungen“, wie an diesem Vormittag, als bei einem großen Supermarkt die Tiefkühlung ausgefallen ist und ein Stapel Tiefkühlpizzen weg muss.

In so einem Fall, sagt Körfer, geht alles ganz schnell. Vier aktive „Fair-Teiler“ gibt es derzeit im Kreis Heinsberg und fünf „Essenskörbe“. Untereinander ist man mit einer WhatsApp-Gruppe vernetzt, in der knapp 100 Essensretter und 130 Essensabholer aktiv sind. Nach außen sei man nicht weniger gut vernetzt: Mit dem „Foodsharing“ in Aachen, Düren und Mönchengladbach zum Beispiel, oder mit Vereinen und karitativen Einrichtungen. Und mit der Freiwilligen Feuerwehr in Löverich: Dort stehen große Tiefkühltruhen, die bei Bedarf der Lebensmittelrettung zur Verfügung gestellt werden, sagt Körfer.

Beim Tiefkühlpizza-Fall waren zugleich Retter zugegen, die die italienische Spezialität in einen „Fair-Teiler“ nach Wassenberg gebracht haben. Das, sagt Körfer, hebe die Foodsharer von Einrichtungen wie der Tafel ab: Man sei flexibler und weniger an Termine gebunden. „Ansonsten lassen wir den Tafeln aber gern den Vortritt“, sagt er. Zu den Pizzen sagt er: „Da bleibt keine übrig.“

Generell kommt bei Körfer kaum was weg, sagt er. Es sei denn, es ist schimmelig oder nicht mehr genießbar. Neben ihm sitzt sein Vater, der die letzten Gemüsereste, die niemand abgeholt hat, kleinschnippelt, für die Hühner.

Nachdem Körfer montags also die Lebensmittel abgeholt hat, öffnet er ab 19 Uhr seinen überdachten Innenhof und alle, die wollen, können sich an den Lebensmitteln bedienen. Kostenlos. Außerdem können die Menschen jeden Montag dort auch ihre Lebensmittel abgeben, die sie selbst nicht schaffen, etwa vor einem Urlaub. Die Leute, die Essen retten oder sich Essen abholen, seien bunt gemischt, „von sehr arm bis sehr reich“, sagt Körfer. Jeder ist willkommen, jeder kann mitmachen, so viele Stunden die Woche, wie er möchte.

Aus der gleichen Idee, dass Essen grundsätzlich nicht in die Mülltonne gehört, ist der Name „Too good to go“ entsprungen. Frei übersetzt bedeutet der Name „Zu gut zum Wegschmeißen“, und er gehört zu einer App, die ihren Ursprung in Dänemark hat, und zwar im Jahr 2015. Rund 28.000 Betriebe sind mit dabei, verteilt über zwölf Länder in Europa. In Deutschland sind es rund 3600 Partnerläden, die App gibt es hier seit 2016. Sie ist kostenlos und im Google Play Store und im App Store erhältlich.

Zu verschenken: Diese Kekse und Naschereien hat Wilhelm Körfer vor der Tonne bewahrt. Foto: Marie Eckert

Partner sind unter anderem Bäckereien, Supermarktketten, kleine Restaurants und große Ketten oder auch Hotels. Das Konzept: Das Essen, das vorher niemand kaufen wollte, wird über die App angeboten und kann für einen Preis, der nur einem Bruchteil des ehemaligen Warenwertes entspricht, gekauft werden. In einem festgelegten Zeitraum kann es dann abgeholt werden – oft kurz vor Ladenschluss. Was genau in der Wundertüte drin ist, weiß man erst, wenn man nach dem Abholen reingeguckt hat.

Pro geretteter Portion bekommt „Too good to go“ einen Anteil von gut einem Euro. Dieser Betrag fließe in die App-Technologie, den Kundenservice, das Marketing und die Betreuung der Betriebe, teilt das Unternehmen auf Nachfrage mit.

In Heinsberg gibt es das günstige Essen derzeit an zwei Stellen: Beim Real und bei einer Esso-Tankstelle. Real bietet zweierlei an, Obst oder Gemüse, mit Abholung zwischen 16 und 20 Uhr, und Backwaren. Die stammen vom Vortag und können zwischen 9 und 13 Uhr in der Filiale abgeholt werden. Dem Unternehmen erspart es die Entsorgungskosten. Seit 2018 gibt es dieses Angebot. In Übach-Palenberg beteiligt sich ein Bäcker.

Meistens bietet der Laden fünf dieser Portionen an – bei Interesse ist ein bisschen Tempo gefragt, denn was weg ist, ist eben weg. Gekauft werden sie per App, mit dem Beleg bekommt man am Service-Center die Tüte mit Backwaren. Ein Wisch auf dem Smartphone-Display reicht, und nach weniger als einer Minute ist alles erledigt. Die App setzt auf Unkompliziertheit.

Die Ausbeute im Selbstversuch: Zwei Laibe Brot, ein Oliven-Baguette, zwei Schokobrötchen, zwei Streuseltaler, zwei Quarkplunder. Der Geschmackstest ist bestanden.

In einer Pressemitteilung teilte das Unternehmen Real jüngst mit, man wolle an allen 279 Standorten in Deutschland an der Aktion „Too good to go“ teilnehmen. Die App sei jedoch keine Konkurrenz zu den Einrichtungen der Tafel. Real führe sein Engagement für die Tafeln und karitativen Einrichtungen wie gewohnt fort. „Einige Tafeln verfügen jedoch über eingeschränkte Lagerungs- oder Transporteinrichtungen, so dass ‚Too good to go‘ eine ideale, ergänzende Lösung zur Lebensmittelrettung darstellt“, heißt es weiter.

Für andere Zielgruppen

Und: Die App spricht mit Hotels und Restaurants zusätzlich andere Zielgruppen an als die, die mit den Tafeln kooperieren. Der Real-Markt in Heinsberg arbeitet mit der Tafel zusammen. Die Einrichtung kooperiert mit vielen Supermärkten, Bäckereien und Lebensmittelproduzenten wie Lindt und Mühlhäuser, sagt Pfarrer Sebastian Walde, der der Vorsitzende der Heinsberger Tafel ist. Immer mittwochs und samstags ist Ausgabetag, das heißt, dann dürfen die Berechtigten günstig einkaufen. Berechtigt ist, wer einen entsprechenden Tafel-Ausweis hat, sagt Walde. Das sind in Heinsberg zwischen 500 und 600 Menschen. „Die kommen aber nicht alle zu allen Ausgabeterminen“, sagt er. Das seien eher zwischen 60 und 100. Am Monatsende, wenn das Geld langsam knapp werde, auch mehr.

In Oberbruch gibt es den Verein Amos, der ebenfalls Essen ausgebe. Mit diesem stimme man sich mit den Anlieferungs- und Ausgabetagen ab, sagt Walde. Und: „Was wir an Lebensmitteln bekommen, nehmen wir auch.“ Es gebe auch Tage, an denen weniger als gewohnt verteilt werden könne. Manchmal bleibe aber auch etwas übrig: Dann gibt es immer montags einen Mittagstisch, der gegen einen Obolus offen für alle ist. „Damit nichts wegkommt“, sagt der Pfarrer.

In der Hauptsache, sagt er, stehen verderbliche Lebensmittel zum Verkauf, viel Gemüse, Obst, Wurst, Käse und Eier, manchmal auch Nudeln, bei denen die Verpackung beschädigt ist. Die Bedingung: Das Mindesthaltbarkeitsdatum darf nicht überschritten sein.

Das ist bei den „Fair-Teilern“ anders. Da verlasse man sich auf die fünf Sinne der Menschen. „Unsere Regel ist, dass nichts gerettet wird, das wir nicht auch selbst essen würden“, sagt Körfer. Alle drei Ansätze – App, Tafel und Foodsharing – um gegen Verschwendung vorzugehen, stehen also für sich, und sie kommen sich nicht in die Quere.

Weitere Infos zu den „Fair-Teilern“ unter www.foodsharing.de.

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