Aachen/Heinsberg: Lebenshilfe: Auch ökonomisch gerechnet lohnt sich die Investition

Aachen/Heinsberg: Lebenshilfe: Auch ökonomisch gerechnet lohnt sich die Investition

Dass die Integration von Menschen mit Behinderung sinnvoll ist, steht außer Zweifel. Das beinhaltet auch die Teilhabe am Arbeitsleben. Die Akzeptanz bezieht sich allerdings in der Regel auf sozialtherapeutische Aspekte.

Anders sieht es aus, wenn man ökonomisch argumentiert. Gerade in Zeiten überschuldeter öffentlicher Haushalte können Institutionen mit speziell auf die Situation von behinderten Menschen zugeschnitten Arbeitsplätzen in die Defensive geraten. Denn derjenige, der dafür bezahlt, ist in der Regel nicht der, dem die Leistung direkt zu Gute kommt. Das wirft Fragen auf.

Die Werkstätten der Lebenshilfe in Aachen und Heinsberg haben sich gewappnet - mit Fakten. Sie haben den gesellschaftlichen Mehrwert, der durch Werkstätten für behinderte Menschen erzeugt wird, vom Nürnberger Forschungs- und Beratungsinstitut XIT untersuchen lassen. Grundlage für die Berechnung ist ein Verfahren, das an der Katholischen Universität Eichstätt entwickelt wurde. Das Ergebnis fassen Norbert Zimmermann, Geschäftsführer der Lebenshilfe Aachen Werkstätten und Service GmbH, und Edgar Johnen, sein Kollege aus Heinsberg, so zusammen: Menschen mit Behinderung sind nicht nur Empfänger einer Wohlfahrtsleistung, sondern tragen zum Mehrwert in der Region, in der sie leben und arbeiten, bei.

Rechnet man die Ergebnisse der Studie vorsichtig auf die ganze Region hoch, ergibt sich folgendes Bild: In der Region gibt es sechs Werkstattträger, die 4000 Menschen mit Behinderung und 1000 weitere Angestellte (etwa als Fachkräfte für Arbeitsförderung oder in der Verwaltung) beschäftigen. An produktiven Umsätzen werden dort 18,1 Millionen Euro im Jahr erwirtschaftet. 31,5 Millionen werden als Lohn und Gehalt ausgezahlt. Da die Beschäftigten einen Teil ihrer Löhne in der Region ausgeben und dies an anderer Stelle Arbeitsplätze sichert, lautet die Hochrechnung so: An den Werkstätten in der Region hängen mehr als 2000 Arbeitsplätze, und sie sorgen für eine Nachfrage von knapp 25,5 Millionen Euro.

Von jedem Euro, den die Werkstätten von der öffentlichen Hand erhalten, fließen im Schnitt 47 Cent direkt zurück - in Form von Mehrwertsteuer durch Fahrdienste, durch die Lohnsteuer der Mitarbeiter, ihre Soli- oder Sozialversicherungsbeiträge. Geld, das dem Bund zugute kommt - die Werkstätten allerdings sind über die Umlage an den Landschaftsverband kommunal finanziert. Auch die behinderten Beschäftigen erhalten Leistungen aus den Sozialkassen: Arbeitsförderungsgeld, Ausbildungsgeld, Erstattung von Sozialversicherungsbeiträgen und Fahrtkostenerstattung. Da sie in der Werkstatt einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen und Lohn erhalten, geben sie rund 70 Prozent dieser Transferleistungen wieder zurück: in Form von Steuern, Sozialversicherungsbeiträgen, Heimkostenbeiträgen oder Rückzahlungen der Grundsicherung.

Ganz wesentlich ist auch die Erkenntnis, dass es für die Gesellschaft kaum günstiger wäre, wenn die Behinderten nicht in den Werkstätten arbeiten würden, sondern zu Hause oder im Wohnheim blieben. Bei einer Integration auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt - eine rein hypothetische Alternative - wären die gesellschaftlichen Nettokosten sogar noch höher.

Für Johnen ist deshalb klar: „Menschen mit Behinderung entlasten durch ihre Arbeit in den Werkstätten den öffentlichen Haushalt.” Zimmermann ergänzt: „Zu den Werkstätten gibt es keine wirtschaftlich sinnvolle und sozial vertretbare Alternative, wenn man den Aspekt der Teilhabe am Arbeitsleben in Verhältnis zu den gesellschaftlichen Nettokosten setzt.” Anders ausgedrückt: Es ist sinnvoller, in Arbeit zu investieren als in staatliche Wohlfahrtssysteme.