Köln/Heinsberg: Kunsthistoriker übersetzt Briefe des Künstlers Oscar Begas

Köln/Heinsberg : Kunsthistoriker übersetzt Briefe des Künstlers Oscar Begas

Er löst gerne Kreuzworträtsel. Deshalb hat Dr. Wolfgang Cortjaens es doch noch einmal getan. Er hat Briefe, geschrieben im 19. Jahrhundert, in die heutige Schrift übertragen und kommentiert. Dabei hatte sich der promovierte Kunsthistoriker vor Jahren einmal geschworen: „Nie wieder!“ Da lag gerade das mühsame Entziffern, Transkribieren und Kommentieren eines zweisprachigen, historischen Briefwechsels hinter ihm.

Aber die besagten Briefe stammen von der Familie Begas und mit der Familie Begas kennt Wolfgang Cortjaens sich aus. Von 2011 bis 2015 war er Kustos und stellvertretender Museumsleiter des Begas-Hauses, Museum für Kunst und Regionalgeschichte. Also hat der promovierte Kunsthistoriker jetzt ein Buch mit Briefen von Carl Joseph Begas d. Ä, in Heinsberg geboren und in Berlin als königlich-preußischer Hofmaler zu Ruhm gelangt, an seinen erstgeborenen Sohn, Oscar Begas, herausgegeben. Dieser hatte nicht nur — wie seine Brüder — das Talent des Vaters geerbt, sondern auch sein Maleratelier übernommen.

Wenn Künstler, Künstlern schreiben, geht es um Kunst, wenn Väter Söhnen schreiben, um Fleiß und gutes Benehmen, wenn Arbeitgeber ihren Mitarbeitern schreiben um Geld. Carl Joseph Begas d. Ä. war für Oscar Begas all dies in Personalunion. Die Briefe verraten viel darüber, wie im Begasschen Künstlerhaushalt gearbeitet, gelebt, geliebt wurde: Der Vater schreibt, welche Farbe er verwendet und die Mutter gibt Tipps, wie Oscar seine Kundschaft dazu bekommen kann, fürs Porträtieren stillzusitzen. Es wird von Tanzfesten erzählt, von der Arbeit in der Königlich-preußischen Akademie, vom Scharlach des kleinen Rolli, vom Besuch des Königs, von der Vollendung eines Kunstwerks, vom Dresdener Doppel Kaffee, der nahrhaft ist und schmeckt, als tränke man „ächten Kaffee“.

Schriftliche Hinterlassenschaften gehören zu den „Glücksfällen kunsthistorischer Quellenforschung“, sagt Cortjaens. Weil sie einen völlig anderen Blickwinkel erlauben, „weil sie ohne Rücksichtnahme auf ein Lesepublikum die tatsächlichen Ansichten und innere Verfassung des Schreibenden wiedergeben“.

Die Briefe sind Teil des Familienarchivs Oscar Begas, das im Begas-Haus bewahrt und erforscht wird. Das Material diente Cortjaens auch als Grundlage für das erste Verzeichnis über die Werke des Künstlers. „Oscar Begas, 1828 bis 1883. Ein Berliner Maler zwischen Hof und Bourgeoisie“ ist im September 2017 erschienen. Mit dem Buch „Familienbande“ schließt der Herzogenrather seine langjährige Beschäftigung mit der Künstlerfamilie ab. Das sagt er bei der Vorstellung des Buches im Wallraff-Richartz-Museum in Köln.

Köln? Ja, denn Begas war auch „ne Kölsche Jong“, sagt Museumsleiter Dr. Marcus Dekiert. Er, damit ist Carl Joseph gemeint, der von 1802 bis 1813 in Köln gelebt hat, wo sein Vater als Kammergerichtspräsident tätig war. Dort ist auch das Familienporträt entstanden, das in der ständigen Ausstellung des 19. Jahrhunderts im Wallraf-Richartz-Museum sowie im Begas-Haus zu sehen ist.

Knifflig war die Arbeit mit den Briefen, weil die Kurrentenschrift, eine Schreibschrift mit vielen spitzen Winkeln, bei der sich das „e“ und das „n“ zum Verwechseln ähnlich sehen, entziffert, die Bedeutung erschlossen, der historische Kontext entfaltet werden muss. (Was Der Autor in einem umfangreichen Anhang getan hat.) „Jeden Satz muss man zehnmal lesen, bevor man ihn entschlüsselt hat“, sagt Cortjaens. Das Papier war dünn, die Tinte manchmal gräulich, die Handschrift oft fahrig. Wilhelmine Begas schreibt einmal: „Ich habe Dein Talent, jede flüchtige Handschrift zu entziffern diesmal sehr in Anspruch genommen — künftig werde ich besser schreiben.“ Gut, dass sich Cortjaens mit Kreuzworträtseln auskennt.

Info: Das Buch „Familienbande. Der Briefwechsel von Carl Joseph Begas d. Ä. mit Oscar Begas 1840-1854“, herausgegeben von Wolfgang Cortjaens, ist 295 Seiten dick und erschienen im Böhlau-Verlag.