Kreis Heinsberg: Per Expressbus über den Standstreifen

Neue Ideen für Busverkehr : Demnächst im Expressbus über den Standstreifen fahren?

Verkehr ist einer der größten Verursacher von Treibhausgasen. Damit sich die Menschen im Kreis Heinsberg häufiger mit Bus, Bahn und Fahrrad bewegen, sind neue Mobiltätsmodelle gefragt. Landrat Stephan Pusch und West-Geschäftsführer Udo Winkens stellen ihre Ideen vor.

Mit ihnen sprach unsere Redakteurin Nicola Gottfroh.

Der Klimaschutz ist in aller Munde – haben Sie in den vergangenen Monaten gemerkt, dass die Menschen häufiger auf öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen sind?

Winkens: Bislang ist das nicht zu erkennen. Bei uns im Kreis Heinsberg werden gerade einmal  sieben Prozent aller Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt. Die Menschen im Kreis Heinsberg sind sehr Pkw-affin. Auf die rund 252.000 Einwohner im Kreis Heinsberg kommen 215.000 Fahrzeuge. Das ist auch strukturbedingt.

Pusch: Deshalb ist es an der Politik, den Menschen hier Alternativen anzubieten.  Uns schwebt ein Expressbus vor, der den Kreis Heinsberg mit den Oberzentren Aachen und Düsseldorf verbindet – immerhin pendeln gut 36.000 Menschen Richtung Mönchengladbach, 10.000 Richtung Düsseldorf und 22.100 Richtung Aachen aus. Und das jeden Morgen. Ein Expressbus ist eine Alternative, die Potenzial hat, gut angenommen zu werden, wenn die Pendler im Stau auf der Autobahn sehen, dass der Bus an ihnen vorbeirollt. Die CDU und die Grünen haben nun gemeinsam einen Antrag an die Verwaltung gestellt, die Möglichkeiten zu prüfen.

Die Vorstellung ist durchaus charmant: Schnell auf einer eigenen Spur den Stau links liegen lassen. Ist das rechtlich und technisch denn überhaupt möglich.

Pusch: Sonderspuren sind zwar eher eine Seltenheit, aber es gibt durchaus die Möglichkeit, den Standstreifen auf der Autobahn zu bestimmten Zeiten für Busse freizugeben. Und auch auf der Landstraße ist so etwas denkbar. Es gibt durchaus Beispiele von Städten und Kreisen, in denen so etwas funktioniert. Warum sollten wir dies nicht als Signal für uns sehen? Hinzu kommt: Die Diskussion um den Klimaschutz öffnet uns  viele  Türen. Die Stadt Aachen beispielsweise  versucht mit allen Mitteln, Fahrverbote zu vermeiden – dafür müssen so viele Fahrzeuge wie möglich aus der Stadt rausgehalten werden.

Winkens: Tatsächlich hat es vor einigen Jahren schon einen Expressbus aus dem Kreis Heinsberg zum Aachener Klinikum gegeben, der sehr gut angenommen wurde. Leider musste dieser wegen Finanzierungsproblemen eingestellt werden.

Dennoch besitzen die Haushalte im Kreis, wie Udo Winkens eingangs erwähnt hat,  mindestens  ein Auto. Und der ÖPNV ist nicht unbedingt günstig – vor allem, wenn das Auto bequem vor der Haustür steht. Sie müssten günstige Tickets bieten – doch wie wollen Sie das finanzieren?

Per Schnellbus aus dem Kreis Heinsberg nach Düsseldorf und Aachen: Diese Idee verfolgen Udo Winkens (l.) und Stephan Pusch. Foto: ZVA/Nicola Gottfroh

Pusch: Es ist keine Frage, dass die Bürger hier auf dem „platten Land“ ein Auto brauchen. Wir als Politik können den Bürgern aber das Angebot machen, dass sich das Umsteigen auf den Bus bei weiteren Strecken in die Oberzentren nicht nur durch das stressfreie und zügige Erreichen des Ziels rechnet, sondern auch durch günstige Fahrpreise.  Das kostet natürlich viel Geld  – und die Kosten sollte nicht ein Kreis allein tragen müssen. Auch die Städte, aus denen die Autos mit einem solchen Angebot rausgehalten werden, sollten ihren Teil dazu beisteuern.

Winkens: Hinzu kommt die Parkplatzsituation ...

Pusch: In der Tat. Einen Platz für das Auto zu finden, wird immer schwieriger – in den Großstädten sowieso. Aber auch bei uns im Kreis gibt es stadtähnliche Ballungsgebiete mit sehr verdichteten Räumen. Da wird es schon problematisch, wenn man für das Auto von Vater, Mutter und dem erwachsenen, studierenden Sohn einen Parkplatz vor der Haustüre finden möchte.

Aber besteht mit der Bahn nicht schon genau dieses Angebot, das Ihnen vorschwebt?

Winkens: Wir möchten nicht mit der Bahn konkurrieren, sondern ein zusätzliches Angebot bieten. Denn gerade im Winter bei Schnee, Nebel und Glatteis stehen sich die Menschen in der Bahn schon fast gegenseitig auf den Füßen – hinzu kommt das Problem der Verspätungen. Wie wollen nichts anderes, sondern ein Mehr bieten.

Pusch: Uns ist klar, dass wir das Verhalten der Bürger nicht von jetzt auf gleich ändern können. Und wir möchten auf keinen Fall den erhobenen Zeigefinger zeigen, sondern neue Möglichkeiten aufzeigen. Dabei setzen wir besonders auf die junge Generation, die „Fridays-for-Future“-Bewegung. Wer mehr Klimaschutz will, der muss auch bei sich selbst anfangen und nicht auf das Mama-Taxi setzen.

Mehr von Aachener Nachrichten