Kreis Heinsberg: Jugendkriminalität im „gelobten Land“

Jugendkriminalität 2018 : Der Kreis Heinsberg liegt im „gelobten Land“

Als Josef Kremers vor Kurzem in einem Restaurant saß, begegnete er einem jungen Mann, den er gut kannte. Der Mann trug einen Anzug und bediente Kremers. Das war für Kriminalhauptkommissar Josef Kremers eine Bestätigung, dass seine Arbeit erfolgreich war.

Er ist Jugendsachbearbeiter bei der Kreispolizeibehörde Heinsberg. Und der junge Mann, der nun in der Gastronomie arbeitet, war zuvor „Jugendlicher Intensivtäter“ gewesen. Das heißt, dass eine ganze Reihe von Straftaten auf sein Konto ging.

Kremers und die anderen Jugendsachbearbeiter der Polizei kümmern sich intensiv um Jugendliche, die immer wieder straffällig werden. Sie bauen ein Netz um diese Täter auf. Sie sprechen zum Beispiel mit der Schule, den Eltern, der Jugendgerichtshilfe, der Nachbarschaft und dem Jugendamt. Auch bei der Staatsanwaltschaft gibt es eine feste Ansprechpartnerin. Das folgt dem Ziel, soziale Kontrolle aufzubauen, damit Straftaten nicht anonym verübt werden können. Und die einzelnen Taten würden dann auch konsequent verfolgt. „Der Weg aus dem Programm heraus führt entweder in die Straffreiheit oder in die U-Haft“, sagt Kremers. Dabei wolle die Polizei die richtigen Leitpfosten setzen, um die Jugendlichen zurück auf einen rechtschaffenen Weg zu bringen, sagt Mareike Wollschläger, Leiterin der Direktion Kriminalität der Kreispolizeibehörde. „Das ist ein großer Zeitaufwand, aber es lohnt sich“, sagt sie.

Nun muss man allerdings dazu sagen, dass die meisten Fälle, die auf dem Schreibtisch von Josef Kremers landen, weit von dem Programm für Jugendliche Intensivstraftäter entfernt sind. Eine Schlägerei, ein Diebstahl oder eine Sachbeschädigung seien oft „pubertäre Verfehlungen“, sagt Kremers. Die meisten Jugendlichen sieht er einmal und nie wieder. Bei ihnen reicht es, wenn er ihnen bei der Vernehmung ins Gewissen redet. Dann stelle die Staatsanwaltschaft die Fälle meist ein. Wenn jedoch weitere Straftaten hinzukommen, landen die Fälle vor Gericht, dann drohen auch Sozialstunden oder Wochenendarreste.

Intensivtätern den Weg in die Straffreiheit weisen. Das wollen Josef Kremers und Mareike Wollschläger von der Heinsberger Polizei. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Jugendkriminalität im „gelobten Land“, sagt Kriminalrätin Wollschläger. In der polizeilichen Statistik wird das durch die Tatverdächtigenbelastungszahl ausgedrückt. Dieser Wert setzt die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen zwischen 14 und 18 Jahren ins Verhältnis zur Einwohnerzahl und soll so die Entwicklung der Jugendkriminalität vergleichbar machen. Ein Blick auf die vergangenen zehn Jahre zeigt, dass der Kreis Heinsberg bei diesem Wert immer deutlich unter dem Landesdurchschnitt liegt. Insgesamt ist die Tendenz im Land wie auch im Kreis Heinsberg fallend. Will heißen: Vor zehn Jahren gab es in Bezug auf die Einwohnerzahl noch deutlich mehr jugendliche Tatverdächtige.

Auch sonst sei die Jugendkriminalität im Kreis nicht auffällig: Der Großteil der Straftaten verteile sich auf Diebstähle (34 Prozent), Körperverletzungen (27 Prozent) und Sachbeschädigungen (zwölf Prozent).Diese positive Entwicklung deckt sich jedoch nicht immer mit subjektiven Eindrücken. In dieser Woche befasste sich beispielsweise der Jugendhilfeausschuss des Kreises Heinsberg mit dem Thema Jugendkriminalität. Karl Lukas und Doris Zaunbrecher, die für die Jugendgerichtshilfe zuständig sind, sprachen dort über ihre Arbeit. Dabei sprach Lukas von steigender Gewaltbereitschaft und sinkender Hemmschwelle bei jugendlichen Straftätern. Die Gewalt sei teils erschreckend, sagte Lukas. Viele Jugendliche gingen kaum noch ohne Messer aus dem Haus. Als Gründe für diese Verrohung nannte Lukas Elternhäuser, in denen es normal sei, Konflikte mit Gewalt zu regeln. Neben Faktoren wie sozialem Neid und Langeweile spiele aber auch eine Rolle, dass sich die Jugendlichen mit Gewalt den Respekt ihrer Altersgenossen sichern wollten.

Höhere Gewaltbereitschaft und ein brutaleres Vorgehen lasse sich durch die polizeiliche Statistik jedoch nicht belegen, sagte Wollschläger. Eine Bereitschaft zur Brutalität zeige sich nur in Einzelfällen: „Es gibt Fälle, in denen mit außergewöhnlicher Härte vorgegangen wird. Aber da ist keine allgemeine Tendenz erkennbar“, sagt Kremers. Ähnlich bewertet die Polizei den Eindruck zum Thema Messer: „Die Fälle kommen vor, aber man kann das nicht verallgemeinern“, sagt Kremers. Wobei er auch sagt, dass es nicht grundsätzlich verboten ist, ein Messer dabei zu haben. Ein Taschenmesser sei etwa erlaubt, solange es nicht als Waffe eingesetzt werde. Diese Messer tauchen dann auch nicht in den Polizeiakten auf.

Als im vergangenen Jahr bekannt wurde, dass in Waldfeucht ein junger Mann durch einen mutmaßlichen Auftragsmord ums Leben gekommen sei, warf das Fragen nach organisierten kriminellen Strukturen im Kreis Heinsberg auf. Ein mutmaßlicher Hintermann dieser Tat soll gegen Geld einen Schlägertrupp zusammengestellt haben, der das Opfer attackierte – was letztlich tödlich endete. Wollschläger könne sich zu dem konkreten Fall zwar nicht äußern, aber eine Unterwelt, in der Clans und andere Gruppen der organisierten Kriminalität das Sagen haben, gebe es hier nicht.

Gleichwohl gebe es auch Orte, auf die die Polizei in Sachen Jugendkriminalität ein besonderes Augenmerk legt. Das seien beispielsweise Schulzentren, Diskotheken und der Busbahnhof am City-Center in Heinsberg. Dort, wo sich viele Jugendliche aufhalten, würden tendenziell auch mehr Straftaten von jungen Leuten registriert. Wenig Sorgen bereiten der Polizei hingegen die kleinen Ortschaften: Der Anteil der minderjährigen Straftäter aus den Gemeinden Selfkant (ein Prozent), Waldfeucht (drei Prozent) und Gangelt (vier Prozent) ist sehr gering. Möglicherweise liegt das daran, dass in den überschaubaren dörflichen Strukturen die soziale Kontrolle noch greift. Von den gut 1100 minderjährigen Straftätern kommen laut Polizei dagegen 23 Prozent aus Heinsberg, 18 Prozent aus Hückelhoven, 17 Prozent aus Geilenkirchen und 14 Prozent aus Erkelenz.

Um den jungen Mann, der nun als Kellner arbeitet, hat Josef Kremers eins seiner Netze aufgebaut. Als der Junge 14 Jahre alt und damit strafmündig wurde, kam er umgehend in Untersuchungshaft. Er hatte sich schon als Kind einiges zu Schulden kommen lassen. Für ihn war es also ein weiter Weg zu einem Leben ohne Straftaten. Aber er hat es geschafft – auch dank der Hilfe von Josef Kremers und von dem Netzwerk, das Kremers um ihn herum aufgebaut hat.

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