Kohleausstieg ist Thema beim Verein Bürger gegen Bergschäden

BUND-Experte : Kohleausstieg ist Thema beim Bergschäden-Verein

Einmal nicht die Folgeschäden des ehemaligen Steinkohlebergbaus in der Region standen auf der Tagesordnung einer offenen Mitgliederversammlung des Vereins Bürger gegen Bergschäden (BgB), sondern die Thematik des sogenannten Kohleausstiegs, hier speziell mit Blick auf den rheinischen Braunkohlentagebau.

Als Referenten konnte Vorsitzender Dr. Wolfgang Meurer dazu im Ratheimer Restaurant Jägerhof Dirk Jansen begrüßen, den Geschäftsleiter des Landesverbands NRW im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Sicherlich sei er schon gefragt worden, warum sich der Verein jetzt auch dieser Thematik widme, erklärte Meurer. Der Vortrag werde jedoch zeigen, dass die Sümpfungsmaßnahmen im Rahmen des Braunkohleabbaus auch Auswirkungen auf die hiesige Region haben könnten.

„Der Kohleausstieg beginnt im Rheinland“ hatte Jansen seinen Vortrag überschrieben und konnte diese Aussage mit eindrucksvollen Zahlen untermauern. 53 Prozent der gesamten Braunkohleförderung in Deutschland entfallen wissenschaftlichen Berechnungen zufolge auf NRW. Etwa 43 Prozent der Bruttostromerzeugung von NRW resultieren aus der Braunkohle und 11,3 Prozent des deutschen Stroms kommen aus den Braunkohlekraftwerken im Rheinland (Stand 2017). „Langsam merkt man doch schon was vom Kohleausstieg“, fuhr er fort.

So sei die Stromerzeugung aus rheinischer Braunkohle im ersten Halbjahr dieses Jahres im Vergleich mit dem Vorjahr um 30 Prozent zurückgegangen. RWE mache dafür die Stillstände durch Revisionen, den Rodungsstopp im Hambacher Wald und die Marktbedingungen verantwortlich. „Mit Braunkohlestrom lässt sich kein Geld mehr verdienen“, so der Referent. „Der schnelle Ausstieg ist nötig und möglich. Die Versorgungssicherheit ist nicht gefährdet“, betonte er. Für einen schnellen Ausstieg dürften in Garzweiler nur noch 150 Millionen Tonnen gefördert werden, in Hambach 230 Millionen Tonnen.

Der Vorstand des Vereins Bürger gegen Bergschäden (BgB) freute sich über Besuch und Vortrag von Dirk Jansen (2.v.r.), Geschäftsleiter des Landesverbands NRW im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Foto: Anna Petra Thomas

Dann wandte sich Jansen dem im Januar vorgelegten Bericht der Kohlekommission zu, die er eine „willkürlich besetzte Truppe“ nannte. Als Abschlussdatum für die Kohleverstromung empfehle die Kommission das Jahr 2038. „Dafür sind wir am meisten gescholten worden“, erklärte er und zitierte das auch vom BUND unterzeichnete Sondervotum für einen früheren Ausstieg. „Im Sinne des Klimaschutzes notwendig wäre ein Ausstieg bis 2030“, heißt es darin.

Allein durch die von der Kohlekommission vorgesehenen Kraftwerksstillegungen halbiere sich die Kohleförderung in Hambach und Garzweiler bis 2023, so Jansen weiter. Und in Garzweiler könnten noch 338,3 Millionen Tonnen Kohle gefördert werden, ohne dass noch Menschen aus Keyenberg, Kuckum, Berverath, Ober- und Unterwestrich sowie vom Eggerather Hof und dem Roitzerhof umgesiedelt werden müssten. In Hambach seien es bei Erhaltung des Waldes noch 480 Millionen Tonnen, also in beiden Fällen genug bei einem möglichen schnellen Ausstieg wie zuvor erläutert.

Dass der Hambacher Wald bleiben müsse, begründete Jansen mit dem einzigartigen Ökosystem in einem Gebiet, das seit der Wiederbewaldung nach der Eiszeit unverändert Bestand habe. Hier gebe es mehr als 1900 Käfer- und mehr als 100 Vogelarten, dazu geschützte Amphibien, die Haselmaus und mindestens zehn Fledermausarten, darunter auch die Bechstein-Fledermaus, die unter Naturschutz steht. „Zerstörung durch die Hintertür?“, hatte Jansen dann eine Luftaufnahme vom 25. Juni betitelt, mit der er zeigte, dass die Bagger schon mit einem Abstand von weniger als 100 Metern an den Waldrand herangerückt sind. „Und die Bergaufsicht verweigert klare Abstandsvorgaben für RWE“, empörte sich der Naturschützer.

Enteignungen seien jetzt nicht mehr zu rechtfertigen für Ziele, die gegen den Klimaschutz verstoßen würden, betonte er. „Ich bin optimistisch, dass sich jetzt Widerstand regt.“ In Keyenberg hätten zwar schon 60 Prozent der Bewohner ihre Häuser verkauft. „Aber es gibt auch zunehmend Menschen, die bleiben wollen. Da ist in juristischem Sinne Einiges zu erwarten.“

Völliges Unverständnis zeigte Jansen schließlich auch für den Antrag von RWE auf weitere Sümpfungsmaßnahmen in Form der Entnahme und Ableitung von Grundwasser. „Das betrifft auch Sie, aufgrund der Wechselwirkungen der Erftscholle und der Venloer Scholle“, sagte er seinen Zuhörern. Noch bis zum 18. September könnten gegen den Antrag Einwendungen vorgebracht werden. Schließlich lud er ein zum weltweiten Aktionstag „Fridays for Future“ am 20. September und zur Großdemonstration „Kohle stoppen! Klimaschutz jetzt!“ am 30. November in Köln.

In der anschließenden Diskussion gingen die Meinungen weit auseinander. Ein Zuhörer führte an, der Anteil Deutschlands am weltweiten CO2-Ausstoß betrage gerade einmal zwei Prozent. „Was können wir da bewirken?“, lautete seine rhetorische Frage. „Wenn wir jetzt alle stillhalten, tut sich ja nie irgendwas“, entgegnete ihm eine andere Teilnehmerin an der Diskussion. Und auch musste sich Jansen von einem Zuhörer vorwerfen lassen, er zitiere nur die Wissenschaftler, die ihm genehm seien.