Kritik am Bundestrainer: „Kein Erfolg bedeutet keinen Spaß“

Kritik am Bundestrainer : „Kein Erfolg bedeutet keinen Spaß“

Wer Fehler macht, muss mit Kritik rechnen. Bestenfalls hinterfragt der Betroffene sich selbst, schlimmstenfalls lernt er nichts aus seinen Fehlern. Was aber, wenn die Fehler gar nicht unmittelbar die eigenen sind? Sondern zum Beispiel die von Fußballspielern oder gar der ganzen Mannschaft? So passiert gerade beim Bundestrainer der Nationalelf.

Jogi Löw hat’s im Moment nicht leicht. Seit der WM scheint es weiter bergab zu gehen, sechs Niederlagen musste die deutsche Fußballmannschaft in diesem Jahr schon einstecken –  das gab es seit Jahrzehnten nicht mehr. Auch das Spiel gegen den amtierenden Weltmeister Frankreich hat die Mannschaft von Bundestrainer Löw am Dienstagabend verloren.

Kritik hagelt es von allen Seiten, seit Wochen. Zu kollegial sei Jogi, und überhaupt seien seine Personalentscheidungen oft nicht nachvollziehbar. Der Schwabe mit der charakteristischen Frisur nimmt’s äußerlich gelassen. „Wenn das alles war, halte ich es aus“, kontert der Trainer. Der Trainer übrigens, der im Jahr 2014 Weltmeister geworden ist.

Wie berechtigt ist sie also, die unweigerliche Kritik am Trainer bei Niederlagen? „Der Trainer ist nun mal derjenige, der die sportliche Verantwortung trägt und nach der Leistung der Mannschaft bewertet wird“, sagt Jochen Küppers. Passenderweise ist er selbst Fußballtrainer, seit 18 Jahren in der Region um Heinsberg, seit fünf Jahren beim FC Union Schafhausen, der inzwischen in der Landesliga spielt.

Der Trainer, zählt er weiter auf, sei der, der vorneweg stehe, das Bindeglied zwischen Presse, Vorstand und Mannschaft sei er. „Wenn es nicht läuft, hat der Trainer im Profibereich vielleicht eine Karenzzeit von fünf Spielen, dann steht er in der Kritik.“ Berechtigt oder nicht: „So ist eben das Geschäft“, sagt er.

Friedel Henßen sieht das genauso. Er ist seit sieben Jahren Fußballtrainer, aktuell beim FC Wegberg-Beeck.  In der vergangenen Saison hat der Verein mit der Alemannia Aachen in der Regionalliga West gespielt, in dieser eine Klasse niedriger, in der Mittelrheinliga. „Fußball ist ein Ergebnissport, bei Erfolgen wird der Trainer gefeiert, bei Misserfolgen eben kritisiert – das ist normal.“ So ist es bei Löw, 2014 ganz oben, 2018 mutmaßlich ganz unten, und so ist es auch im Amateurbereich. „Grundsätzlich sitzen aber alle in einem Boot, Trainer und Mannschaft als Team.“

Jochen Schmitz, seit neun Jahren Fußballtrainer, aktuell beim SV Adler Effeld, der in der Kreisliga B spielt, sagt dazu: „Der Trainer ist am nächsten an der Mannschaft dran und muss die Entscheidungen tragen“, sagt er. Dass er dabei Kritik abbekommt, gehöre dazu. Außerdem, sagt Schmitz, müsse man differenzieren: Setzen die Spieler nicht das um, was sie umsetzen sollen oder will der Trainer aus Sturheit um jeden Preis sein Ding durchziehen?

Bei den Amateuren ist vieles anders

Ein Seitenhieb auf Jogi Löw. Seit der WM hält Jochen Schmitz nämlich nicht mehr viel von der Arbeit des Bundestrainers. „Ich kann nachvollziehen, dass man sich von außen nicht ständig reinreden lassen will, aber Sturheit hilft auch nicht.“ Gerade die Kritik am Bundestrainer in puncto Personalentscheidungen kann Schmitz nachvollziehen: „Wenn ich meinen festen Stamm von Spielern habe, die ich immer spielen lasse, egal, in welcher Form sie sind – dann ist das nicht unbedingt etwas Gutes.“

Beim Thema Verlieren müsse man jedoch auch gut unterscheiden, ob individuelle Fehler oder die gesamte Mannschaftsleistung zur Niederlage geführt haben, sagt Jochen Küppers. Im Amateurbereich, das wissen alle drei Trainer aus Erfahrung, kommen zur Spielanalyse noch ganz andere Probleme dazu – Spieler, die nicht zum Training kommen oder beim Spiel am Wochenende nicht in Topform sind etwa.

Ohnehin kann auch eine Mannschaft mal einen schlechten Tag haben – so geschehen bei einer jüngsten 5:1-Niederlage der Union Schafhausen.  „Wir waren mies drauf, es hat eben nicht gepasst“, resümiert Küppers nüchtern. Bewerten, abhaken, weitermachen – und das nächste Spiel gewinnen. Immer nach vorn blicken, so lautet die Devise des Trainers. Das Selbstbewusstsein zu stärken und Positives hervorzuheben hilft dabei, wenn er seine Mannschaft wieder aufbauen möchte.

Jochen Schmitz baut nach einer Niederlage erst einmal sich selbst  auf, dann seine Spieler – mit Zuspruch und einer „ruhigen Fehleranalyse“, mit der beim nächsten Training möglichst die Schwächen ausgelotet werden, wie er sagt.

Jochen Küppers hat sich in seiner Trainerkarriere, die immerhin schon fast zwei Jahrzehnte andauert, bislang nicht mit massiver Kritik konfrontiert gesehen. „Wenn man verliert, gibt es immer Leute, die kritisieren und sagen, der Trainer würde die Mannschaft nicht mehr erreichen“, sagt er. „Allerdings bin ich auch noch nie mit einer Mannschaft abgestiegen.“ Und: „Ich glaube, dass jeder Trainer sich sowieso ständig kritisch hinterfragt, ob das, was man sich überlegt, auch auf dem Platz ankommt.“

Und auch Jochen Schmitz ist bisher von Kritik verschont geblieben – zumindest von offener. „Womöglich wird hinter dem Rücken ein wenig gemauschelt, wenn die Siege ausbleiben. Das kann ich dann aber auch verstehen.“ Da helfe es, in diesem Punkt ist er sich mit Küppers einig, sich selbst wieder und wieder zu hinterfragen.

Friedel Henßen hat das, was Jogi Löw im Großen erlebt hat, gleich zweimal beim FC Wegberg Beeck durchgestanden: zwei Aufstiege, zwei Abstiege. Interne Kritik gab’s zum Glück nicht: „Präsident und Vorstand haben auch in schlechten Zeiten hinter mir gestanden.“ Mit Kritik von außen musste der Trainer mitunter leben. „Es gibt immer den ein oder anderen, der viele Dinge anders sieht als man selbst“, sagt Henßen. Aus Erfahrung sagt er: „Nach einer Niederlage schläft man so oder so immer schlecht.“ Er gehe dann das Spiel noch einmal komplett durch und frage sich, was er hätte besser machen können. Bei zu viel zusätzlicher Kritik helfe ab und zu auch ein dickes Fell.

Bei Joachim Löw sieht die Sache mit der Kritik, wie eingangs erwähnt, ein bisschen anders aus, er muss massiver einstecken. Trotzdem möchte er offenbar weitermachen. Sieht man von möglichen materiellen Gründen ab, bleibt die Frage: Was macht die Faszination am Trainerdasein aus?

Für Jochen Küppers ganz klar das Gewinnen. „Kein Mensch verliert gern dreimal hintereinander, egal, welche Liga und Sportart.“ Das mache den Reiz aus, man investiere viel Zeit und Herzblut, um dann am Wochenende zu gewinnen. „Unser Sport definiert sich durch den Erfolg – wenn wir keinen Erfolg haben, haben wir auch keinen Spaß.“

Und Jochen Schmitz ist nach seiner eigenen aktiven Zeit als Fußballer nicht vom Sport losgekommen – und eben als Trainer geblieben. „Ohne Fußball scheint es nicht zu gehen“, sagt er und lacht. Genau wie Friedel Henßen: Spieler, Co-Trainer, Trainer. Das ist seine Fußballlaufbahn, nahtlos, ohne Pause zwischendrin.

Und obwohl Jochen Küppers im jüngsten Spiel der Nationalelf den ein oder anderen Fehler gesehen hat:  Er glaubt an Jogi Löw.  „Das ist ein Lernprozess, alles braucht Entwicklung, ich glaube, dass er das hinkriegen kann“.  Etwas Zurückhaltung mit der Trainer-Kritik vom heimischen Sofa aus schadet generell sowieso nicht, findet er. „Fußball ist unglaublich komplex. Wir wissen nicht, was im Vorfeld des Spiels alles geleistet wurde.“

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