Kabarettist Jens Neutag in der Wegberger Mühle

Kabarettist Jens Neutag : Mit spitzer Zunge und „Pegida-Tourette“

Mit Volldampf fegte Jens Neutag durch die ausverkaufte Wegberger Mühle. „Mit Volldampf“ – das ist nicht nur der Name seines Programms, sondern beschreibt auch ziemlich genau, was sich da auf der Bühne abspielte.

Mit seinem siebten Soloprogramm widmete sich der mehrfach preisgekrönte Kabarettist mit sicherem Instinkt dem Sinn und Irrsinn der Tagespolitik.

Nichts und niemand im Politikzirkus war sicher vor seinen scharfsinnigen Analysen, seiner spitzen Zunge, seinen entlarvenden Erkenntnissen. Denn wenn „Horrorclowns Präsidenten werden“, „unzählige hirnlose Rechtspopulisten“ und „mentale Nationalzwerge“ in Europa mit Realsatire dem Kabarett das Wasser abgraben, dann holt er zum ultimativen Gegenschlag aus und geht als Kabarettist in die Politik.

Was sich als höchstvergnügliche Sache herausstellt. Als vermeintlich aussichtsloser „Bürgermeisterkandidat für Stadtkirchen“ macht er sich so seine eigenen Gedanken über Vision und Optimismus des Satzes „Wir schaffen das!“ und Rock 'n' Roller im Kaninchenzuchtverein. Breitgefächertes Fachwissen breitet er vor seinem Publikum aus: Von Schmelzkäse, der zum Sanitärfugenkitt mutiert, von einem weißhaarigen Problembären, der einem senilen Rüden ähnelt und vom Zuckerrübenkraut, das im Dschungelcamp keine Verwendung mehr findet – „aus Respekt vor den Maden“.

Auch an seinem beachtlichen Insiderwissen lässt er das Publikum gerne teilhaben. Er verrät, wer die alten Perücken von Gesine Schwan aufträgt, wer im Bundeskabinett früher Narkosearzt war und bei welchem Minister die „Schaukel zu nah an der Hauswand stand“.

Getragen von der Leichtfüßigkeit seines wohlgesetzten Wortwitzes, bezieht er ganz klar Stellung, ohne ein einziges Mal den erhobenen Zeigefinger zu bemühen. „Haltung und Handlung“ fordert seine Figur des Käpt’n Hansen ein, der auf hochintelligente Weise die Groko mit der Seefahrt vergleicht. Gescheite Weisheiten kommen von einem 87-jährigen beim Wahlbesuch im Altersheim. „Demokratie ist wie Gesundheit – tagtäglich selbstverständlich. Aber den wahren Wert begreifst du erst, wenn du sie nicht mehr hast.“

Radarfallen auf Bürgersteigen scheinen Jens Neutag ein probates Mittel, um Hetzjagden vom unverbindlichen Hinterherlaufen zu unterscheiden. Er hat eine ausgewachsene Abneigung gegen Junggesellabschiede, wendet sich vehement gegen die „Idiotisierung der Einkaufsstraßen“ und bekennt, an „Pegida-Tourette“ zu leiden. Und er hasst den Abend nach der Wahl, weil irgendwie immer alle gewonnen haben, wenn auch nur Promillepunkte bei den „einarmigen Wählern unter 23 Jahren“.