Hochwasser der Rur bei Heinsberg kommt auch aus Talsperren

Nachgeforscht : Hochwasser der Rur kommt auch aus Talsperren

Wer nah am Wasser wohnt, der konnte seine Stirn am vergangenen Wochenende mit Recht besorgt in Falten legen. Denn die Rur, die bei Heinsberg, Wassenberg und Hückelhoven über ihre Ufer getreten war, kam stellenweise doch sehr nah an die Siedlungen heran.

In Kempen setzten die Wassermassen den Marktplatz und ein Festzelt unter Wasser. Neben dem starken Regen hat dazu auch die Öffnung der Talsperren in der Eifel beigetragen.

Der Wasserverband Eifel-Rur hatte die Wasserabgabe aus dem Talsperrensystem in die Rur am Freitag zunächst auf 40 Kubikmeter pro Sekunde erhöht. Am Samstag ließ der Verband sogar 60 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus den Talsperren in die Rur ab. Dass das für die Anlieger des Flusses im Kreis Heinsberg zu einem handfesten Problem hätte führen können, musste auch den Verantwortlichen beim Wasserverband Eifel-Rur klar gewesen sein.

Trotzdem musste der Wasserverband die Schleusen öffnen. Pressesprecher Marcus Seiler bestätigte auf Anfrage unserer Zeitung, dass das Wasser aus den Talsperren zu den Überschwemmungen im Kreis Heinsberg beigetragen hat. Allerdings sei der Verband ab einem bestimmten Pegelstand an den Talsperren nach seinem Betriebsplan dazu verpflichtet, so große Mengen Wasser in den Fluss zu leiten – auch um ein Überlaufen der Talsperren zu verhindern.

Dass so viel Wasser in den Fluss abgelassen wird, ist durchaus selten. 60 Kubikmeter – also 60.000 Liter – pro Sekunde ist die maximal mögliche Abgabemenge der Talsperren. Zuletzt hatte der Wasserverband den Hahn im Jahr 2011 so weit aufgedreht. Am Wochenende flossen bei Heinsberg zeitweise 122 Kubikmeter Wasser pro Sekunde die Rur hinunter. Zum Vergleich: Am 3. März dieses Jahres waren es nur zwölf Kubikmeter.

Nasse Füße in Kempen

In Kempen erreichte das Hochwasser den Ort. Der Marktplatz, der am Rand des Heinsberger Ortsteils liegt, wurde überflutet. So auch das Festzelt, das seit der Karnevalssession auf diesem Platz steht. Schäden an Wohnhäusern seien durch das Hochwasser in Kempen und Karken jedoch nicht entstanden, sagte Oliver Krings, Pressesprecher der Feuerwehr Heinsberg. Lediglich bei einem Haus in Kempen drohte Wasser in den Keller zu laufen.

Besonders gebangt haben dürften am Wochenende die Bewohner von Ophoven. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass der Deich, der den Ort vor Rur-Hochwasser schützt, marode ist. Eigentlich hatte der Wasserverband bereits im vergangenen Jahr einen neuen Deich bauen wollen, um Ophoven vor einem Jahrhunderthochwasser zu schützen. Dieses Vorhaben verzögert sich aber. Mit einer Fertigstellung rechnet der Verband für das Jahr 2021.

Nur gut, dass der marode Deich noch einmal standhielt. Keller seien nicht vollgelaufen, es hätten lediglich einige Feldwege und eine Brücke zwischen Kempen und Karken gesperrt werden müssen, sagte Holger Röthling, Wehrführer der Feuerwehr Wassenberg.

Nasse Füße? Das Festzelt auf dem Kempener Markt steht seit der Karnevalssession. Nun floss jede Menge Wasser auf den Platz und in das Zelt. Foto: Anna Petra Thomas

Mit Blick auf die Gründe für das Hochwasser muss man sagen, dass der Wasserverband zwar eine Menge Wasser in die Rur geleitet hat, gleichzeitig hat er mit seinen Talsperren aber auch viel Wasser zurückgehalten. So seien in der Spitze 152 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in das Eifeltalsperrensystem hineingeflossen, sagte Seiler. Weil gleichzeitig die angesprochenen 60 Kubikmeter abgegeben wurden, hielten die Talsperren zu diesem Zeitpunkt sogar noch gut 90 Kubikmeter Wasser pro Sekunde zurück, die sonst auch die Rur hinuntergeflossen wären. Mit dem Wasser aus Inde und Kall, das ungeregelt in die Rur zufließt, hätte im Kreis Heinsberg ohne Talsperren weit größerer Schaden entstehen können.

Und: Wären die Talsperren so voll, dass das Wasser nicht mehr geregelt in die Rur geleitet werden könnte, dann wäre ein Schutz des Unterlaufes des Flusses nicht mehr möglich. Auch so rechtfertigt der Wasserverband die hohe Abgabemenge aus den Talsperren in einer Mitteilung.

Noch bis voraussichtlich Donnerstag will der Wasserverband weiterhin 60 Kubikmeter Wasser pro Sekunde in die Rur ablassen. Damit wolle man Platz in den Talsperren schaffen, falls weitere starke Regenfälle folgen. Danach soll die Abgabemenge auf 40 Kubikmeter pro Sekunde reduziert werden. Ein Gutes hat das viele Wasser jedoch auch: „Der Verband kann durch diese Entwicklung bereits jetzt sagen, dass er über ausreichende Wassermengen verfügt, damit die Talsperren ihre Versorgungsaufgaben auch bei einer erneuten, anhaltenden Trockenphase im Sommer erfüllen können“, hieß es schon am Wochenende.

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