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Heinsberger Stadtmauer im Garten

Geschichte zum Anfassen : Uralte Stadtmauer dient als „Gartenzaun“

Oftmals wird es als kleine Sensation gefeiert, wenn bei Ausschachtungen für ein Bauvorhaben ein Stück alter Stadtmauer entdeckt wird. Für Monika Freijser ist der Anblick Alltag. Sie braucht nur in den Garten zu gehen.

Die eigene Geschichte zu erforschen, übt auf nicht wenige Menschen einen ganz besonderen Reiz aus. Vielleicht lässt sich ja etwas Spannendes, Überraschendes zu Tage führen? Womöglich gar eine verwandtschaftliche Beziehung, mit der man nicht gerechnet hat, eventuell Wurzeln der Familie in einem fremden Land, ja vielleicht sogar die berühmte Tante aus Amerika, die einen in ihrem Testament bedacht hat, ohne dass man es wusste. Kaum weniger begeistern geschichtlich Interessierte oft Entdeckungen aus der Frühzeit ihr eigenen Stadt. Als zum Beispiel vor einigen Monaten bei den Ausschachtungen zu einem Hausbau zwischen Hochstraße und Stiftsstraße ein Stück der alten Stadtmauer nebst einem Rest eines Stadttores ans Licht kamen, geriet sogar der Heinsberger Bürgermeister als Vertreter der Unteren Denkmalbehörde in Verzückung und wollte einen Teil unbedingt der Nachwelt gut sichtbar erhalten.

Bei Monika Freijser, die mit ihrem Lebensgefährten Heinz Wesner ebenfalls an der Hochstraße wohnt, löst ein Stück alter Stadtmauer aber längst keine euphorische Stimmungslage mehr aus. Denn für sie ist der Blick auf ein rund 30 Meter langes Stück des uralten Gemäuers schon seit vielen Jahren zum Alltag geworden.

„Es ist schon etwas Besonderes, in einem Denkmal zu leben“, räumt Monika Freijser ein. Ihr Haus mit der Nummer 12 und einer großen Toreinfahrt liegt gleich gegenüber dem Begas Haus und neben der Propstei. Die Stadtmauer, die noch immer bis zu 2,20 Meter aus dem Boden ragt, steht als Grundstücksgrenzmauer, zum Teil umarmt von allerlei Grünbewuchs, in einem Gartenstück, das der Heinsbergerin und ihren beiden Schwestern gehört, von der eine erst vor einem Jahr verstarb.

Monika Freijser zeigt ein altes Foto des Geheimen Medizinalrates Dr. Anton Noethlichs, der Gebäude und Garten einst für die Familie erworben hatte. Foto: Anna Petra Thomas

Das historische Gebäude ist schon so lange in Familienbesitz, dass es gar nicht so leicht scheint, mal eben gedanklich bis an die Anfänge zurückzueilen. „Ich habe das Haus von meiner Oma bekommen, letztlich aber von meiner Mutter.“ Der Name der Oma, die sie selbst nie kennen gelernt hat, will denn auch nicht sogleich hervorsprudeln. Ein Blick ins Stammbuch ist da ganz hilfreich: Elisabeth Auguste hieß die alte Dame. Mit einem Dürener Apotheker namens Weber sei sie verheiratet gewesen. Omas Vater, der den Gebäudekomplex an der Hochstraße vor rund 150 Jahren erworben habe, sei in Heinsberg in der damaligen Zeit eine überaus honorige Persönlichkeit gewesen, der geheime Medizinalrat Dr. Anton Noethlichs. Schon zu seinen Lebzeiten sei die Straße zwischen Westpromenade und Hochstraße nach ihm benannt worden. Der 1836 in Erkelenz geborene Mediziner erhielt zahlreiche Auszeichnungen für sein Wirken und starb im November 1919 im Alter von 84 Jahren.

Schon damals war die Stadtmauer, deren Ursprünge aus dem 13. Jahrhundert stammen dürften, im Garten ein gewohnter Anblick. In einem Schreiben der Stadt aus dem Jahr 1991 heißt es: „150 Meter westlich des Burgberges in Heinsberg sind in den Gartenbereichen zwischen der Hochstraße und Westpromenade die baulichen Reste der mittelalterlichen sowie der frühzeitlichen Stadtbefestigung erhalten. Südlich der Noethlichsstraße Nr. 6 (dort hatte Monika Freijser bis Ende der 1980er Jahre gewohnt) bildet die mittelalterliche Stadtmauer auf 58 Meter die Flurstückgrenze zu den angrenzenden Parzellen.“

Hinter der Fassade des ohnehin schon alten Gebäudes Hochstraße 12 verbirgt sich noch ein weit älteres Stück Geschichte. Und im Keller sogar noch ein kleines Geheimnis. Foto: Rainer Herwartz

Immer wieder komme es vor, sagt die Hausherrin, dass Heinsberger Bürger in der Einfahrt stünden und fragten, ob sie mal einen Blick auf die Stadtmauer werfen dürften. Monika Freijser macht daraus kein Geheimnis, aber ein solches schlummert noch im Gewölbekeller des alten Hauses. „Ich bin darauf gestoßen, als ich mal ausgemessen habe, weil ich Elektrik verlegen wollte“, sagt Heinz Wesner. Irgendwie hätten die Maße nicht zusammengepasst und es stellte sich heraus, dass sich im Keller ein etwa 16 Quadratmeter großer Raum befindet, zu dem es aber keinen Eingang gibt. „Ich habe dann versucht, mit einem einen Meter langen Bohrer durch die Wand zu dringen und mit einer Kamera hineinzublicken, aber es gab kein Durchkommen. Ich habe es nicht geschafft.“ Die Spekulationen, was sich hinter den dicken Mauern verbergen könnte reichen von einem Brunnen bis zur Fäkaliensammelstelle. Aber wer weiß das schon, Geschichte kann eben wirklich spannend sein.