Heinsberg-Schafhausen: Heinsberger Kinderarzt arbeitet in der libanesischen Stadt Tripoli

Heinsberg-Schafhausen: Heinsberger Kinderarzt arbeitet in der libanesischen Stadt Tripoli

Ursprünglich hatte Syrien einmal 23 Millionen Einwohner. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen sind derzeit mehr als zehn Millionen Syrer auf der Flucht, knapp die Hälfte davon im Ausland. Zu diesen Flüchtlingen gehören auch ein Bruder und zwei Schwestern des Kinderarztes Dr. Ahmed Abou Lebdi, der in Schafhausen lebt.

Zwei Söhne seines Bruders und zwei Söhne einer seiner Schwestern, alle vier nicht viel älter als zwanzig Jahre, hatten sich im Mai 2011 an damals noch friedlichen Protesten gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad und für mehr Demokratie in ihrem Land beteiligt. „Alle vier wurden gefoltert, getötet und die Leichen ihren Eltern übergeben“, sagt Abou Lebdi. „Mein Bruder musste unterschreiben, dass seine Söhne von Terroristen getötet worden seien.“ Diese beiden Fälle seien sogar von Amnesty International dokumentiert worden.

Dank Internet weiß Dr. Ahmed Abou Lebdi über die Lage in seinem Heimatland auch dann Bescheid, wenn er in Schafhausen ist. Foto: anna

Schnelle Flucht

Seinem Bruder und seiner Schwester sei nach dem Tod der Söhne nicht mehr geblieben als die schnelle Flucht nur mit dem, was sie auf dem Leibe trugen. Aus der Stadt Tell Kalach, in der auch Abou Lebdi geboren ist und die nicht weit von der libanesischen Grenze entfernt liegt, flohen seine Angehörigen in den Libanon. Nur seine jüngste Schwester sei zunächst in Tell Kalach geblieben, dann aber auch in die regierungstreue syrische Küstenstadt Tartus geflohen.

„Ich wollte immer im Ausland studieren“, erzählt der 71-Jährige aus seiner Biographie. Eigentlich sollte es Frankreich werden, nachdem er in Syrien eine christliche Privatschule besucht hatte. Dann habe er sich aber von einem Verwandten überreden lassen, nach Deutschland zu kommen. Er studierte in Würzburg und Heidelberg. In Würzburg lernte er seine heutige Frau Lotte kennen. Nach beruflichen Stationen in Mannheim, Bochum und Mönchengladbach und der Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft ließ er sich schließlich 1981 als Kinderarzt in einer eigenen Praxis in Heinsberg nieder, die 2008 sein Sohn Khaled übernahm. Er führt die Praxis heute als Kinderarzt und Kinderkardiologe. Seine Tochter Nadja arbeitet als Richterin in Köln, und der jüngste Sohn Nabil ist bei einem großen Stahlunternehmen tätig und promoviert gerade in Betriebswirtschaftslehre.

2012 wurde Abou Lebdi nach einem Treffen des internationalen Verbands syrischer Ärzte in Paris gefragt, ob er sich vorstellen könne, für einen Monat ehrenamtlich als Kinderarzt in der libanesischen Stadt Tripoli zu arbeiten. „Und da bin ich dann hängen geblieben“, sagt er, denn aus diesen vier Wochen wurden in den vergangenen zwei Jahren vier Mal im Jahr vier bis sechs Wochen. Der engagierte Kinderarzt flog auf eigene Kosten in den Libanon, kaufte vor Ort Medikamente für die Flüchtlingskinder, weil er keine mit ins Land nehmen durfte und kümmerte sich um deren medizinische Versorgung. Darüber hinaus engagierte er sich in Kooperation mit dem Verein Orienthelfer des Münchener Kabarettisten Christian Springer auch um die notwendige Infrastruktur.

So wurden aus einem Raum, in dem vier Ärzte gleichzeitig arbeiten mussten, mittlerweile zwei große Gebäude für das „Medical Center“ in Tripoli. Und weitere Projekte wurden ins Leben gerufen, in denen sich Abou Lebdi engagiert. Eines davon heißt „Thalassämia“. Dabei handelt es sich um eine nur in Mittelmeer-Ländern auftretende Erkrankung der roten Blutkörperchen, unter der viele syrische Flüchtlingskinder leiden. Behandelt werden müssen sie regelmäßig mit Bluttransfusionen. Gleichzeitig muss der dadurch bedingte Eisenüberschuss in ihrem Körper „entgiftet“ werden. Im „Medical Center“ in Tripoli werden betroffene Kinder auch von Abou Lebdi mit den dafür notwendigen, sehr teuren Medikamenten dank der Unterstützung des Vereins Orienthelfer kostenfrei versorgt. Schließlich ist der Heinsberger Kinderarzt im Projekt „Frauenwohnungen“, ebenfalls ein Projekt von Orienthelfer, aktiv. Diese Wohnungen stehen Frauen mit Kindern zur Verfügung, die keine weiteren Angehörigen mehr haben, die sie unterstützen könnten. „Mittlerweile konnten 20 große Wohnungen in Tripoli und Umgebung angemietet werden, in denen rund 300 Menschen leben“, berichtet er.

In diesem Jahr war Abou Lebdi „erst“ zwei Mal in Tripoli, und seinen zweiten Aufenthalt brach er sogar zehn Tage vor Ende ab. „Weil ich es zum Beispiel einfach nicht mehr ertragen konnte, ständig zusehen zu müssen, wie Mütter mit ihren Kindern einfach auf der Straße schlafen müssen“, sagt er. Aber im März nächsten Jahres will er sich wieder auf den Weg machen. Dann werden wieder rund 150 Kinder pro Tag im „Medical Center“ geduldig auf seine und die Hilfe seiner Kollegen warten. Und dann wird er wieder von morgens früh bis in den frühen Abend vor Ort sein, um zu helfen.

„Die meisten Flüchtlinge kommen doch aus meiner Gegend. Das ist dann doch auch meine Familie“, sagt er. Nur samstags, dann macht er schon mittags Schluss, um für einen Tag bei seinen Geschwistern und ihren Familien zu sein, die er derzeit ebenfalls privat finanziell unterstützt. Zurück in Heinsberg hat er gerade von seinem Schwager, dem Mann seiner jüngsten Schwester, erfahren, dass sein Elternhaus und auch die beiden Häuser gegenüber der Straße, wo seine Geschwister wohnten, völlig zerstört seien — wie überhaupt dieses Stadtviertel von Tell Kalach. Auch die Bäume im Innenhof seines Elternhauses stehen nicht mehr, „weil einfach alles abgebrannt worden ist“, schaut Abou Lebdi traurig auf die Karte in seinem Laptop. Da sieht er die Bäume noch. Sein Schwager sei vor Ort gewesen, berichtet er.

Und wie soll es nun weitergehen für seine Geschwister? „Sie werden zurückkehren, irgendwann, in ihre Ruinen“, sagt er.

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