Heinsberg-Waldenrath: Landwirt sattelt auf Premium-Rinder um

Ein Bauer sattelt um : Premium-Rinder als neues Geschäftsmodell

Der Wendepunkt war erreicht, als die Milchquoten im Jahr 2015 abgeschafft wurden. Die Preise rauschten in den Keller. Viele landwirtschaftliche Betriebe standen plötzlich am Rande der Existenz.

Diese Entwicklung war für Josef Kranz aus Waldenrath der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Jahrzehntelang hatte er Milchkühe gehalten. Aber dann beschloss er umzusatteln – auf Premium-Rindfleisch.

Vollzogen hat er diesen Schritt im März dieses Jahres: Dann hat Kranz, 60 Jahre, seine Kühe verkauft. „Da musste ich schon schlucken“, sagt er. Zu sehr hatte er sich an die Arbeit mit den Tieren gewöhnt. Sein ganzer Tagesablauf war darauf eingestellt. Morgens um 5 Uhr und abends um 17 Uhr musste er melken. Zwar maschinell, aber nicht mit Melkrobotor. Das bedeutet, dass Kranz immer dabei sein musste, wenn seine Kühe Milch gaben. Aber im März war nun Schluss. Zu schlecht waren die Rahmenbedingungen für die Milchproduktion geworden.

Kranz ist beileibe nicht der einzige Landwirt, der die Kühe abschafft. Vergangene Woche teilte das Statistische Landesamt in Düsseldorf mit, dass die Zahl der Milchkuhhaltungen im Mai binnen eines Jahres um 4,1 Prozent auf 5463 sank. Vor allem kleine Milchbauern warfen das Handtuch, dadurch stieg die Durchschnittszahl der Tiere pro Betrieb auf 74. Rund 405.500 Kühe wurden im Mai demnach in NRW zur Milcherzeugung gehalten, das waren etwa 10.000 weniger als ein Jahr zuvor. Im Kreis Heinsberg gab es den Angaben zufolge 12.736 Milchkühe in 153 landwirtschaftlichen Betrieben. Auch hier halten immer weniger Landwirte Milchkühe. Dafür wachsen einzelne Betriebe in ihrer Größe.

Foto: grafik

Wenn man Kranz nach den Gründen fragt, die ihn dazu bewogen haben, die Milchproduktion einzustellen, dann führt er eine ganze Reihe von Entwicklungen auf, die ihm die wirtschaftliche Arbeit erschwerten. Mietenplätze müssen nun abwasserdicht sein, die Güllelagerung muss erweitert werden, die Wintersperrzeit, in der keine Gülle ausgebracht werden darf, wurde erweitert und mit der Düngemittelverordnung drohen neue Auflagen. Das falle unter das Thema Nachhaltigkeit. Und Kranz wollte auch nachhaltig Milch produzieren. Aber für ihn war das mit immer neuen Kosten und Investitionen verbunden, während die Milchpreise nicht stiegen. „Wir können nicht alle Umweltauflagen zum Nulltarif schaffen“, sagt Kranz.

Ähnlich sei die Situation beim Tierschutz. Für strengere Tierschutz-Label müssen die Landwirte den Tieren mehr Platz, Luft und Licht einräumen. Das sind Forderungen, die Kranz unterstützt, seine Milchkühe kamen bis zuletzt jeden Tag raus auf die Weide. Aber mehr Platz im Stall für jedes einzelne Tier bedeutet, dass insgesamt weniger Tiere hineinpassen. Und das koste den Landwirt am Ende Geld.

Mit einem neuen Konzept in die Zukunft: Die Aberdeen-Angus-Rinder von Josef Kranz sollen Premium-Rindfleisch liefern und dem Landwirt eine neue Perspektive geben. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Kranz kritisiert auch die Molkereien. Die hätten zwar hohe Anforderungen, beispielsweise nach gentechnikfreier Milch, das würden sie aber nur mit minimalen Zuschlägen vergüten, die für die Landwirte nicht kostendeckend seien. Andererseits hätten die Molkereien es nicht geschafft, ein einheitliches Qualitäts-Label einzuführen. Stattdessen hätten die Discounter alle unterschiedliche Qualitätsanforderungen definiert, denen man kaum noch in Gänze gerecht werden könne, sagt Kranz.

All das führe zu einem massiven Strukturwandel in der Milchproduktion, sagt Kranz voraus. Die Zahlen für den Kreis Heinsberg zeigen: Es gibt immer weniger Betriebe, die jedoch immer größer werden. Und Kranz rechnet damit, dass es irgendwann nur noch Großbetriebe mit mehr als 200 Kühen geben wird. Was wiederum dazu führen wird, dass sich die Landwirte hoch verschulden müssen, um so gewaltige Ställe zu bauen.

Das wollte Kranz nicht. Er suchte eine Nische, um seinen Hof in die Zukunft zu führen und fand sie in der Produktion von Premium-Rindfleisch. Er züchtet nun die in Deutschland sehr seltenen Aberdeen-Angus-Rinder. Die Tiere sollen nur selbst produziertes Futter von dem 50 Hektar großen Betrieb bekommen und auf der Weide gehalten werden. „Da kann mir kein Futtermittelskandal was anhaben“, sagt Kranz.

Die Investitionskosten in seinen Hof seien überschaubar gewesen, da Kranz ja schon zuvor Rinder gehalten hatte. Investieren muss er eher in die Tiere, mit denen er nun eine Herde aufbaut. Er hat aktuell 20 reinrassige Tiere und rund 100 Tiere, die aus Kreuzungen mit seinen schwarz- und rotbunten Rindern entstanden sind. Die seien für die Übergangszeit wichtig, damit er nicht ganz bei Null anfangen muss.

Josef Kranz aus Waldenrath hat von Milchkühen auf Aberdeen-Angus-RInder umgesattelt. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Wenn Josef Kranz den Tieren auf der Weide zuschaut und über ihre Eigenschaften spricht, gerät er ins Schwärmen. Die Tiere seien genetisch hornlos, kämen mit wenig Futter aus, seien widerstandsfähig und lieferten marmoriertes Fleisch für hervorragende Steaks. Das könne dann im Handel auch sehr hohe Preise erzielen. „Das ist vielleicht was für drei Prozent der Bevölkerung“, sagt Kranz.

In der Herde sind auch einige junge Kälber dabei. Sie kommen mit nur 25 bis 30 Kilogramm auf die Welt und wachsen dann schnell heran. Die Bullen sollen nach 20 Monaten 400 Kilogramm auf die Wage bringen und geschlachtet werden. Die weiblichen Jungtiere sollen Mutterkühe werden, um die Herde zu vergrößern. Den Milchpreis beobachtet Kranz mittlerweile nur noch ab und an. Unter 30 Cent liege er jetzt. „Ich brauchte 34 Cent, um die Kosten zu decken. Da sieht man, wo die Reise aktuell wieder hingeht“, sagt er. Ob er mit den Aberdeen-Angus-Rindern mehr Geld verdient als mit der Milch, das werde die Zeit zeigen. Aber die Hoffnungen sind groß.

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