„Hambi“-Videos als Demokratie-Projekt

Smart Hero Award : „Hambi“-Videos als Demokratie-Projekt

Es gibt kaum einen Ort in der Region, der so stark polarisiert wie der Hambacher Forst. Während die einen vehement für seinen Erhalt eintreten, scheinen andere diesen Protest zu verabscheuen. Dabei geht es in der öffentlichen Diskussion selten um die verbliebenen Bäume des Waldes am Rande des Tagebaus Hambach.

Der Hambacher Forst ist ein Symbol im Protest gegen die Kohle und für den Klimaschutz geworden. In diesen Debatten geht es oft zur Sache. Waldbesetzer, RWE, Polizei. Wer ist im Recht? Wer bekommt moralisch die Oberhand? Und wer schlägt über die Stränge? Jetzt geht es sogar um einen Preis.

Da gibt es kaum jemanden, der wirklich neutral ist. Auch nicht Antonia Greco aus Wegberg. Aber sie möchte, dass sich andere Leute ein Bild machen können. Deshalb dokumentiert sie das, was im Wald passiert, mit einer Kamera. Das macht sie auf der Seite „Soli für Hambi #keepitintheground“. Dort hat Greco die Facebook-Live-Streams veröffentlicht. Mehr als 21.000 Menschen „gefällt“ diese Seite. Einzelne Videos haben Millionen von Nutzern aufgerufen.

„Da kann man nichts manipulieren“

Mit ihrer Seite sind Greco und Andreas Brinck für den Smart Hero Award nominiert, der von der Stiftung Digitale Chancen und dem Internetriesen Facebook vergeben wird, Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) ist Schirmherrin. Bei dem bundesweiten Wettbewerb, bei dem es um Verdienste um eine „demokratische Gesellschaft“ geht, stehen 18 Initiativen in drei Kategorien im Finale. „Soli für Hambi“ ist eine davon.

Mit den Protesten am Hambacher Forst ist auch die Seite gewachsen. Gegründet hat sie Andreas Brinck, der in der Nähe von Dortmund lebt. Also weit weg vom Hambacher Forst. Greco und Brinck wurden zum Team, weil sie oft in den Wald ging, Beobachtungen und zunächst Fotos lieferte. Er kümmerte sich um die Seite. „Viele Leute haben uns dann gesagt, dass das gar nicht stimmt, was wir da schreiben“, sagt Greco. Also fing sie an, zu filmen und live ins Netz zu übertragen. „Da kann sich jeder sein eigenes Urteil machen. Da kann man nichts manipulieren“, sagt sie.

Das schlägt ein. Immer mehr Menschen schauen sich die Videos an. Und Greco bekommt viele Rückmeldungen. Positive und negative. So ist das, wenn es um die Braunkohle geht. Aber motivierend sind natürlich die positiven Reaktionen. „Ich habe im Hambacher Forst Leute getroffen, die gesagt haben, dass sie wegen unserer Arbeit da sind. Wir haben Menschen dazu bewegt, sich vor Ort selber anzuschauen, was dort passiert“, sagt Greco. Dadurch fühlt sie sich bestätigt.

Im Jahr 2018, in der Zeit der Räumung und der Massenproteste, ist Greco regelmäßig im Wald. Viele Stunden und Tage am Stück. Sie übernachtet auch dort. Das Bild, das sie sich macht, ist also recht umfassend. Aber ihre Sicht ist keine unparteiische. Die Nähe zu den Aktivisten, die in den Baumhäusern im Hambacher Forst leben, ist offensichtlich.

Viele Ereignisse sind Greco nachhaltig in Erinnerung geblieben. Zum Beispiel das Video mit der Aktivistin „Winter“. Die junge Frau, die von der Polizei von einem Bauhaus heruntergeholt worden war, spricht in Grecos Kamera und Millionen Menschen schauen sich das an. „Mit dem Video hätte ich sehr viel Geld machen können. Aber das hätte gegen unsere Prinzipien verstoßen. Für uns war klar, dass das eine Non-Profit-Arbeit ist“, sagt Greco.

Greco ist auch dabei, als während der Räumung ein junger Blogger in den Tod stürzt. Sie überträgt den Sturz sogar unfreiwillig live ins Internet. „Wir haben das sofort wieder von der Seite genommen“, sagt Greco. Der Tod des Bloggers geht ihr sehr nahe. Er hatte vorher noch in Grecos Bus übernachtet. „Er hatte es satt, immer von der Polizei ausgesperrt zu werden“, sagt sie. Deshalb wollte er hinauf in die Baumhäuser und dort Material für seine Dokumentation sammeln. Die Polizei treffe keine Schuld am Tod des jungen Mannes, sagt Greco. Es sei ein Unglück gewesen. Aber die Polizei habe in diesen Tagen Tempo bei der Räumung gemacht. Das habe für Druck und Stress gesorgt.

In all der Zeit war Greco wichtig, nach außen zu tragen, was im Hambacher Forst vor sich geht. Sie zeigt, wie die Waldbesetzer gegen die drohende Rodung kämpfen. Und wie RWE und die Polizei die Räumung durchsetzen. „Uns war einfach wichtig, den Menschen zu zeigen, was dort passiert. Es war für mich erschreckend, dass Menschen, die in 80 Kilometer Entfernung wohnen, nichts darüber wissen“, sagt sie.

Mittlerweile hat die Seite ihren Fokus erweitert. Es geht dort zum Beispiel auch um die bedrohten Dörfer am Tagebau Garzweiler. Und um andere Themen wie veganes Leben und den Kampf gegen Faschismus.

Kritik am Preis

Selber beworben haben Greco und Brinck sich beim Smart Hero Award nicht, sie sind vorgeschlagen worden. Ein Preis, der von dem Internetgiganten Facebook verliehen und von der konservativen Politikerin Dorothee Bär protegiert wird, passt eigentlich nicht zur linksgerichteten Initiative „Soli für Hambi“. Andreas Brinck sagt dazu in einem Video auf Facebook: „Wir haben lange überlegt, ob wir an so einem Wettbewerb überhaupt teilnehmen“, denn die Organisatoren stünden „für eine imperiale Lebensweise auf Kosten anderer Menschen“. Mitgemacht haben sie trotzdem. Denn auch das schaffe Aufmerksamkeit für ihre Sache.

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