Waldfeucht-Haaren: Haarener Oktoberfest: „Echte Münchner“ anfangs aus Köln geholt

Waldfeucht-Haaren: Haarener Oktoberfest: „Echte Münchner“ anfangs aus Köln geholt

Schon längst ist das Haarener Oktoberfest aus dem jährlichen Terminkalender der Region ebenso wenig wegzudenken wie aus den Köpfen der Menschen. In diesem Jahr, genauer gesagt vom nächsten Freitag bis zum Sonntag, feiern die Haarener schon die 50. Ausgabe des mittlerweile größten Oktoberfestes am Niederrhein.

Untrennbar verbunden ist die feucht-fröhliche Riesensause mit dem Namen Kirchner. Da braucht in dem kleinen Waldfeuchter Örtchen wohl nicht einmal ein Kind lange zu überlegen. Doch bei der Frage, wie denn eigentlich die Idee entstand, im rheinischen Haaren ein zünftiges bayrisches Oktoberfest zu feiern, dürften sich die Reihen der Wissenden merklich lichten. Dass sie in einem Kino reifte, in dem ein findiger Gastronom nahezu 365 Tage im Jahr mit Schinderassabumm und durchschlagendem Erfolg non-stopp Oktoberfest feierte, ist kaum zu glauben — aber wahr.

Verein brauchte Geld

„1964 hat man mich zum Präsidenten der Karnevalsgesellschaft Kluser Pappmule gewählt“, erinnert sich August Kirchner, der rechtmäßige „Vater“ des Haarener Oktoberfestes. „Ich habe recht schnell erkannt, dass der Verein eine zusätzliche Einnahmequelle benötigte, um Instrumente, Uniformen oder andere Dinge anzuschaffen.“ Wie genau sich dies allerdings bewerkstelligen lassen sollte, wusste August Kirchner damals noch nicht. Der Zufall sollte ihm jedoch schon ein Jahr später auf die Sprünge helfen.

Sein Vater hatte im Jahre 1934 die Selfkantbrauerei, die spätere Westmarkbrauerei, übernommen. Und als sich August Kirchner mit seiner Frau Anneliese im November 1964 zum Hopfeneinkauf in Nürnberg befand, nahmen die Dinge ihren Lauf. Nach Abschluss der Geschäftsgespräche lud ein Vertragspartner das Ehepaar zu einem ebenso kuriosen wie außergewöhnlich erfolgreichen Spektakel ein. Bei dem, was sie da zu sehen bekamen, rieben sich die Haarener ungläubig die Augen. „In einem alten Kino brummte seit eineinhalb Jahren jeden Tag ein Oktoberfest“, sagt August Kirchner. „Da haben wir gedacht, was die ein ganzes Jahr hinbekommen, das schaffen wir auch für unsere Vereine, zumindest an drei Tagen im Jahr.“ Das gute Händchen fürs Geschäft, das sich ja auch in der eigenen, über viele Jahre so erfolgreichen Eisfabrik niederschlagen sollte, zahlte sich nun aus. „Auf dem ganzen Heimweg haben wir vier Stunden lang überlegt, was wir brauchen“, erzählt Anneliese Kirchner. Neben den Pappmule sollten auch der Musikverein und die St.-Johannes-Schützen mit ins Boot. „Erst waren sie skeptisch, doch dann hat mein Mann gesagt, er übernehme die Verantwortung.“ Da sei dann der Knoten geplatzt. „Auch was den Freitag anging, musste ich mich durchsetzen, weil bis dato traditionell nur samstags und sonntags gefeiert wurde“, erzählt der 79-Jährige.

Wenn er daran zurückdenkt, mit welchem Budget das Projekt Oktoberfest aus der Taufe gehoben worden sei, kann er angesichts heutiger Summen nur schmunzeln. Spärliche 5000 Mark, umgerechnet 2500 Euro, hätten zur Verfügung gestanden. Dass der damalige Gemeindedirektor Theo von Helden ihnen auch noch eine Vergnügungssteuer von 1000 Mark aufgebrummt habe, lässt den Senior heute noch grummeln.

Doch unerschütterlich ging‘s ans Werk. „Weil wir die Kapellen vom Oktoberfest in München verpflichten wollten, haben wir immer das Wochenende im Anschluss für unser eigenes gewählt“, sagt August Kirchner. „Beim ersten Mal waren uns die Münchner aber noch zu teuer, da haben wir Kölner genommen, die sich als Bayern verkleideten.“ Mit der Royal Air Force Band Germany zogen die Haarener trotzdem gleich zu Beginn ein echtes Zugpferd aus dem Hut. Der Kontakt hatte sich über die britischen Kantinen ergeben auf dem Flugplatz in Wildenrath, die durch die Brauerei beliefert wurden. Ganz schön mulmig war den Veranstaltern dennoch bei der Sache. „Denn 14 Tage vorher spielte die Band bei freiem Eintritt in der Stadthalle Geilenkirchen. Doch kaum jemand ist hingegangen“, weiß August Kirchner noch. „Das durfte uns hier nicht passieren, darum haben wir gesagt, wir marschieren mit ihnen durch den Ort, damit die Leute auch sehen, dass sie die echten sind.“ Gelohnt hat sich die Aktion. Ebenso wie die Werbung auf den 40 Brauereifahrzeugen. „Vom ersten Tag an hat uns das praktisch überrollt. Vor allem die Schützen behielten die Nerven, weil sie ja schon einige Erfahrungen von ihren Schützenfesten hatten.“ Das 600 Quadratmeter große Festzelt platzte jedenfalls an allen Tagen aus den Nähten.

Mit Martl Felbinger leisteten sich die Haarener dann im zweiten Oktoberfestjahr erstmals eine echte Münchner Kapelle. „Das Fest sprach sich sehr schnell in den Musikerkreisen herum, so dass wir gar nicht mehr suchen mussten. Sie haben sich selbst angeboten.“ Bis vor zehn Jahren, so August Kirchner, hätten sich auf dem Oktoberfest in Haaren dann auch zahlreiche Stars von Heino bis Carpendale die Klinke in die Hand gegeben. „Doch das haben wir heute nicht mehr nötig. Außerdem kann man die nicht mehr bezahlen.“

Wirklich Pleiten, Pech und Pannen habe es in all den Jahren eigentlich keine gegeben, resümieren die Kirchners. „Wir haben aber auch immer darauf geachtet, dass die Preise zivil bleiben“, sagt Anneliese Kirchner. Ob der mittlerweile 78-Jährigen die Vorbereitungen, die gemeinsam mit dem Festkomitee und vielen Helfern gestemmt werden, nicht im Laufe der Jahre zu anstrengend geworden sind? Da schüttelt sie nur den Kopf und strahlt: „Ich habe immer gerne gefeiert.“ Wer will das bezweifeln, schließlich war sie mit ihrem August 2001 auch Prinzenpaar in Haaren. Und dass der neben seiner 33-jährigen Präsidentschaft bei den Kluser Pappmule auch noch 15 Jahre Vorsitzender des FC Concordia war, überrascht da auch niemanden. Unter seiner Führung flossen übrigens durch ein DFB-Pokalspiel in Dortmund 50.000 Mark in die Vereinskasse. Doch das ist eine andere Geschichte . . .

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