Hückelhoven: Gymnasium Hückelhoven: Internationale Vorbereitungsklasse schafft Abschluss

Hückelhoven : Gymnasium Hückelhoven: Internationale Vorbereitungsklasse schafft Abschluss

Für die 18 Jahre alte Pary ist es das erste Zeugnis, das sie in ihrem Leben in Händen halten darf. In ihrem Heimatland Afghanistan war die Sorge der Eltern, dass ihrem Kind auf dem Weg zur Schule oder in der Schule etwas zustoßen könnte, so groß, dass sie ihr den Schulbesuch nicht erlaubten.

Die Angst vor den Taliban beherrschte das Leben. Die Mutter, selbst Tochter eines Lehrers, unterrichtete Pary Zuhause.

Geschafft! Nasim (16) aus dem Nordirak bekommt von Direktor Arnold Krekelberg sein Zeugnis. Nach einem Praktikum möchte Nasim zur Realschule und dann zum Gymnasium gehen. Foto: kalauz

Als die Familie vor zweieinhalb Jahren wegen der politischen Verhältnisse in ihrem Heimatland nach Deutschland flüchtete und in Hückelhoven eine Bleibe fand, nahm Pary die Möglichkeit wahr, die sich ihr am Gymnasium in Hückelhoven geboten wurde: Dort war mit Beschluss des Stadtrates zum Beginn des Schuljahres 2015/2016 in Folge der vermehrten Zuweisung von Asylbewerbern in Abstimmung mit der Schulleitung eine Internationale Vorbereitungsklasse (IVK) eingerichtet worden. Wegen des großen Bedarfs wurde dort am 1. Februar 2016 eine zweite Internationale Vorbereitungsklasse eingerichtet.

„Die räumlichen Kapazitäten waren da, die personellen Voraussetzungen wurden, wenn auch mit einem nicht unerheblichen Mehraufwand für das Kollegium, geschaffen“, sagt Arnold Krekelberg. Der Direktor des Hückelhovener Gymnasiums sieht darin, dass er jetzt 21 Schülern der IVK ein Zeugnis überreichen kann, eine weitere Bestätigung für die gute Integrationsarbeit, die an seiner Schule geleistet wird. Danach wechseln neun Schüler auf das Berufskolleg, neun zur Realschule, zwei auf die Gesamtschule und einer will am Gymnasium in Hückelhoven bleiben und dort das Abitur machen.

Ganz wesentlich dafür verantwortlich ist Birgit Fluhr-Leithoff, die sich mit sehr viel Engagement, das weit über den Rahmen ihrer schulischen Tätigkeit hingeht, in Hückelhoven für die Eingliederung von Asylbewerbern und anderen Menschen aus fremden Kulturkreisen in das gesellschaftliche Leben der Stadt einsetzt. „Mit der Einrichtung der zweiten IVK hatten wir pädagogisch den Vorteil, eine gezieltere und individuellere Differenzierung in den beiden Klassen möglich machen zu können“, sagt sie.

So sind etwa der zwölfjährige Wittawat aus Thailand, die beiden elfjährigen Corina aus Kroatien und Daniel aus Thailand, der 16-Jährige Nasim aus dem Nordirak oder der 18 Jahre alte Aras aus Syrien in ihren Vorbereitungsklassen fest in den Ganztagsbetrieb des Gymnasiums eingebunden.

Deutsch ist die Unterrichtssprache: „Die schnelle Vermittlung von Grundlagen der deutschen Sprache ist das vorrangige Ziel in den Vorbereitungsklassen“, sagt Birgit Fluhr-Leithoff. Dass dieses Ziel erreicht wurde, ist nicht zu überhören: Die Schüler können sich nach nur zwei Jahren auf Deutsch scheinbar genauso gut verständigen wie auf Englisch oder untereinander in ihren Muttersprachen — und wenn es hoch hergeht, auch in drei Sprachen gleichzeitig.

Die Vorbereitung, die Vermittlung des Lehrstoffes zur Hauptschulabschlussprüfung — die von den Schülern der Vorbereitungsklasse übrigens an der Gemeinschaftshauptschule in Erkelenz abgelegt wurde — war auch für die Gymnasiallehrerin Sabine Pelzer, die die Vorbereitungsklassen zusammen mit Birgit Fluhr-Leithoff aufgebaut hat, Neuland: „Wir bereiten ja eigentlich hier auf dem Gymnasium nicht auf den Hauptschulabschluss vor.“

Neben den Regelfächern Deutsch, Mathe, Englisch, Naturlehre, Gesellschaftskunde haben die Pädagogen in Crash-Kursen die Schüler fit gemacht für das, was sie erwarten würde. In den Prüfungen, das betont Sabine Pelzer, wurde den Schülern aus der Internationalen Vorbereitungsklasse nichts geschenkt, besonders die Textaufgaben in Mathe seien für sie sehr schwer gewesen. Deshalb: „Wir sind mächtig stolz, dass wir das geschafft haben.“

Das Zeugnis in Händen haltend, danken die Schüler für die Mühen, die sich die Lehrkräfte mit ihnen gemacht haben: „Ich möchte mich ganz herzlich für alles bei Ihnen bedanken“, sagt Nasim. Der 16-Jährige aus dem Nordirak hat schon ganz konkrete Pläne für seine Zukunft: Mit dem Hauptschulabschluss in Händen will er ein Praktikum bei seinem Hausarzt machen, danach eine Lehre als Krankenpfleger, anschließend erst den Realschulabschluss, dann das Abitur, und danach will Nasim studieren. „Ich werde Arzt“, sagt er. Und welche Pläne hat Pary, die junge Frau aus Afghanistan? „Ich möchte Zahnärztin werden.“

Mit Ablauf dieses Schuljahres wurden in den Internationalen Vorbereitungsklassen am Gymnasium in Hückelhoven bisher 70 Kinder und Jugendliche unterrichtet, davon wurden 54 einer Regelklasse in einer Regelschule zugeführt. „Dass jetzt erstmals Schüler aus dieser Klasse auch die Hauptschulabschlussprüfung bestanden haben, ist eine besondere Leistung“, sagt Birgit Fluhr-Leithoff. Denn man müsse bedenken, dass die Schüler die Prüfung unter anderem in Deutsch und Englisch abgelegt haben, „also zwei Sprachen, die sie nicht konnten, als sie 2016 zu uns kamen“.

Wer die ganz natürliche Freude und das Lächeln der Schüler sieht, kann gut nachempfinden, dass Birgit Fluhr-Leithoff von einer „großen Bereicherung“ spricht, die der Unterricht in solch bunt gemischten Schulklassen mit sich bringe.

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