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Neue Beratungsstelle: Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter

Neue Beratungsstelle : Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter

In der neuen Beratungsstelle für Frauen in Erkelenz unterstützen Sozialarbeiterinnen Frauen in schwierigen Lebenslagen. Gewalt, sagt Karoline Steffens, Geschäftsführerin des Sozialdienstes Katholischer Frauen und Männer, habe viele Gesichter. Sie fange nicht erst beim Schlagen oder blauen Auge an.

Bei Marie (Name von der Redaktion geändert) und ihrem Mann kriselt es in der Ehe. Alltag, Stress, die Eifersucht ihres Partners und die finanzielle Abhängigkeit von ihm  lasten wie Steine auf ihren Schultern. Immer häufiger gibt es Streit, immer härter und ausfallender werden die Beschimpfungen, die ihr Mann ihr dann an den Kopf wirft.

„Als der Mann der Klientin gehört hat, dass in Erkelenz eine neue Frauenberatungsstelle eröffnet hat, hat er ihr empfohlen, dorthin zu gehen. Sie sei immerhin schuld an den Streitereien, sie habe das Problem, hat er gesagt“, erzählt Sozialarbeiterin Simone Dietz, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Katharina Wenzel in der am 1. Oktober in Erkelenz eröffneten Frauenberatungsstelle den Klientinnen Mut macht, sie berät und gegebenenfalls auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben unterstützend begleitet.

Wie in diesem Beispiel Marie geht es vielen Frauen, erzählt Dietz, denn ihnen würde selbst die Schuld an ihrer belastenden Situation gegeben und irgendwann fühlten sie sich dann auch wie die Schuldigen und verharrten in einer Situation.

Gewalt, sagt, Karoline Steffens, Geschäftsführerin des Sozialdienstes Katholischer Frauen und Männer, der Träger der Einrichtung ist, habe viele Gesichter. Sie fange nicht erst beim Schlagen oder blauen Auge an. Zu häuslicher Gewalt, der viele Frauen ausgesetzt sind, gehören auch die seelische Gewalt, die sexualisierte und sexuelle Gewalt in Form sexueller Nötigung und die ökonomische Gewalt.

„Verwehrt der Partner die eigene Geldverwaltung, ist das eine Form von Gewalt“, sagt Steffens. Damit hinein spiele oft auch soziale Gewalt. „Etwa wenn eine Frau isoliert wird, von Freunden oder Verwandten ferngehalten wird, oder der Partner sie kontrolliert und stalkt“, erläutert Steffens. Und auch im Beruf erfahren viele Frauen soziale Gewalt, etwa durch Mobbing.

„Manche Frauen erleben in ihrem Alltag Gewalt, ausgeübt von ihrem Partner oder Verwandten, andere von Fremden durch Stalking, sexuelle Übergriffe oder Gewalt im Internet“, sagt Simone Dietz und erläutert: „Manche dieser Vorfälle verletzen den Körper, alle aber die Seele. Noch lange, nachdem die körperlichen Schäden verheilt sind, kann die Psyche unter den Auswirkungen leiden.“ All jenen Frauen gilt es zu helfen.

„Nicht sehr bekannt“

Lange Zeit fehlte dem Kreis Heinsberg eine eigene Frauenberatungsstelle, obwohl die Möglichkeit bestand, sich auch von der Beratungsstelle im Frauenhaus, das ebenfalls vom SKFM getragen wird, nachgehend zum Aufenthalt im Frauenhaus, aber auch präventiv beraten zu lassen. Davon wussten viele Frauen nichts.

Insbesondere die Fraktionen der SPD und der Grünen im Kreis Heinsberg hatten seit Dezember 2018 immer wieder die Einrichtung einer zentralen, allgemeinen Beratungsstelle für Frauen gefordert, was zu viel politischem Zündstoff führte.

Nach einer ersten Prüfung war die Kreisverwaltung zu dem Schluss gekommen, dass kein Bedarf bestünde, da die Fallzahlen zu gering seien. „Tatsächlich haben wirklich wenige Frauen das vorherige Angebot wahrgenommen, weil es auch nicht sehr bekannt war und beworben wurde“, sagt Steffens.

Simone Dietz (l.) und Katharina Wenzel (r.)  stehen Frauen, die sich in belastenden Situationen befinden, Gewalt erfahren haben oder von Gewalt bedroht sind, zur Seite. Foto: Nicola Gottfroh

Zudem führte die Verwaltung an, dass die Städteregion und die Stadt Mönchengladbach eigene Beratungsstellen hätten. „Dort gibt es aber Vereinbarungen mit der Kommune und sie dürfen eigentlich keine Frauen aus anderen Landkreisen beraten“, macht Steffens die Notwendigkeit einer Beratungsstelle im Kreis deutlich.

Nach weiteren Prüfungen und auf vehementen Druck der Antragssteller aber sah die Kreisverwaltung eine Frauenberatungsstelle letztlich doch als sinnvoll an. „Zu Recht“, sagt Steffens. „Gewalt an Frauen gibt es nicht nur in Großstädten, sondern auch im Kreis“.

Seit der Eröffnung vor rund drei Wochen haben bereits 14 Frauen Hilfe bei Dietz und Wenzel gesucht. Und wieder einmal hat sich dabei gezeigt: „Gewalt kann jede Frau treffen – Alter, soziale Schicht, Bildung oder Religionszugehörigkeit spielen dabei keine Rolle.“

Zuhören und verstehen

In der Frauenberatungsstelle finden die Frauen zunächst jemanden, der ihnen zuhört und sie versteht, wenn ihnen alles über den Kopf wächst, aber auch Ansprechpartner, die auf einem Weg ins selbstbestimmtere Leben weiterhelfen.

Realisiert werden konnte die Beratungsstelle durch Fördermittel des Landes, das etwa 85 Prozent der Personalkosten plus Sachkostenanteil übernimmt, die übrigen Kosten trägt der Kreis.

In Zukunft möchte das Team der Beratungsstelle nicht nur beratend, sondern auch präventiv aktiv werden mit Workshops, Kursen und sogar einer Selbsthilfegruppe, in der sich Frauen, die insbesondere die Corona-Situation inklusive Homeoffice, Homeschooling und begrenzter Ausgangsmöglichkeiten als sehr belastend empfunden haben, Hilfe suchen können.

Termine für ein Beratungsgespräch können telefonisch abgesprochen werden, Frauen können aber auch, gerade in Notfällen, ohne Anmeldung kommen. „Das neue Angebot ist also noch niedrigschwelliger“, sagt Katharina Wenzel.