Für Lehrer sind Ferien kein Urlaub

Nicht so wie es scheint : Ferien für Lehrer Urlaub? Von wegen!

Es ist ein Vorurteil, das sich schon seit Jahrzehnten hartnäckig hält. Aber jetzt wollen einige Lehrer endlich damit aufräumen, dass sie in den Schulferien nur eine ruhige Kugel schieben.

Wie viele Generationen von Nichtlehrern haben Lehrer schon beneidet. Nicht direkt um ihren Beruf im Allgemeinen, sondern um die Ferienzeiten im Speziellen. Gerade erst scheinen die Sommerferien in der Wahrnehmung aller übriger Arbeitnehmer vorbei zu sein, da sind die Lehrer in die Herbstferien entschwunden.

Schon wieder zwei Wochen Faulenzen, die Seele baumeln lassen und die freie Zeit genießen. „Von wegen“, sagt Sandra Peters. Sie ist Lehrerin an der Katholischen Grundschule Heinsberg-Grebben. Und an diesem ersten Dienstag der Herbstferien kann man die 47-Jährige wie an jedem normalen Schultag im Schulgebäude antreffen. Ebenso wie einige andere Kolleginnen. „Die Ferienzeit gilt es zu nutzen“, sagt Peters.

Sie bietet den drei Kolleginnen Zeit, um den Materialraum und die Klassenzimmer auszumisten, zu sortieren und alles wieder auf Vordermann zu bringen. „Ferienzeit ist zwar unterrichtsfreie Zeit, aber für Lehrer auch Arbeitszeit“, sagt ihre Kollegin Heike Wamper.

Auch in den Ferien keinen Urlaub: Auch wenn sich der Mythos vom ferienverwöhnten Pauker hält, sieht es in der Realität doch anders aus. In den Herbstferien erschienen Heike Wamper, Sarah Consoir und Sandra Peters zum Ausmisten und Aufräumen in der Schule. Foto: Nicola Gottfroh

Papierberge türmen sich

Auch Peter Pauli, Schulleiter der Städtischen Realschule in Geilenkirchen, ist an diesem Tag an seinem Arbeitsplatz anzutreffen. Mutterseelenallein sitzt er an seinem Schreibtisch im Schulleiterbüro neben dem verwaisten Lehrerzimmer. Er hatte noch einen Papierberg, unter anderem Formulare und Anträge an und für die Bezirksregierung, abzuarbeiten.

„Als Schulleiter hat man immer etwas zu tun – und ist auch ständig im Dienst.“ Einmal, so erinnert er sich, habe er während einer Reise von Wien aus eine neue Vertretungslehrerin suchen müssen. Aber auch „seine“ Lehrer hätten zu tun – wenn auch nicht am Klassenpult, sondern zu Hause. „Grundsätzlich sind die Ferien für alle Kollegen Korrekturferien. In der Zeit bekommt man vieles geschafft, was im hektischen Schulalltag manchmal auf der Strecke bleibt“, sagt er.

„Die Kollegen dürfen sich ihre Arbeitszeit in dieser Zeit allerdings frei einteilen. Und es interessiert dabei auch niemanden, ob sie ihre Arbeit am Abend erledigen oder im Garten“, sagt er. Und es hört sich so an, als würde er sie an diesem sonnigen Herbsttag sehr darum beneiden.

Mythos von 12 Wochen Urlaub

„Der Mythos vom Lehrer, der 12 Wochen Urlaub im Jahr hat, hält sich hartnäckig“, sagt KGS-Lehrerin Sarah Consoir. Zwar gebe es zwölf Wochen Ferien, doch auch der „ferienverwöhnte Pauker“ hätte wie jeder andere Arbeitnehmer in der Regel lediglich 30 Urlaubstage zur Verfügung, in denen er verreisen könne und „richtig“ Urlaub habe.

In der verbleibenden unterrichtsfreien Zeit stünde Vor- und Nachbereitung an, sagt Sarah Consoir. Und davon gäbe es einiges. Zudem müssten Lehrer heutzutage nicht nur unterrichten, sondern auch Förderanträge stellen und Arbeitspläne erstellen, sich mit Konzeptarbeit und Schulprogrammen befassen. Und dann käme noch dazu, dass sich die Kinder in den vergangenen 15 Jahren auch sehr verändert hätten.

„Früher waren die Kinder alle auf einem ähnlichen Stand, als sie ins erste Schuljahr kamen. Heute hat man die einen Kinder, die schon lesen können, diejenigen, die kaum ein Wort deutsch sprechen und wieder andere, deren Aufmerksamkeitsspanne extrem kurz ist. Und um alle diese Kinder muss man sich kümmern, ihnen gerecht werden und sie dort abholen, wo sie stehen. Das heißt, dass man auch für jedes Kind unterschiedliche, auf seine Bedürfnisse abgestimmte Materialien anbieten muss und Arbeitspläne weiterentwickeln sollte“, sagt Sandra Peters.

Letztlich seien die Ferien allerdings doch ein Stückweit zum Erholen da, räumt Wamper ein. „Niemand steht in den Ferien mit der Stechuhr neben uns und schaut, wie viel wir arbeiten. Das ist auch gut so. Letztlich sind die Ferien Ausgleich für die vielen zusätzlichen Stunden Arbeit während des übrigen Schuljahres“, erklärt sie. Denn, so betont sie, es sei nicht so, dass ein vollzeitbeschäftigter Lehrer mit 28 Wochenstunden Unterrichtszeit am Ende auf seine 40-Stunden-Woche wie ein anderer Arbeitnehmer komme.

 „In der Schulzeit arbeiten die meisten Lehrer mehr. Deutlich mehr als die durchschnittlich 40 Stunden pro Woche“, sagt sie. Dem stimmt ihre Kollegin Sarah Consoir zu. Oft sitze sie beispielsweise bis nach Mitternacht am Schreibtisch. Und ein paar Stunden an einem Tag am Wochenende seien ohnehin immer für die Schule reserviert. „Und nach den Herbstferien steht dann noch der Elternsprechtag an. Da gehört auch eine immense Vorbereitung zu, denn die Eltern wollen dann intensiv mit dem Lehrer über das Kind und seine Leistungen sprechen“, sagt Heike Wamper.

Dann wären da noch die „Stoß- und Spitzenzeiten“ im Schuljahr. „Gerade vor Zeugnissen türmt sich die Arbeit – denn jedes Kind will individuell und fair bewertet werden“, sagt Sarah Consoir, die eine erste Klasse unterrichtet. Gerade in den ersten drei Schuljahren sei zum Beispiel das Zeugnisschreiben ein enorm großer Aufwand, denn in dieser Zeit gibt es für die Schüler noch schriftliche Leistungsberichte.

Dass es vor den Zeugnissen für Lehrer sehr stressig wird, dem kann auch Realschulrektor Peter Pauli zustimmen. Gerade zum Schuljahresende und vor und in den Sommerferien wird es für Lehrer noch einmal enorm stressig. Vor den Ferien stünden von Versetzungs- bis hin zu Zeugniskonferenzen viele Nachmittagstermine an. In der Vorbereitungswoche in den Ferien – also der Woche vor Beginn eines neuen Schuljahres – hätten die Lehrer täglich Pflichtveranstaltungen und wieder – Konferenzen.

Doch auch wenn die Ferienzeit keine Urlaubszeit ist, so genießen Heike Wamper, Sarah Consoir und Sandra Peters die Zeit dennoch. Denn sie sind sich durchaus darüber im Klaren, dass die freie Zeiteinteilung von Lehrern außerhalb der Unterrichtszeit und die Dienstzeiten im Allgemeinen doch ein Vorteil sind.

„Wir haben die Nachmittage mit den Kindern und arbeiten dann halt eben abends wieder. Ein Vorteil vielen anderen Berufsgruppen gegenüber“, sagt Sarah Consoir. Und ab nächster Woche nehmen die drei KGS-Lehrerinnen dann auch ein paar Tage frei.

Mehr von Aachener Nachrichten