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„Jeck für dr Zweck“: Fünf Stunden Tanz auf dem Burgberg

„Jeck für dr Zweck“ : Fünf Stunden Tanz auf dem Burgberg

Über 200 Tänzerinnen treten bei „Jeck für dr Zweck“ auf die Bühne und begeistern das Publikum. Die Palette reicht vom ersten zaghaften Auftritt bis hin zu akrobatischen Höchstleistungen.

Garde- und Schautänzerinnen oder Mariechen, die schon lange nicht mehr auf der Bühne gestanden hatten oder gar auf dem Heinsberger Burgberg ihre große Bühnenpremiere feiern konnten, prägten am zweiten Tag von „Jeck für dr Zweck“ das Bild auf den Brettern vor historischer Kulisse. Ganz aufgeregt war da etwa auch Leonie Mertens, zwar ein Gewächs aus den Tanzmäuschen der KG Brööker Waaterratte heraus, jedoch sozusagen mit der Uraufführung ihres Könnens als neues Solomariechen der Gesellschaft.

Bevor die mehr als 200 Tänzerinnen allerdings die Bühne für sich erobern konnten, feierten Propst Markus Bruns und der evangelische Pfarrer Sebastian Walde auf der Bühne mit den Gläubigen in Stuhlreihen davor einen ökumenischen Gottesdienst. Im Mittelpunkt stand Psalm 85, in dem eine Gemeinde ob ihrer gegenwärtigen Situation ihr Leid klagt. „Wie lange noch?“, schloss Walde daran mit einer Frage an. „Wie lange noch Corona-Pandemie? Wie lange noch Krieg in der Ukraine?“, wurde er konkreter und stellte fest, dass vielen Menschen die Welt derzeit wie ein „riesengroßes und ödes Wartezimmer“ vorkomme.

 Propst Markus Bruns (rechts) und Pfarrer Sebastian Walde  beim ökumenischen Gottesdienst .
Propst Markus Bruns (rechts) und Pfarrer Sebastian Walde  beim ökumenischen Gottesdienst . Foto: Anna Petra Thomas

Walde sprach von einer „schwer auszuhaltenden Spannung des Dazwischens“ und zog einen Vergleich zum Hollywood-Liebesdrama. Das Warten auf Gerechtigkeit und Frieden werde bei den Christen zur Erwartung, bei der sie sich, ganz „jeck und raderdoll“, packen lassen könnten von dieser Erwartung, unter Gottes freiem Himmel von dieser Leidenschaft ergriffen auch laut werden dürften, leitete er über zum Geschehen auf der Bühne für den Rest des Tages.

 Leonie Mertens von der KG Brööker Waaterratte freute sich über ihre Bühnenpremiere als Solomariechen.
Leonie Mertens von der KG Brööker Waaterratte freute sich über ihre Bühnenpremiere als Solomariechen. Foto: Anna Petra Thomas

Hier übernahm zunächst der stellvertretende Bürgermeister Albert Heitzer das Mikrofon und erweiterte das Motto auf seine Art zu einem „Jeck för dr joode Zweck“, denn immerhin komme der Erlös ja den aus der Ukraine vertriebenen Menschen zugute, betonte er. Am Nachmittag wurde er abgelöst von Guido Peters, Präsident des Komitees Heinsberger Karneval, gemeinsam mit der Stadt Veranstalter von „Jeck für dr Zweck“.

Als erste auf der Bühne konnte Heitzer die Tanzabteilung des Karnevalsvereins Kerkever Jekke begrüßen. Kurz ergab sich in der Garderobe hinter der Bühne die Diskussion zum korrekten Outfit der Solistinnen und der Garden. Während der Nachwuchs aus Kirchhoven sich schlicht in Schwarz und Weiß präsentierte, reisten andere Gruppen in kompletter Uniform oder in Uniform ohne Hut an.

Ein Blick in die Leitlinien des Bundes Deutscher Karneval (BDK) brachte Licht in die Verwirrung. Wäre man ihnen jedoch gefolgt, hätten die Tänzerinnen und Tänzer der Garden nicht nur auf ihre Uniformen verzichten müssen, sondern hätten auch nicht tanzen dürfen. Eine Ausnahme erlaubt der BDK nämlich nur für Schautänze und BDK-Turniere. Letztlich wurde bei „Jeck für dr Zweck“ allen Teilnehmenden die Wahl ihres Outfits ebenso überlassen wie der präsentierte Tanz. Schließlich hätten diese jungen Menschen doch schon viel zu lange auf ihr Hobby verzichten müssen, bei dem es zudem nicht nur um die eigene sportliche Leistung gehe, sondern auch darum, dem Publikum vor der Bühne eine Freude zu machen, hieß es.

Gut fünf Stunden Tanz gingen mit musikalischen Unterbrechungen über die Bühne. Daran waren nicht nur Tänzerinnen und Tänzer aus dem Heinsberger Land beteiligt, sondern auch aus Gangelt, aus dem Selfkant, aus Waldfeucht und aus Wassenberg. Ihr größter Lohn war der Applaus des Publikums, den sie schon so lange nicht mehr gehört hatten. Und die ersten zaghaften Schrittchen der ganz kleinen Tänzerinnen verzückten Moderatoren und Zuschauer ebenso wie die akrobatischen Höchstleistungen, die von den älteren Mariechen oder Schautänzerinnen auf der großen Bühne scheinbar mühelos abgeliefert wurden.