Frauenberatungsstelle: AsF und Jusos starten Online-Petition

Frauenberatungsstelle : „Das ist nur erbärmlich für den Kreis!“

Was SPD und Bündnis 90/Die Grünen vor gut zwei Monaten mit ihrem Antrag für die Einrichtung einer eigenständigen Frauenberatungsstelle für den Kreis Heinsberg in Gang brachten, hat eine Dynamik erhalten, die sich kontinuierlich nach oben schraubt und inzwischen für offenen Streit zwischen der Opposition im Kreistag und der Verwaltung sorgt.

Nach mehrheitlicher Ablehnung einer solchen Beratungsstelle im Ausschuss, dann im Kreisausschuss und zuletzt Mitte Dezember im Kreistag werden auf Initiative von SPD, Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) und Jusos jetzt mittels einer sogenannten Online-Petition Unterschriften für eine solche Beratungsstelle gesammelt.

Gerichtet ist die Petition an Kreis- und Landtag sowie an Landrat Stephan Pusch. Für den 14. Februar lädt die AsF zu einer entsprechenden Podiumsdiskussion nach Übach-Palenberg ein. Sogar von Mahnwachen vor dem Kreishaus soll schon die Rede sein.

Während die Verwaltung eine ausreichende Beratungsmöglichkeit für Frauen, die physische oder psychische Gewalt erfahren, nämlich derzeit durchaus gegeben sieht, sind SPD und Grüne da ganz anderer Meinung. Zwar gebe es eine Beratung im Frauenhaus für Frauen, die sich dort aufgehalten hätten, hieß es bereits im gemeinsamen, ursprünglichen Antrag. „Dies bedeutet allerdings nicht, dass Frauen, die nicht ins Frauenhaus wollen, keiner Beratung bedürfen.“ Frauen aus dem Kreis müssten in andere Städte wie etwa Mönchengladbach oder in die Städteregion ausweichen. Aufgrund der psychischen und physischen Notlage seien solch lange Anfahrtswege jedoch unzumutbar.

Allein im Jahr 2017 habe es im Kreis Heinsberg 135 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gegeben, weiterhin mehr als 2000 sogenannte Rohheitsdelikte heißt es in der Petition, die derzeit bereits mehr als 318 Unterschriften hat. Nicht zu vergessen die Dunkelziffer, und weiter: „Es kann nicht sein, dass der Kreis bei häuslicher und sonstiger Gewalt gegen Frauen wegschaut.“

Noch drastischer hatte sich in der Sitzung des Kreistags dazu Ilse Lüngen (SPD) geäußert, die zugleich Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) im Kreis Heinsberg ist. „Das ist nur erbärmlich für den Kreis Heinsberg!“, hatte sie erklärt und im Zusammenhang damit auch erwähnt, dass vom Träger des Frauenhauses eine Frau, die um eine Beratung gebeten habe, abgelehnt worden sei. Für den 14. Februar plant sie jetzt eine Podiumsdiskussion in Übach-Palenberg unter dem Leitmotiv „Liebe ohne Hiebe“. Bis zum Weltfrauentag am 8. März sollen weiter Unterschriften gesammelt werden. „Wenn sich bis dahin nichts getan hat, werden wir in die Offensive gehen!“, betont sie.

Dezernentin Daniela Ritzerfeld und Astrid van der Kruijssen, stellvertretende Sozialamtsleitern, können diese Aufregung überhaupt nicht verstehen. Zum einen wisse man nichts von einer Ablehnung, erklärte Ritzerfeld. Dies hätten entsprechende Nachforschungen beim Sozialdienst Katholischer Frauen und Männer (SKF/M) als Dienstleister sowohl der präventiven wie auch der nachgehenden Frauenberatung ergeben. Ein gemeinsames Gespräch mit Vertretern von SKF/M und interfraktionellen Frauen-Arbeitskreis des Kreistags hat bereits stattgefunden. „Es macht mehr Sinn, miteinander zu sprechen als übereinander“, betont die Sozialdezernentin.

Eine Frauenberatung, nachgehend und präventiv, gebe es im Kreis seit Jahren, erklärt die Sozialdezernentin. Die Kosten trägt der Kreis auf Basis eines Vertrages mit dem SKF/M. „Es erscheint mehr als befremdlich, dass die Initiatoren der Online-Petition diese Tatsache mit keinem Wort erwähnen“, erklärt Ritzerfeld. „So wird beim Bürger der unzutreffende Eindruck erweckt, es gäbe im Kreis Heinsberg keine Frauenberatung. Das ist schlichtweg falsch.“

In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres sei die Beratungsleistung jedoch nur von 20 Frauen in Anspruch genommen worden. Davon seien 19 Frauen präventiv beraten worden, ohne vorher im Frauenhaus aufgenommen worden zu sein. Eine Frau habe die nachgehende Beratung in Anspruch genommen. Die präventive Beratung könne jedoch von jedem Anbieter, der dazu fachlich in der Lage sei, erbracht werden. Daher habe der Kreis die vertragliche Vereinbarung in Bezug auf die präventive Beratung mit dem SKF/M zu Ende 2018 gekündigt. Alle potenziellen Anbieter im Kreis seien aufgefordert worden, bei Interesse Angebote abzugeben. Der Kreis sei willens, mit diesen dann entsprechende Vereinbarungen zu treffen.

Bis es eine neue vertragliche Vereinbarung mit einem oder mehreren Wohlfahrtsträger im Kreis Heinsberg gebe, stehe der Frauenhaus-Träger SKF/M jedoch weiterhin unverändert für präventive Beratungsleistungen bereit, die pro Einzelfall abgerechnet werden könnten. Die Einrichtung einer Frauenberatungsstelle im Sinne einer zusätzlich einzurichtenden und zu vergütenden Personalstelle würden diese Zahlen nicht rechtfertigen, so Ritzerfeld weiter.

Die durchschnittliche Beratungszeit habe sich in den ersten neun Monaten des Jahres 2018 auf rund elf Stunden pro Monat belaufen, hat sie errechnet. Hinzuzurechnen sei dann noch die notwendige Infrastruktur, gibt van der Kruijssen zu bedenken. „Eine solche Stelle wäre nach unseren bisherigen Erkenntnissen überdimensioniert“, erklärt Ritzerfeld zusammenfassend. „Gleichwohl sind wir derzeit auch damit beschäftigt, weitergehende Informationen, zum Beispiel bei der Kreispolizeibehörde und bei den Frauenberatungsstellen der umliegenden Kreise zu beschaffen.“

Auch die Kritik von Lüngen, dass die Frauenberatung auf der Internetseite des Kreises nicht zu finden sei, lässt sie in diesem Zusammenhang nicht gelten. Wer die entsprechenden Begriffe in die Internet-Suchmaske eingebe, erhalte sofort die notwendigen Kontaktinformationen des Frauenhaus-Trägers SKF/M. Im Übrigen fände sich die „Frauenhilfe“ als Stichwort auch im psychosozialen Adressbuch der kommunalen Gesundheitskonferenz, das auf der Internetseite des Kreises verfügbar sei, sagt sie.

Etwas anders als noch zuvor im Antrag an den Kreistag klingt die zuletzt veröffentlichte Erklärung der Grünen. Die an das Frauenhaus angegliederte Beratung sei „nur ein Bruchteil der wirklich benötigten Beratungsstruktur“, heißt es nun dort. In NRW gebe es bereits 47 Beratungsstellen in Landkreisen und kreisfreien Städten. „Der Kreis Heinsberg ist dabei immer noch ein weißer Fleck.“ Das wolle man ändern und fordere die Einrichtung einer „ganz normalen“ Frauenberatungsstelle, womit die Forderung jetzt über die der SPD-Frauen noch hinausgehe. Bei Frauenberatung gehe es auch um Prävention. „Es geht auch darum, Frauen selbstsicherer zu machen und zu stärken, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen“, schreiben die Grünen-Frauen.

Mehr von Aachener Nachrichten