Heinsberg: Er ist der Jüngste: Abiturient als Museumsführer im Begas-Haus

Heinsberg : Er ist der Jüngste: Abiturient als Museumsführer im Begas-Haus

Er ist ein Plappermaul, das sagt er selbst. Und das müsse man auch sein — für den Job, sagt er. Tobias Krichel jedenfalls spricht gerne. Meist geraten dabei seine Arme und die Hände mit den langen Fingern in Bewegung.

Mit luftigen Ausrufezeichen unterstreicht er seine wortgewandten Erklärungen zur Entstehung der Winzerfamilie, den Besonderheiten der Loreley oder dem Sinn des ungebrannten tönernen Bozetto, der von einer Skulptur des Bildhauers Reinhold Begas erhalten und im Begas-Haus, Museum für Kunst- und Regionalgeschichte, zu sehen ist.

Das alles wäre nichts Besonderes, wenn Tobias Krichel nicht erst 17 Jahre alt wäre und gerade am Heinsberger Gymnasium an seinem Abitur basteln würde. Normalerweise haben Museumsführer einen akademischen Hintergrund und jede Menge Lebenserfahrung, bevor sie eine Gruppe von zehn bis 20 Leuten so geschickt durch Räume mit sensiblem Inhalt steuern, dass weder Kunst noch Kunstliebhaber zu Schaden kommen.

In der ersten Führung, die der junge Randerather übernommen hat, versuchte ein Besucher gleich im ersten Raum, der die Geburt und Herkunft des Heinsberger Künstlers Carl Joseph Begas behandelt, sich auf einer steinernen Tafel abzustützen. „Das muss man im Blick haben und man muss freundlich bleiben“, sagt Tobias Krichel. Deshalb ist er in der Stunde, die er die Besucher durch die Räume lenkt, voll konzentriert.

Was er genau gesagt hat, weiß er nicht mehr. Aber die Tafel ist noch da, wo sie hingehört und auch die Füße des Besuchers konnten diesen anschließend noch durch das Gebäude tragen.

Museen faszinieren Tobias Krichel. Diese Orte und ihre Konzepte, die Kunst in großem Rahmen greifbar machen.

Er weiß noch, dass er zum ersten Mal mit seinem Kunstkurs in das Haus an der Hochstraße mit den Hausnummern 19, 20 und 21 gegangen ist. Ob ihn der akustische Bombeneinschlag, der an die Geburt des Namensgebers Begas in Kriegszeiten erinnert, erschreckt hat, weiß er nicht mehr. Aber er erinnert sich an seine Faszination bei der Vielfalt, dem Prunk der Rahmen, der Liebe zum Detail in der Präsentation.

Die Faszination blieb. Anfang diesen Jahres machte er ein Schülerpraktikum in der Verwaltung des Begas-Hauses. Und er wollte mehr. Kein Problem, meinte Dr. Rita Müllejans-Dickmann. Die Museumsleiterin war sich schon nach einer Woche sicher: „Der schafft das.“ „Türöffner“ nennt sie ihn. Klar, es geht um die jüngere Zielgruppe, von der sie hofft, dass sie ebenfalls die Reize der musealen Heinsberger Schatzkiste entdecken.

Selfies machen ist übrigens erlaubt. Der Abiturient würde das Gemälde der Tänzerin Fanny Eißler als Hintergrund empfehlen. Denn dieses Werk „sprengt den Erwartungshorizont“, sagt er und klingt absolut begeistert. Dieses Bild, an diesem Ort, einmalig sei das. Er kann jede Menge dazu erzählen: Komposition, Bildaufbau, Zeitgeschichte. Und wenn er spricht, klingt er nicht wie ein Schüler.

Die Worte und Formulierungen hat er sich von älteren Menschen geborgt. Er hat viel gelesen, den Katalog des Museums durchgearbeitet, im Internet recherchiert. Er möchte Kunstgeschichte studieren. In der Schule hat er Kunst als Leistungskurs. Natürlich. Einserschüler? Klar. Ein Streber? Er lacht. Er rede einfach gerne, sagt er.