Theaterstück zum Thema Demenz: Einfühlsam und fokussiert aufs Wesentliche

Theaterstück zum Thema Demenz : Einfühlsam und fokussiert aufs Wesentliche

Zur zweiten Vorstellung in der laufenden Theatersaison hatte die Kultur GmbH Erkelenz am Montag in die Stadthalle eingeladen. Vor nicht gut besetztem Haus (womöglich liegt’s an mangelender Werbung?) brachte das Ensemble Phoenix aus Köln das Drei-Personen-Stück „Am Horizont“ von Petra Wüllenweber auf die Bühne.

„Mit Herz und Hirn“ ist das Leitmotiv der Kölner – und diese beiden wurden auf manchmal erschütternde Weise angesprochen. Die Story ist schnell erzählt: Der begabte Schwimmer Janek (Sam Reichenbach) wird von seinem Opa (Richard Bargel) für einen großen Wettkampf trainiert. Im Laufe dieses Trainings stellt sich heraus, dass Opa zunehmend an Demenz leidet; er will zum Beispiel mit nackten Füßen auf die Straße, das Haus anzünden oder sitzt in der Badehose am Tresen. Und manchmal erkennt er selbst, wenn man überhaupt noch von Erkennen sprechen kann, dass er seine Identität verloren hat. Bis er am Ende in den Armen seines Enkels in den Himmel will.

Schmerzlich verfolgt Janek den zunehmenden Persönlichkeitsverlust seines geliebten Opas. Und er muss sich schließlich damit abfinden, dass auch die Medikamente des Vaters seiner Freundin Anna (Yoko Hagino), der Apotheker ist, keine Abhilfe schaffen können. In dem ganzen Drama ist die zart angedeutete Liebesgeschichte zwischen Janek und Anna, die ihm auch bei seinen Schwierigkeiten mit dem Fach Englisch hilft, so etwas wie ein Lichtblick

Die traurige Geschichte erreicht in dem verzweifelten Aufbegehren Opas, nicht „wie ein wildes Tier“ in ein Heim eingesperrt zu werden, einen ihrer Höhepunkte.

Die Regisseurin Bettina Montazem gibt dem Anliegen des Stückes eine besondere Intensität dadurch, dass sich das Ganze vor einem schwarzen Hintergrund abspielt, so dass das Publikum nicht abgelenkt wird durch allerhand Requisiten. Die einzige Ablenkung vom eigentlichen Anliegen des Stückes sind die Liedchen, die Anna ab und zu trällert. Auch die Beleuchtung ist sehr sparsam und gibt durch ihre unterschiedliche Stärke oft nur andeutungsweise die einzelnen Akte zu erkennen.

Ein weiterer sehr gelungener Regieeinfall ist, dass zwischen den einzelnen Dialogen eine manchmal kaum auszuhaltende Dehnung die Zuschauerinnen und Zuschauer geradezu zwingt, sich mit dem Thema Demenz auseinanderzusetzen.

Denn diese Volkskrankheit scheint immer mehr zuzunehmen. Und das besonders Schlimme daran ist, dass weit und breit kein Heilmittel in Sicht ist. Und so mag sich manch einer während des Stückes auch gefragt haben, ob zum Beispiel eine zunehmende Vergesslichkeit schon der Anfang einer „Abnahme des Geistes“ (so die wörtliche Übersetzung von Demenz) sein könnte.

Nicht umsonst heißt das Stück nicht „Demenz“, sondern „Am Horizont“: Der Horizont, diese gedachte Linie vom Zusammentreffen zwischen Himmel und Erde, ist keine feststehende Begrenzung; sie verschiebt sich je nach dem Standort des Betrachters – und er kann auch verdunkelt werden.

Der Beifall am Schluss war lang andauernd und herzlich, und er galt neben der Anerkennung der großartigen Leistungen der Schauspieler wohl auch dem Autor des Stückes und seiner Regisseurin.

(hl)