Eine Schule, die Talente zutage fördert

Ganztagshauptschule In der Schlee : Eine Schule, die Talente zutage fördert

Das passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Dieser Eindruck verfestigte sich bei Schulleiterin Christiane Müller und Konrektorin Daniela Schröders immer mehr, je weiter sie in den Unterlagen für den NRW-Schulversuch zu den Talentschulen lasen.

Das war im vergangenen Sommer. Jetzt steht fest: Die Ganztagshauptschule In der Schlee ist eine von 35 Talentschulen in NRW. Sie bekam als einzige aus der Region Aachen, Düren, Heinsberg den Zuschlag. Dementsprechend groß war die Freude bei Schulleitung und Lehrerkollegium.

Die Hückelhovener Schule tut schon eine Menge, um die Talente ihrer Schüler ans Licht zu fördern. Seit diesem Schuljahr findet der Nachmittagsunterricht nicht mehr in gewohnter Form, orientiert an den Schulfächern, statt. Stattdessen arbeiten die Schüler „handlungs- und projektorientiert“. Das heißt, dass sich die Schüler über mehrere Wochen intensiv und praxisnah einem Thema widmen.

Wenn es um Längen und Maße geht, stehen sie zum Beispiel am Kochtopf, um einen Eindruck davon zu bekommen, was zum Beispiel 250 Milliliter Milch sind. Oder sie messen einen Quadratmeter auf dem Schulhof aus. „Dabei haben die Schüler auch herausgefunden, dass die Spaghetti in einer 500-Gramm-Packung hintereinandergelegt eine Strecke von 1,3 Kilometern ergeben“, sagt Müller. Dahinter steckt ein recht einfaches Prinzip: „Wir lernen dann am besten, wenn wir gar nicht merken, dass wir lernen“, sagt Heidi Corall, Studienberufswahlkoordinatorin der Hauptschule.

An den ersten Erfolgen, die diese Lernform bereits zeige, will man nun als Talentschule anknüpfen. Dabei setzt die Schule den Schwerpunkt auf MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Einerseits, weil die Schule in diesen Fächern noch eigene Defizite erkennt. Andererseits, weil das den Schülern beim Übergang in eine Ausbildung in Handwerk oder Industrie helfen kann. Mikroskopieren, ein Brennerführerschein, einen Roboter bauen oder Arbeit mit dem Tablet-PC könnten mögliche MINT-Inhalte sein, mit denen sich die Schüler demnächst beschäftigen sollen, sagt Schröders.

Den Zuschlag für die Talentschule bekommen: Das freut Stephan Matzerath, Stadt Hückelhoven, Rektorin Christiane Müller, Konrektorin Daniela Schröders und Lehrerin Heidi Corall. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Im Verlaufe des sechsjährigen Schulversuches kann die Hauptschule nun mit 20 Prozent mehr Personal planen. Das seien rechnerisch 5,6 Stellen, sagt Schulleiterin Müller. In diesem Sommer, wenn es im Jahrgang 5 losgeht, kommen erst einmal drei neue Lehrkräfte. Und das müssten nicht unbedingt Pädagogen mit Lehramtsstudium und Referendariat sein. Stattdessen könnten Fachkräfte aus Handwerk und Industrie die Lehrer bei ihrer Arbeit unterstützen.

Die brächten einen frischen, etwas anderen Blick auf die Dinge mit als die Lehrer, sagt Müller. Zudem könnten sie Vorbilder für die Schüler sein. Sie können authentisch darüber reden, was im Beruf wichtig ist. „Solchen Leuten glauben die Schüler eher als den Lehrern“, sagt Corall. Ein Handwerker spreche auch mal Klartext, der müsse sich nicht immer gewählt ausdrücken. Das komme bei den Schülern an.

Eines der Ziele, die die Landesregierung mit ihrem Schulversuch verfolgt, ist, Schulen zu stärken, die in Vierteln mit sozialen Problemen arbeiten. Stephan Matzerath vom Schulverwaltungs- und Sportamt der Stadt Hückelhoven weiß, dass das auf die Umgebung der Hauptschule In der Schlee zutrifft. Sie liege in einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung mit hohem Migrantenanteil, hoher Arbeitslosenquote und großen sprachlichen und kulturellen Problemen. Die Familien vieler Schüler sind das, was oft als bildungsfern bezeichnet wird. „Die Hauptschule ist hier ein Motor für Integration. Ihre Arbeit ist in weiten Teilen Sozialarbeit“, sagt Matzerath.

Gerade weil es im Einzugsgebiet der Schule so viele soziale Probleme gibt, versucht die Hauptschule schon längst, den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufzubrechen. „Wenn die Schüler an dem Ort, an dem sie Bildung erfahren, ganz intensiv begleitet werden, können sie Erfolg haben“, sagt Schröders. Dabei könne die Schule schon einige Erfolge vorweisen: 46 Prozent der Schulabgänger hätten zuletzt einen Ausbildungsplatz bekommen. Der Rest habe andere Schulformen, etwa Berufskollegs, besucht. Angesichts des miserablen Rufes, der den Hauptschulen in den vergangenen Jahren vorauseilte, ist es beachtlich, dass fast die Hälfte der Schulabgänger unmittelbar eine Ausbildung beginnt.

Das zusätzliche Personal soll dabei helfen, diese Erfolge zu festigen und die Quote auszubauen. Also: mehr Personal gleich besserer Bildungserfolg? Ganz so einfach ist die Rechnung nicht. Aber das richtige Personal in einem gut durchdachten Lehrkonzept, das verspreche gute Ergebnisse, sagt Schröders.

Die Lehrer sind bei der Talentschule ohnehin ein wichtiger Faktor. Deshalb sei es wichtig gewesen, sie im Vorfeld zu überzeugen. Nach vielen Gesprächen stimmte man im Kollegium ab: Niemand sprach sich gegen die Talentschule aus. Dementsprechend groß ist die Vorfreude auf das kommende Schuljahr.

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