Wir in Europa: Eine Portion Europa zum Frühstück

Wir in Europa : Eine Portion Europa zum Frühstück

Jugendliche für Europa begeistern heißt das Ziel. In der Gesamtschule Heinsberg-Waldfeucht begegnen Schüler ganz zwanglos Europa-Politikern bei Wurstbrötchen und Orangensaft.

Offene Grenzen, eine gemeinsame Währung und Telefonieren im Ausland, das ist für viele so selbstverständlich, dass sie gar nicht wahrnehmen, dass es das alles ohne Europa nicht gäbe. „Wie können wir die jungen Leute für Europa begeistern?“ Das ist die Frage, die den Oberbrucher Streetworker Tobias Storms umtreibt und die er auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron gestellt hat, als sie den Aachener Vertrag im Januar unterzeichneten und er bei einer im Fernsehen übertragenen Bürgerfragerunde die erste Frage stellen durfte.

Doch der Streetworker ist keiner, der nur öffentlichkeitswirksam Fragen stellt, er sucht auch Lösungen. Eine davon heißt für ihn: Begegnungen. Deshalb hat er gemeinsam mit der Gesamtschule Heinsberg-Waldfeucht und unserer Zeitung ein Europafrühstück organisiert, bei dem Schüler bei Wurstbrötchen und Käseweintraubenspießchen Europapolitikern begegnen konnten.

Aber es waren keine Oberstufenschüler, die vielleicht schon selbst an die Urne gehen können, denen Sabine Verheyen (CDU), Arndt Kohn (SPD) und Daniel Freund (Grüne) gegenüber saßen, sondern Schülern des Faches „Lebenswelten“ aus der Stufe 8 und 9, und die dürfen erst bei der Europawahl im Jahr 2024 selbst wählen. Und so wurde es auch keine Wahlveranstaltung, sondern eine Werbeveranstaltung für Europa.

Auf dem Boden lagen neben einer Europa-Flagge jede Menge Karteikarten mit Fragen. „Wie kann man Politiker werden?“ stand auf einer. „Wer keine Lust hat, auf dem Sofa zu sitzen und sich zu ärgern, der kann politisch aktiv werden“, lautete die Antwort von Sabine Verheyen. „Man muss etwas verändern wollen“, sagte auch Daniel Freund, und dann müsse man sich Menschen suchen, die einen unterstützen. Wie stark so eine politische Bewegung werden könnte, sehe man an dem, was Greta Thunberg mit „Fridays for Future“ ausgelöst habe.

Besonders der Artikel 13 der Urheberrechtsreform der EU, beschäftigte die Schüler, weil er sie als intensive Internetnutzer so unmittelbar betrifft. Ausführlicher als in jeder Podiumsdiskussion konnten die Politiker ihre Positionen darstellen und erklären, wie es zu der Entscheidung kam, warum im Europaparlament die Grünen aus Frankreich manchmal anders abstimmen als die Grünen aus Deutschland, und dass es „die Politiker“ nicht gibt, sondern persönliche Positionen und Argumente.

Und dem 13-jährigen Noah Alles, der bei einer Demonstration gegen den Artikel 13 dabei gewesen war und sich „veräppelt“ und nicht wahrgenommen fühlte, weil die Demonstranten als „Bots“, also als gekaufte Gegner, beschimpft wurden, konnten sie versichern, dass die Demos sehr wohl Diskussionen innerhalb der Parteien ausgelöst hatten. Nur das Ergebnis sei diesmal nicht im Sinne der Demonstranten ausgefallen. Was nicht heiße, dass demonstrieren sich nicht lohne.

In der Schlussrunde fragt Daniel Gerhards, Redakteur unserer Zeitung, der das Gespräch moderierte, die Kandidaten, was sie am meisten vermissen würden, wenn es Europa nicht geben würde. „Die Freiheit innerhalb Europas hinzugehen, wohin ich will, ohne Grenzen“, sagte Sabine Verheyen. „Die Freiheit, mich im Dreiländereck uneingeschränkt bewegen zu können“, sagte Arndt Kohn. Daniel Freund sagte: „Meine Frau, die aus Italien stammt, und meinen Sohn, der Italiener ist. Das würde unser Leben sehr einschränken, wenn wir nicht leben und arbeiten könnten, wo wir wollen.“

Am Ende ist Streetworker Tobias Storms zufrieden. „Ich glaube, es ist uns heute ein Stück weit gelungen, den Wert von Europa zu vermitteln.“

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