Eine Beratungsstelle für Frauen im Kreis scheint nun doch möglich

Podiumsdiskussion : Frauenberatungsstelle nicht weiter ausgeschlossen

Bei einer Podiumsdiskussion in Übach-Palenberg ist erneut die Einrichtung einer Frauenberatungsstelle Thema, das im Kreis Heinsberg seit Monaten für Zündstoff sorgt. Der Abend im Postwagen bringt eine neue Wendung.

443 Fälle häuslicher Gewalt sind laut aktueller polizeilicher Kriminalstatistik 2018 im Kreis Heinsberg festgestellt worden. Bei  diesen 443 Gewalttaten waren in 398 Fällen Männer die Beschuldigten. In der Regel waren Frauen die Opfer. Eine Frauenberatungsstelle für Opfer von Partnerschaftsgewalt im Kreis Heinsberg dürfte also Arbeit bekommen.

Anderthalb Stellen einer Frauenberatungsstelle im Kreis Heinsberg würde das Land NRW mit 85 Prozent der Personal- und Sachkosten fördern. Angesichts der Fakten sei es doch schwer, gegen die Einrichtung einer Frauenberatungsstelle zu votieren, findet Lars Kleinsteuber. Er ist Vorsitzender der Jusos im Kreis Heinsberg und tippte darauf, dass es wohl eine politische Entscheidung gewesen sei, die die CDU-Mehrheit im Kreistag den Antrag der SPD-Fraktion auf Einrichtung einer Frauenberatungsstelle im Dezember 2018 hatte ablehnen lassen.

Obwohl sich zu diesem Thema in den vergangenen Monaten viel politischer Zündstoff angesammelt hatte, verlief die bislang letzte Runde zu diesem Thema im Übach-Palenberger Restaurant Postwagen ganz und gar harmonisch.

Die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) im Kreis Heinsberg und die Jusos Kreis Heinsberg hatten sinnigerweise am Valentinstag zu der Podiumsdiskussion „Liebe ohne Hiebe“ eingeladen.

Ilse Lüngen und Lars Kleinsteuber begrüßten als Vorsitzende von AsF und Jusos die Gäste und stellten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion vor. Neben der Moderatorin Astrid Wolters, stellvertretende Bürgermeisterin von Erkelenz, nahmen Karoline Steffens, als Geschäftsführerin des Sozialdienst Katholischer Frauen und Männer (SKF/M) zuständig für das Frauenhaus im Kreis Heinsberg, sowie Daniela Jansen, Vorsitzende der AsF NRW, und Daniela Ritzerfeld, Sozialdezernentin des Kreises Heinsberg, auf dem roten Sofa Platz.

 Kleinsteuber steckte in seiner Begrüßung den Rahmen der Diskussion ab und berief sich dabei auf eine Studie des Bundeskriminalamtes. 25 Prozent aller in Deutschland lebenden Frauen hätten bereits körperliche oder sexuelle Partnerschaftsgewalt erfahren. Die Dunkelziffer liege höher. Kleinsteuber: „Der Kreis Heinsberg wird dabei keine Ausnahme darstellen, denn auch hier leben Menschen in Partnerschaften.“

Zur Harmonie des Abends trug sicherlich das Engagement bei, dass Dezernentin Daniela Ritzerfeld und ihr Amt in den letzten Wochen an den Tag gelegt hatten. Ritzerfeld berichtete von Gesprächen in Düsseldorf, von den Fördermitteln, die die Landesregierung bereit stelle und räumte ein, dass Öffentlichkeitsarbeit zum Themenbereich der häuslichen Gewalt und eine damit einhergehende Sensibilisierung der Bevölkerung geboten sei. Ritzerfeld verwies auch auf Gespräche mit Mitarbeitern des Opferschutzes der Kreispolizei. Hier sei der Hinweis aufgenommen worden, dass es sinnvoll wäre, bei Einsätzen der Polizei im häuslichen Bereich die Daten der Opfer, vorausgesetzt sie willigen ein, an eine Beratungsstelle weiterzuleiten, um den Geschädigten schnelle Hilfe zuteil werden zu lassen.

Karoline Steffens berichtete von der Arbeit des Frauenhauses und der angeschlossenen Beratungsstelle für Frauen. Diese sei zunächst nur für die Beratung von Frauen gedacht gewesen, die das Frauenhaus verlassen. Seit 2018 stehe diese Frauenberatungsstelle, die mit einer halben Stelle versehen ist, zwar auch für die präventive Arbeit allen Frauen offen. Doch werde dieses Angebot nicht öffentlich beworben, wie auch Dezernentin Ritzerfeld einräumte. Ritzerfeld erläuterte, dass momentan diese Frauenberatungsstelle ausgeschrieben sei. Man suche nach einem neuen Träger oder werde wieder mit dem SKF/M einen neuen Vertrag schließen. Die geringe Zahl von etwa 20 Anfragen im Jahr in der dem Frauenhaus angegliederten Beratungsstelle sind wohl darauf zurückzuführen, dass diese Beratungsmöglichkeit in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt geblieben ist.

Astrid Wolters unterstrich: „Es gibt wohl niemanden hier, der Frauen nicht schützen möchte. Wir diskutieren hier nur über den Weg.“ Wie sich dieser Weg im Kreis Heinsberg gestalten wird, wird sicherlich auch vom politischen Willen abhängen. Ralf Derichs, Fraktionsvorsitzender der SPD-Kreistagsfraktion, hatte auf Nachfrage von Daniela Ritzerfeld erfahren, dass die Landesförderung einer Frauenberatungsstelle sich auf 85 Prozent der Personal- und Sachkosten belaufen würde. Derichs kündigte schon mal an, dass seine Fraktion mitziehen werde, selbst wenn es „Kreisgeld“ kosten sollte.

Auch die AsF-Vorsitzende Ilse Lüngen, die sich kämpferisch für das Frauenhaus eingesetzt hatte, zeigte sich vom Verlauf der Diskussion beeindruckt und meinte, man werde zum Valentinstag 2020 eine weitere Podiumsdiskussion veranstalten und dann einen Zwischenbericht zum Stand der Einrichtung einer Frauenberatungsstelle im Kreis Heinsberg hören. Das für den Weltfrauentag am 8. März angedrohte „Dann gehen wir auf die Straße“ erschien Ilse Lüngen nun nicht mehr opportun. Nun scheint es die SPD im Kreis Heinsberg wohl doch geschafft zu haben, eine zeitgemäße Frauenberatungsstelle im Kreis Heinsberg auf den Weg zu bringen – mal sehen, ob sie am Ende auch die Lorbeeren erntet.

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