Festakt mit Armin Laschet: Ein großer Bahnhof für die Gemeinde Selfkant

Festakt mit Armin Laschet : Ein großer Bahnhof für die Gemeinde Selfkant

Er dauerte gerade einmal eine Stunde, doch der Festakt zur Würdigung zweier Jubiläen im Selfkant hatte es in sich. 1969, also vor 50 Jahren, schlossen sich die damaligen selbstständigen Gemeinden Wehr, Hillensberg, Tüddern, Süsterseel, Höngen, Havert mit Schalbruch und Isenbruch, Millen und Saeffelen zur Gemeinde Selfkant zusammen.

1949, also vor 70 Jahren, begann die Auftragsverwaltung durch die Niederlande. Und darum drehte sich dann auch alles in dem Festakt in Tüddern. Die Westzipfelhalle sah am Samstagabend Prominenz aus Wirtschaft, Politik und Sport in Hülle und Fülle, alles, was Rang und Namen im Kreis Heinsberg und Umgebung hat, wurde von Bürgermeister Herbert Corsten herzlich begrüßt. Im Foyer der Westzipfelhalle gab es ein großes Stelldichein.

Direkt vom CHIO

Direkt vom CHIO in Aachen reiste Armin Laschet, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, an. „Wir haben in diesem Jahr viele 50-jährige Jubiläen der Städte und Gemeinden, der Besuch heute hier im Selfkant ist für mich jedoch eine Herzensangelegenheit“, so der Ministerpräsident. Er blickte in seiner Rede kurz zur Zeit der Auftragsverwaltung und stellte Bezüge zu Nordhrein-Westfalen und Deutschland her.

Mit dabei ist auch Ministerpräsident Armin Laschet, der sich mit dem Limburger Gouverneur Theo Bovens ins Goldene Buch einträgt. Foto: Heinz Eschweiler

„Am 23. April 1949 beginnt die Auftragsverwaltung, einen Monat später wird in Deutschland das Grundgesetzt verabschiedet, es entsteht die Bundesrepublik – aber ohne den Selfkant. Im September wird Konrad Adenauer Bundeskanzler, er geht 1969 aus dem Amt, und im gleichen Jahr kehrt der Selfkant wieder zur Heimat zurück“, so Armin Laschet. Er hatte die Lacher auf seiner Seite: „Ich glaube, der wahre Grund dafür war, dass der Selfkant auch mal Fußballweltmeister werden wollte, mit den Niederlanden ist das nicht so einfach.“ Da lachte die Westzipfelhalle. Weiterhin ging der Ministerpräsident auf den Deutschen Zipfelbund ein: Den Selfkant als Gründer und Ideengeber stand so Ende der 1990er Jahre wieder im Rampenlicht deutscher Geschichte bei den gemeinsamen Feiern am Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober.

Laschet spannte auch den Bogen von der Geschichte in die Gegenwart: „Wer heute über 80 Jahre alt ist, hat die Kriegswirren unter anderem mit Bombennächten und Diktatur erlebt. Und das ist alles viel näher, als wir manchmal glauben. Wenn man über geschichtliche Daten – wie den Fall der Mauer, das Ende des Krieges, die Überwindung dieser Auftragsverwaltung, ein Europa mit offenen Grenzen – spricht, dann muss man all denen sagen, die dies heute wieder in Frage stellen:  Wir lassen uns dieses Europa von niemanden kaputtmachen – auch nicht von rechts.“

Natürlich kommen zum Jubiläum viele Gratulanten, die Bürgermeister Herbert Corsten freundlich begrüßt. Foto: Heinz Eschweiler

Laschet blickte zu einem großen Lebensraum in der Grenzregion Deutschland, Niederlande und Belgien, er sah hier gelebtes Europa. Der NRW-Ministerpräsident lobte hier die Regierungen mit harmonischen Beziehungen und sprach von einer unbürokratischen Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Und Laschet zeigte sich erfreut, dass man auch in dieser Region „mautfrei“ bleibt, er lobte diese Entscheidung. „Eine Region ist hier ganz eng zusammengewachsen, und zur Einheit in der Euregio Maas-Rhein geworden. Der Selfkant war wie die Stadt Heinsberg vorne mit dabei und sagte: Da machen wir mit“, so Laschet: „Sie sind ein Motor der europäischen Entwicklung und auch für Nordrhein-Westfalen“,  würdigte der Ministerpräsident im Selfkant gelebte Tradition wie unter anderem Schützenfeste oder Karneval.

Im Wohnwagen kennengelernt

Und unterhaltsam sind nicht nur die Festreden und Gespräche am Rande. Kabarettist Konrad Beikircher steuert Anekdoten aus seinem Programm bei. Foto: Heinz Eschweiler

Theo Bovens, Gouverneur der Provinz Limburg, sorgte für gute Stimmung als er erzählte, wie er Armin Laschet in einem Wohnwagen beim Reitturnier in Aachen kennengelernt hatte. Der Gouverneur hob die enge Verbundenheit in der Selfkantregion hervor und sprach dabei über die Grenzen vor 100 Jahren. „So wie der Selfkant eine Zipfelregion ist, ist Limburg eine Zipfelprovinz der Niederlande“, sagte Bovens. „Die Niederlande wollten uns 1867 damals als Provinz nicht haben: ‚Was wollen wir mit diesem Landstrich‘ fragte man im Königreich.“ Aber mittlerweile sieht die Welt ganz anders aus: „Heute drehen wir diesen Spruch gerne um“, sagte Bovens lachend. „Wir sind gerne weiter die Zipfelprovinz, die Brücken nach Europa baut, wir vergrößern sozusagen unser eigenes Land.“

Die Selfkänter Feuerwehrleute sorgen für die Sicherheit der Gäste. Foto: Heinz Eschweiler

Bovens blickte auch zu Geschichte des Selfkants und besonders zur Auftragsverwaltung. „Wir gehörten länger zusammen, als wir getrennt waren.“ Er sprach eine rund 400 Jahre lange geschichtliche  Verbundenheit an. „Das Wappen des einstigen Herzogtums Jülich mit dem Löwen ziert immer noch die Fahne Süd-Limburgs“, so der Gouverneur.  Theo Bovens lobte die grenzenlose Geisteshaltung in der Selfkantregion. „Nur so baut man ein gemeinsames Europa auf“, sagte er. In diesem Sinne sei der Selfkant ein Pilotprojekt. „Der Selfkant hat in den 14 Jahren gezeigt, dass es die Grenzregionen sind, die das neue Europa zum Blühen bringen“, sagte Theo Bovens und sah in der Auftragsverwaltung ein echtes Wirtschaftswunder im Selfkant, denn beide Länder kümmerten sich um den Selfkant. „Wir können heute erneut in diesem würdigen Rahmen unsere Verbundenheit feiern“, sagte Theo Bovens in seiner emotionalen Festrede.

Weitere Festredner waren Laurent Mies (Bürgermeister Oberstdorf) und Siegfried Deinege (Görlitz), die den Selfkant als Ideengeber des Zipfelbundes würdigten und eine Zipfelbank im Gepäck hatten. Nach einer kurzen Pause übernahm der Kabarettist Konrad Beikircher mit seinem Programm „400 Jahre Beikircher“. Das war für die Besucher des Festaktes ein weiterer Höhepunkt. Beikircher warf ebenfalls einen Blick in die Geschichte – mit sächsischer und „öcher“ Sprachentwicklung.

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