Heinsberg: Die Kammer des Schreckens ist geöffnet

Heinsberg: Die Kammer des Schreckens ist geöffnet

Eigentlich ist das, was sich hinter der massiven rotbraunen Stahltüre in den Kellerkatakomben der Polizeidienststelle Heinsberg verbirgt, für jeden Nicht-Polizisten tabu. Und selbst von den Ordnungshütern ist nicht jeder jederzeit berechtigt, den Raum zu betreten. Die wenigen, die dennoch als Außenstehende einen Blick in die Asservatenkammer der Polizei werfen dürfen, erwarten meist eine Kammer des Schreckens und ein Kabinett des Grauens.

Doch das Bild der Beweisstückverwaltung überrascht. Die Realität in der Polizeibehörde Heinsberg ist deutlich unspektakulärer, als in den von Hollywood genährten Thriller-Fantasien. Denn eigentlich sieht der Raum, der als Asservatenkammer dient, aus wie ein großer Umzugswagen.

„Wer sich wie in amerikanischen Spielfilmen einen Raum voller langer Regale vorstellt, in denen die nummerierten Waffen und Beweisstücke lagern, liegt völlig falsch“, sagt Hans Josef Schürmann. Der Oberkommissar ist Wächter über die Asservatenkammer. Das ist aber nicht sein einziges Aufgabengebiet — wenn er sich nicht um die Beweisstücke kümmert, ist er mit administrativen Aufgaben im Kommissariat beschäftigt. „In amerikanischen Filmen ist ein Polizist ständig für die Asservatenkammer zuständig und sitzt wie ein Wachhund davor. Das ist in der Wirklichkeit nicht so. Dabei könnte das Hüten der Asservatenkammer allein eigentlich ein Fulltimejob sein. Vor allem, weil wir hier gänzlich auf die Hilfe von Computern verzichten“, erklärt Schürmann. Das sei in einem Erlass geregelt, erklärt Schürmanns Kollege Bernd Geiser.

Keine Spur also von High Tech und modernen Archivierungssystemen in der Asservatenkammer: Die einzelnen Beweisstücke in dem rund 20 Quadratmeter großen Raum sind sorgfältig in braunes Packpapier eingewickelt und in Umzugskartons verpackt. Ein Karton für jeden Fall — die richtig dicken Fische hinterlassen Beweisstücke, mit denen die Beamten gleich ein halbes Dutzend Kartons füllen können.

Bevor die Asservate in der Kammer landen, sind sie zuvor alle handschriftlich aufgelistet, beschrieben und beschriftet worden. Nur bei Bedarf werden die Beweisstücke — also alles, was mit dem Verbrechen und dem Tatort in Verbindung steht, oft Handys, Laptops, Computer und Drogen, manchmal Flaschen, Gläser oder Taschentücher mit DNA-Spuren vom Tatort und selten Außergewöhnliches wie Samurai-Schwerter — mit größter Vorsicht ausgepackt. Sie werden dann zur Spurensicherung, zur kriminaltechnischen Untersuchung beim Landeskriminalamt oder zur Staatsanwaltschaft verschickt. „Und natürlich muss alles, was rausgeschickt wird oder von den Untersuchungen zurückkommt akribisch dokumentiert werden — und dann auch wieder zurück in den richtigen Karton sortiert werden“, sagt Hans Josef Schürmann. „Ein gewisser Ordnungssinn ist in diesem Job von Vorteil.“ Nur wenige, sehr sperrige Beweisstücke sind nicht verpackt, darunter eine Armbrust und drei Kettensägen. „Die stammen nicht aus Kettensägen-Morden, sondern sind Beweisstücke aus einem Einbruch“, erklärt Schürmann und lässt damit keinen Raum für Spekulationen.

Überhaupt lagern die Beweismittel aus Morden ganz woanders. In der Heinsberger Polizeibehörde existiert keine zentrale Asservatenkammer, alle Ermittlungsdienststellen verfügen zumindest über einen Beweismittelraum. Insgesamt existieren zwölf Asservatenräume.

Und in der Asservatenkammer des Kommissariats 2, deren Wächter Schürmann ist, lagern im Durchschnitt 1000 Asservate aus 70 bis 100 laufenden Verfahren. Sie ist mit Abstand die am besten gefüllte Asservatenkammer der Heinsberger Behörde. Und das verwundert kaum, denn Kommissariat 2 behandelt Delikte unter anderem aus dem Bereich Einbruchs- und Rauschkriminalität — Delikte, bei denen aus der Natur der Sache heraus die meisten Asservate anfallen. Und so gibt es in der Asservatenkammer des Kommissariats 2 zwar auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches zu sehen, dafür aber zu riechen. Der charakteristisch-intensive Geruch von Haschisch liegt in dem ganzen Kellerraum schwer in der Luft. Und wenn man die Geruchsfährte aufnimmt, stellt man schnell fest, dass die beiden Stahlschränke, die unauffällig an einer Wand des Raums stehen, den Geruch verströmen. „Drogen bewahren wir besonders gesichert auf“, sagt Schürmann und öffnet die Tür eines Stahlschranks. Drin steht an diesem Tag „nur“ ein Sack Haschisch von der Größe eines Müllbeutels. „Normalerweise ist es viel mehr. Aber im Dezember haben wir erst 400 Kilo Haschisch in der Verbrennungsanlage in Weisweiler vernichtet“, sagt Hans Josef Schürmann.

Gesichert aufbewahrt werden nicht nur die sichergestellten Drogen, sondern auch Schusswaffen. In einem anderen Asservatenraum in den Kellerkatakomben hat Kreisamtsrat Ralf Schirpenbach seine Waffen-Asservatenkammer. Zwei Dutzend beschlagnahmte Schusswaffen lagern hier, 30 Pistolen und gut 70 Gewehre aus legalen Altbeständen werden hier sicher aufbewahrt, bis sie vernichtet werden. Und auch Schmuck und Geld, das bei überführten Einbrechern sichergestellt wird, wird nicht in Hans Josef Schürmanns Hoheitsgebiet aufbewahrt — auch wenn „seine“ Asservatenkammer zum für Einbruch zuständigen Kommissariat gehört. „Wertsachen kommen natürlich in einen Tresor, der sich im Gebäude befindet“, sagt Hauptkommissar Bernd Geiser. „Alle Wege zur Asservatenkammer sind videoüberwacht, und die Drogen und besonders wertvollen Funde sind durch extra Sicherungssysteme geschützt. Bei uns ist noch nichts weggekommen“, sagt der Hauptkommissar.

Wenn es sich bei den Beweisstücken nicht um illegale Gegenstände wie Drogen oder nicht registrierte Waffen handelt, bekommen die eigentlichen Besitzer sie wieder zurück. Gestohlene Fahrräder zum Beispiel. „Das sind dann unsere schönen Fälle“, erklärt Geiser. Die seien aber eher selten, weil häufig die Besitzer die Fahrradrahmennummern nicht kennen.

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