Lebensraum und Isolierung: Die Artenvielfalt im Kreis Heinsberg geht zurück

Lebensraum und Isolierung : Die Artenvielfalt im Kreis Heinsberg geht zurück

Ob entlang der Rur, in der Feldern, der Heide oder im Wald – der Kreis Heinsberg ist Lebensraum für viele Tierarten. Aber um manche Art steht es nicht sehr gut. Auch wenn sich Biber und Uhu wieder im Kreis ausbreiten, gibt es viele Tierarten, die zu verschwinden drohen.

„Im Allgemeinen geht die Artenvielfalt ganz stark zurück“, sagt Landschaftsökologe Alexander Terstegge von der Naturschutzstation Haus Wildenrath. Ein Teil seiner Aufgaben dort ist, zu erfassen, welche Tiere wo im Kreis Heinsberg und in Mönchengladbach leben. Manche Tiere verlieren ihren Lebensraum, andere kommen nur an wenigen Stellen isoliert von Artgenossen vor. Schlimmstenfalls können solche Arten von der Bildfläche verschwinden.

Trotzdem kommen auch im Kreis Heinsberg interessante Tiere vor, von denen viele Menschen nicht wissen, dass sie in unserer Region leben. Darüber haben wir mit Alexander Terstegge gesprochen.

An der Rur und Wurm

Er ist wieder zurück, und das schon seit einiger Zeit: An den Gewässern im Kreis Heinsberg macht sich der Biber immer weiter breit. Alexander Terstegge schätzt, dass es rund 40 Biberreviere – mit jeweils einem bis sechs Tieren – im Kreis gibt, viele davon entlang von Rur und Wurm. Der zuvor ausgerottete Biber sei in den 80er Jahren in der Eifel ausgesetzt worden, über die Rur wieder in den Kreis Heinsberg gekommen – und dann auch die Wurm hinaufgewandert. An den Bäumen an Seen und Flüssen hinterlässt der Biber mit seinen scharfen Zähnen oft Spuren, die zum Beispiel bei einem Spaziergang durch das Schaagbachtal zu sehen sind.

Ebenfalls verbreitet ist der Eisvogel an den Gewässern im Kreis Heinsberg. Er ist etwa an Rur, Wurm und Schwalm sowie an Aldolfosee, Lago Laprello und Kapbuschsee zu Hause: Die Vögel graben ihre röhrenartigen Nester in Steilufer oder umgestürzte Wurzelteller.

Weniger des Wassers wegen, sondern weil er eine bestimmte Pflanze zum Überleben braucht, ist der seltene Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling an der Rur zu finden. Die Raupen, aus denen später Schmetterlinge werden, ernähren sich von den Blüten des Großen Wiesenknopfes, und der kommt eben an der Rur vor. Aktuell versuchen deutsche und niederländische Naturschützer, die Populationen der im Kreis Heinsberg bedrohten Art zu verknüpfen.

„Im Allgemeinen geht die Artenvielfalt ganz stark zurück“, sagt Alexander Terstegge. Foto: ZVA/Daniel Gerhards

Auf dem Acker

Auf den Feldern im Kreis ist von der einstigen Artenvielfalt immer weniger zu sehen. Dass es auf den hiesigen Äckern Kiebitze, Feldlerchen und Rebhühner gibt, ist erwähnenswert, denn vielerorts verschwinden diese Tiere. Das waren mal Allerweltsvögel, aber es gibt heute immer weniger davon. So ist der Bestand der Kiebitze in Deutschland seit 1992 um 88 Prozent zurückgegangen.

„Wir fangen jetzt an, den Kiebitz im Kreis Heinsberg aktiv zu schützen“, sagt Alexander Terstegge. Will heißen, die Mitarbeiter der Naturschutzstation markieren die Nester der Vögel auf den Feldern, damit die Landwirte sie nicht mit ihren Maschinen überfahren. Das Projekt startet im Selfkant und soll den starken
Rückzug des Kiebitz’ bremsen.

Auf den Feldern im Selfkant gebe es auch noch Feldhamster, allerdings nur „ganz vereinzelt“. „Früher war das mal ein Ackerschädling, heute ist er stark vom Aussterben bedroht“, sagt Landschaftsökologe Terstegge.

Nachts in der Luft

Ein Nachtschwärmer, der im Kreis unterwegs ist, ist die Wimperfledermaus. „Das ist eine Besonderheit für Nordrhein-Westfalen“, sagt Terstegge. Denn eigentlich ist diese Fledermausart eher weiter südlich heimisch. Die nördlichsten Fortpflanzungsnachweise weltweit stammen aus Limburg und dem Kreis Heinsberg. Eine weitere Besonderheit ist, dass die Wimperfledermaus eine gebäudebewohnende Fledermaus ist. Sie bringt ihre Jungen in sogenannten „Wochenstuben“ auf Dachböden oder Viehställen zur Welt.

Ein anderer Nachtschwärmer, der Uhu, sei ein „Spezialfall“, sagt Terstegge: „Er breitet sich wieder aus, aber nur an ganz besonderen Standorten.“ Der Felsbrüter suche etwa nach Kiesgruben und wähle auch mal Wanderfalkenkästen als Brutplatz. „Der Uhu ist die größte Eule, das ist schon ein imposantes Tier“, sagt Terstegge. Die schwersten mitteleuropäischen Uhus wiegen 3,2 Kilogramm, ihre Flügelspannweite beträgt rund 1,70 Meter.

In Teich und Pfütze

Ganz bestimmte Lebensbedingungen braucht die Kreuzkröte, die etwa in der Teverener Heide oder nahe des Meinweggebietes vorkommt. Sie benötige „temporäre Gewässer“, sagt Alexander Terstegge. Das seien oft Pfützen die zum Beispiel in Panzerfahrspuren auf Truppenübungsplätzen entstehen. So sei der Laich der Kröten vor Räubern, wie zum Beispiel Fischen, geschützt, die ihn sonst fressen würden. In Teichen könnten auch Libellenlarven dem Krötennachwuchs gefährlich werden. „Die Kreuzkröte ist eine seltene Art, weil sie einen besonderen Lebensraum braucht“, sagt Terstegge, sie komme nur in sehr wenigen Gebieten im Kreis vor.

Äußerst klein ist gar die Population der Geburtshelferkröte im Kreis: Sie ist „völlig isoliert und kommt nur an einer Stelle im Kreis Heinsberg vor“, sagt Terstegge.

Im Wald

Neben Rehen, Wildschweinen und Füchsen sind die Waldgebiete im Kreis Heinsberg auch Lebensraum für einige interessante Vogelarten: Der Schwarzspecht etwa ist eng an alte Baumbestände gebunden. Er baut seine Brut- und Schlafhöhlen beispielsweise in 80- bis 100-jährige Buchen mit über 35 Zentimeter starken Stämmen. Der Trommelwirbel des Männchens besteht aus rund 17 Schlägen pro Sekunde.

Sehr vereinzelt gebe es Horste des Wespenbussards in den hiesigen Wäldern, sagt Terstegge. Der Wespenbussard ist hinsichtlich seiner Ernährung hochspezialisiert und nimmt somit eine Sonderstellung unter den europäischen Greifvögeln ein. Er ernährt sich ganz überwiegend von der Brut der Wespe.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Einige Tierarten im Kreis Heinsberg sind bedroht

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