Deutschland wird Nichtschwimmerland

Alarmierende Zahlen : Deutschland wird Nichtschwimmerland

Die Zahlen sind alarmierend: Immer weniger Kinder in Deutschland können sicher schwimmen oder sich auch nur über Wasser halten. Eine Studie der DLRG aus dem Jahr 2017 hat bereits vor zwei Jahren belegt, dass am Ende der vierten Klasse noch immer mehr als die Hälfte, nämlich 56 Prozent der deutschen Grundschüler, Nichtschwimmer sind. „Und die Tendenz ist steigend“, sagt Annette Sielschott vom Regionalen Bildungsnetzwerk des Kreises Heinsberg.

Auch der Kreis Heinsberg folgt diesem Negativtrend, bedauert die Expertin. Und hört man sich in Schulen und bei Schulträgern um, so stützen ihre Erfahrungen die bedenkliche Entwicklung.

Betroffen, aber nicht überrascht

Um belegbare Zahlen zu haben und so für das Thema noch einmal sensibilisieren zu können, hat Annette Sielschott selbst eine repräsentative Studie zur Schwimmfähigkeit der Schüler der ersten bis sechsten Klasse im Kreis Heinsberg aufgelegt und die Ergebnisse der umfassenden Datenerhebung nun Experten aus Grund- und weiterführenden Schulen, Schwimmlehrkräften und Vertretern aus Vereinen, Verbänden und der Verwaltung präsentiert. Und von den Ergebnissen, so viel darf vorweg genommen werden, zeigten sich alle betroffen, jedoch aufgrund der eigenen Erfahrungswerte nicht überrascht.

Annette Sielschott vom Regionalen Bildungsbüro des Kreises Heinsberg hat eine Studie zur Schwimmfähigkeit der Kinder im Kreis Heinsberg vorgelegt. Foto: Nicola Gottfroh

Insgesamt 77 Schulen im Kreis Heinsberg haben sich an der Datenerhebung beteiligt, in der Summe wurde die Schwimmfähigkeit von 12.138 Schülern in der Studie erfasst. Das erschreckende Ergebnis: Von ihnen sind 2990, also 25,7 Prozent Nichtschwimmer, die kein Schwimmabzeichen besitzen.

Betrachtet man sich dieses Ergebnis nach Schulformen, stellt man fest, dass 31 Prozent der Grundschüler Nichtschwimmer sind, 30 Prozent gelten als unsichere Schwimmer – das sind 5060 Kinder. „Etwa 40 Prozent der Kinder verlassen die Grundschule als Nichtschwimmer beziehungsweise unsichere Schwimmer“, machte Sielschott deutlich.

Mehr als die Hälfte der Fünft- und Sechstklässler (57,6 Prozent) aller Hauptschüler kann nicht, beziehungsweise nur unsicher schwimmen – im Vergleich zum Gymnasium eine enorm hohe Zahl, sind dort doch Dreiviertel aller Fünft- und Sechstklässler sichere Schwimmer. „Dennoch: In jeder fünften und sechsten Klasse des Gymnasiums ist mindestens ein Nichtschwimmer“, zeigte Sielschott auf. Generell lasse sich feststellen, so erklärte Annette Sielschott, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien und Kinder mit beidseitigem Migrationshintergrund besonders häufig zu den Nichtschwimmern zählten.

Es gibt noch viel zu tun

„So erschreckend die Zahlen auch sind – geht es noch deutlich schlechter“, erklärte Sielschott. Denn der Kreis Heinsberg hat in der Vergangenheit bereits Maßnahmen ergriffen, um die hohe Nichtschwimmerquote zu bekämpfen. Schon im Jahr 2015 hat das Bildungsbüro gemeinsam mit dem Kreissportbund das Projekt „Mathe schützt nicht vor ertrinken“ initiiert. (Siehe Bericht unten). Rund 5500 Kinder aus fünf Kommunen nahmen in den vergangenen Jahren bereits daran teil. „Es lässt sich sagen, dass bei den teilnehmenden Schulen die Quote der Nichtschwimmer deutlich gesenkt und die Zahl der sicheren Schwimmer, die mindestens das Bronze-Abzeichen besitzen, erhöht werden konnte“, betont Sielschott. So zeigt die Studie, dass in den zweiten Schuljahren, die im vergangenen Jahr als erste Klasse am Projekt teilgenommen haben, die Quote der Abzeichen-Inhaber um zwei Prozent höher ist und die Quote der Nichtschwimmer zwei Prozent niedriger als in den Vergleichsklassen. „Das ist ein erster guter Ansatz, aber es gibt noch viel zu tun, damit alle Kinder wieder sichere Schwimmer werden“, sagte Sielschott.

Einig waren sich die anwesenden Experten vor allem darin, dass die Gründe für die hohe Nichtschwimmerquote auch von der Politik gemachte sind. Denn immer mehr Bäder fallen dem Sparzwang der Kommunen zum Opfer. „Wenn wir erst mit dem Bus in die Nachbarkommune fahren müssen, dann sind die Wasserzeiten äußerst knapp“, ärgerte sich eine anwesende Lehrerin, die den Schwimmunterricht nicht nach Lehrplan umsetzen kann. Eine andere beklagte, dass ihr im Schwimmunterricht gerade einmal eine Bahn für 30 Kinder zur Verfügung stünde. Auch die Tatsache, dass viele Bäder in Spaßbäder umgewandelt würden, in denen Lehrschwimmbecken wegfallen, verschärfe das Problem.

Kreative Lösungen gefragt

Aber auch die Eltern müssten stärker in die Pflicht genommen werden, forderte Gerd Schütz von der DLRG: „Früher war es selbstverständlich, dass Eltern ihren Kindern das Schwimmen beigebracht haben. Das ist heute leider nicht mehr so.“ Dabei sei das Ertrinken bei kleinen Kindern weltweit die zweithäufigste Todesursache. „Die Gefahr des Ertrinkens lauert für unsichere Schwimmer in jedem Freibad und an jedem See.“ Er appellierte gemeinsam mit Annette Sielschott an Kommunen und Badbetreiber, Lehrer und Ehrenamtler, sich kreative Lösungen einfallen zu lassen, die Kinder ins Wasser und zum Schwimmen zu bekommen, etwa durch kommunale Zuständigkeiten, Wasserzeiten, Eintrittsgelder, Schwimmkurse und Imagekampagnen. Und besonders Eltern rät die Expertin: „Führt die Kinder an die Wassergewöhnung und das Schwimmenlernen heran. Das muss nicht einmal teuer sein, denn viele Schwimmbäder bieten kostenlosen Eintritt für Kinder unter sechs Jahren an.

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